Zwangsmigration: Nicht nur Krieg treibt Menschen in die Flucht

Hunger, Naturkatastrophen, mangelnde Perspektiven: Die Liste der Gründe, weshalb Menschen ihren Heimatort verlassen, ist lang. Forscher der Universität Hohenheim nehmen sie ins Visier – und suchen Lösungsansätze für die spezifischen Probleme. Als Co-Veranstalter bereiten sie deshalb zurzeit die Berliner Konferenz im Rahmen des DAAD-Programmes „exceed – Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit“ vor. Infos und Anmeldung zur Konferenz am 19.10.2016 unter www.exceed.global. Pressevertreter sind herzlich eingeladen.

Krieg und Gewalt – dass dies Menschen zur Flucht zwingt, ist den meisten bewusst. „Doch Hunger und Armut, Vernichtung des Lebensraums oder mangelnde Perspektiven im Heimatland sind ebenso wichtige Fluchtursachen“, betont Dr. Nicole Schönleber. „Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind derzeit mehr als 65 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht“, erklärt Dr. Jenny Kopsch-Xhema, „wobei die meisten nicht die Grenzen ihres Landes überschreiten.“

Die beiden Geschäftsführerinnen des Food Security Centers (FSC) an der Universität Hohenheim bereiten gerade zusammen mit vier weiteren Exzellenzzentren im Rahmen des Programmes „Exceed – Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit“ die Konferenz „Forced Migration – environmental and socioeconomic dimensions“ vor, die am 19. Oktober 2016 in Berlin stattfindet.

Forscher der fünf deutschen Hochschulen und ihre internationalen Partner diskutieren dort das breite Spektrum an Fragen rund um die Zwangsmigration. Mit von der Partie: Prof. Dr. Manfred Zeller, Leiter des Fachgebiets Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik für den ländlichen Raum an der Universität Hohenheim.

Beispiel für Fluchtursache: Mangel an Brennmaterial

Prof. Dr. Zeller erforscht, wie es zur Migration innerhalb eines Landes kommt: Als ein konkretes Beispiel untersucht er in Malawi, warum viele Menschen ihren Heimatort verlassen. „Das wichtigste Brennmaterial zum Kochen ist Brennholz und Holzkohle“, berichtet Prof. Dr. Zeller. „Doch durch das starke Bevölkerungswachstum entsteht ein Ungleichgewicht bei Angebot und Nachfrage.“

Verschärft würde dies durch immer höheren Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen, was Abholzung zur Folge habe. „Letztendlich sind die Menschen gezwungen an einen anderen Ort zu ziehen, um zu überleben“, so der Experte. Die Forscher entwickeln daher ein Modell, mit dem sie die künftige Entwicklung in Malawi abschätzen. „Damit können wir simulieren, wie sich zum Beispiel verbesserte Kochöfen oder eine Förderung der Agroforstwirtschaft auswirken.“

Das Ergebnis: Einsparungen auf der Nachfrageseite allein reichen nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen. Aber ein größeres Angebot etwa durch Agroforstwirtschaft kann deutlich die Versorgung verbessern, zur Ernährungssicherheit beitragen und außerdem die Umwelt schützen. „Schließlich ist es eigentlich im Sinne der Nachhaltigkeit, Biomasse als Brennmaterial zu nutzen, und das sollte eigentlich niemanden zur Migration zwingen.“

Beispiel für Alternativen zur Flucht: Zusätzliche Einkommensmöglichkeiten

Ein weiterer häufiger Fluchtgrund: Das Einkommen reicht nicht für die Familie aus. Die Hoffnung auf Alternativen treibt vor allem Menschen vom Land in die Stadt. Anna Seidel prüft daher im Rahmen ihrer Bachelorarbeit bei Prof. Dr. Uta Dickhöfer im Fachgebiet Tierernährung und Weidewirtschaft in den Tropen und Subtropen an der Universität Hohenheim, inwieweit der Anbau von Futtergräsern die Leistung von Rindern und somit das Einkommen von Bauern im Osten Kambodschas verbessern kann. Die Arbeit wird von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gefördert.

Gemeinsam mit Dr. Adrian Bolliger vom International Center for Tropical Agriculture (CIAT) führt Seidel einen Fütterungsversuch mit lokalen Rindern durch. Dabei vergleicht sie die Gewichtszunahme bei Stallfütterung von Futtergräsern mit der von Tieren, die ausschließlich auf natürlichen Weiden grasen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die stallgefütterten Rinder weniger Gewicht zulegen, da die Weidevegetation während der Regenzeit einen höheren Futterwert aufweist.

„Mögliche Alternative könnten darin bestehen, die Futtergräser etwa durch Silierung zu konservieren und während der Trockenzeit zuzufüttern“, meint Prof. Dr. Dickhöfer. Allerdings müssten künftige Studien verstärkt den erhöhten Arbeitsaufwand und die zusätzlichen Kosten einer Stallfütterung berücksichtigen.

Beispiel für Folgen der Flucht: Mangelernährung

Eine häufige Folge der Flucht ist Mangelernährung. Dies untersucht PD Dr. Veronika Scherbaum vom Fachgebiet Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft an der Universität Hohenheim. Sie startet gerade zusammen mit der American University Beirut eine Studie, bei der die Ernährungssituation der syrischen Flüchtlinge im Libanon im Fokus steht.

In einer Vorstudie erhebt sie mit ihrem Team die Ernährungssituation von Asylsuchenden in Gemeinschaftsunterkünften der Caritas in Stuttgart. „Wir erfassen die Ernährungsweisen im Herkunftsland, während der Flucht und nach Ankunft in Deutschland“, erklärt die Expertin. „Und wir berücksichtigen auch, welche finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, wie die kulturspezifischen Nahrungspräferenzen aussehen sowie sonstige Hindernisse und Möglichkeiten.“

Einen besonderen Schwerpunkt legen die Forscherinnen auf schwangere und stillende Asylbewerberinnen. Mithilfe von 24-Stunden-Ernährungsprotokollen wollen sie Nährstofflücken identifizieren und realistische Empfehlungen erarbeiten, um kurz- und langfristige Auswirkungen einer Mangelernährung so weit wie möglich zu verhindern. Derzeit werten sie die im Rahmen von zwei Masterarbeiten erhobenen Daten aus.

Exceed-Konferenz am 19.10.2016 in Berlin

Diese und andere aktuelle Forschungsergebnisse, Herausforderungen und Strategien und Lösungsansätze für die Bekämpfung von Zwangsmigration diskutieren Konferenzbesucher aus der ganzen Welt auf der ersten Exceed-Konferenz:

• Zeit: 19. Oktober 2016 ab 9 Uhr

• Ort: Auditorium Friedrichstraße in Quartier 110, Friedrichstraße 180, 10117 Berlin

• Infos und Anmeldung: http://www.exceed.global

• Pressevertreter, die an der Konferenz teilnehmen möchten, bitte melden bei der Koordinatorin der Exceed-Konferenz:

Catalina Diaz Fahrenberger (CIH München), Tel. 089 4400 52491, Fax: 089 4400 54954, E-Mail: exceed.conference@lrz.uni-muenchen.de

Hintergrund: Exceed-Programm

Im Rahmen des Programmes „Exceed – Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit“ kooperieren seit 2009 fünf deutsche Hochschulzentren mit ihren 37 internationalen Partnern. Eines dieser Zentren ist das Food Security Center (FSC) der Universität Hohenheim, weitere sind Zentren an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Technischen Universität Braunschweig, der Technischen Hochschule Köln und an der Universität Kassel.

Alle Exceed-Zentren vereint im Sinne der UN Sustainable Development Goals die Suche nach den Ursachen von Armut, Fehl- und Mangelernährung. Sie erforschen, wie Wasser besser verfügbar sein und nachhaltig bewirtschaftet werden kann und wie die natürlichen Ressourcen zu schützen sind. Außerdem im Fokus: bessere Sanitärversorgung, optimierte Gesundheitsversorgung und bessere Arbeitsbedingungen.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert das Exceed-Programm, das der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) verwaltet.

Hintergrund: Food Security Center (FSC)

Das Food Security Center (FSC) ist ein Exzellenzzentrum der Universität Hohenheim und kooperiert mit Partnerinstitutionen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Das FSC leistet wissenschaftliche Beiträge, um den Hunger in der Welt zu vermindern und die Ernährungssicherung zu verbessern. Damit trägt es zum Erreichen der UN Sustainable Development Goals (SDGs) bei. Das FSC vereint Kompetenzen aus den Agrar-, Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Die vier Arbeitsschwerpunkte des FSC liegen in der Forschung, der Aus- und Weiterbildung von jungen Wissenschaftlern, dem Wissenstransfer weltweit sowie in der Öffentlichkeitsarbeit und (Politik-)Beratung. Homepage: http://www.fsc.uni-hohenheim.de

Links:
Exceed- Hochschulexzellenz in der Entwicklungszusammenarbeit: http://www.exceed.global
Food Security Center (FSC): http://www.fsc.uni-hohenheim.de

Kontakt für Medien:
Dr. Jenny Kopsch-Xhema, Universität Hohenheim, Food Security Center, T 0711 459 24451, E jenny.kopsch@uni-hohenheim.de

Dr. Nicole Schönleber, Universität Hohenheim, Food Security Center, T 0711 459 24454 E nicole.schoenleber@uni-hohenheim.de

Text: Elsner

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