Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Die Meeresmücke Clunio marinus lebt an den von Ebbe und Flut geprägten Küsten Europas. Dort hat gutes Timing eine existenzielle Bedeutung: Paarung und Eiablage der Mücken müssen genau dann stattfinden, wenn das Wasser so niedrig wie möglich steht. Dies ist immer nur während weniger Stunden an bestimmten Tagen der Fall, nämlich während des sogenannten Springniedrigwassers. Der Verlauf der Gezeiten – und somit auch der Zeitpunkt des Springniedrigwassers – werden sowohl durch die Sonne als auch durch den Mond bestimmt. Um den idealen Zeitpunkt der Fortpflanzung vorhersagen zu können, besitzt die Meeresmücke daher zwei innere Uhren: eine Tagesuhr, gestellt durch die Sonne; und eine einem Kalender vergleichbare Monduhr, gestellt durch den Mond.

Da das Springniedrigwasser aufgrund geografischer Gegebenheiten an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten auftritt, muss die Meeresmücke ihre Uhren dem Ort entsprechend „stellen“. Schon in den 1960er Jahren fanden WissenschafterInnen heraus, dass die Tagesuhren der Mücken entlang der europäischen Atlantikküste an den örtlichen Ablauf der Gezeiten genetisch präzise angepasst sind.

In der Folge untersuchte die Gruppe um die Neurobiologin Kristin Tessmar-Raible, wie diese Anpassungen auf molekularer Ebene erfolgen können. Ins Rollen gebracht wurde diese Arbeit von Postdoc Tobias Kaiser, der schon in seiner Doktorarbeit gezeigt hatte, dass sich auch die Monduhr an die Gezeiten anpasst. In seiner anschließenden Postdoc-Zeit an der Universität Wien und in enger Zusammenarbeit mit der Gruppe um Arndt von Haeseler vom Center for Integrative Bioinformatics Vienna (CIBIV, MFPL, Universität Wien und MedUni Wien) entschlüsselte er das Clunio-Genom und verglich die Gensequenzen zwischen Mücken mit unterschiedlichen Fortpflanzungszeiten. Das erlaubte, jene Gene zu identifizieren, welche zu einer Anpassung der Mond- und Tagesuhr bei der Meeresmücke geführt haben.

Weiterführende molekulare Arbeiten insbesondere durch die PhD-Studentin Birgit Pöhn führten dann zu einem ersten mechanistischen Modell für die „Feineinstellungen“ der Tagesuhr. Im Rahmen der Forschungsplattform „Rhythmen des Lebens“ der Universität Wien arbeitete sie eng mit den Teams um Thomas Hummel (Fakultät für Lebenswissenschaften, Universität Wien) zusammen. Eine Kollaboration mit dem Team von Florian Heyd an der Freien Universität Berlin steuerte weitere wichtige Experimente bei.

Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Clunio-Tagesuhr durch Veränderung an einem bestimmten Protein, genannt Kalzium-Calmodulin-abhängige Kinase II (CaMKII,) an ihre geografische Lage angepasst wird. „Durch die entstehenden unterschiedlichen Varianten von CaMKII kann die Tagesuhr entweder schneller oder langsamer laufen“, erklärt Tessmar-Raible: „Spannenderweise besitzen auch Menschen dieses Protein, und es hat sich in der Evolution kaum verändert. Wenn man an die unterschiedlichen menschlichen Chronotypen denkt, wirft das natürlich die Frage auf, ob CaMKII auch da eine Rolle spielen könnte.“

Zusätzlich ist das CaMKII-Protein eines der häufigsten Proteine im menschlichen Gehirn und wurde schon mit neuropsychiatrischen Krankheiten in Verbindung gebracht, die oftmals gemeinsam mit Störungen der Tagesuhr auftreten. „Unsere Studie wirft viele spannende, weiterführende Fragen auf: Neben Einsichten in die Modulation der Tagesuhr liefert unsere Arbeit auch mögliche Moleküle für die Modulation des ‚inneren Kalenders‘, der Monduhr. Und beim Verständnis dieser Uhren steht die Biologie noch ganz am Anfang“, fügt Kaiser abschließend hinzu. Er wird insbesondere diesem Aspekt mit seiner eigenen Gruppe am Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie in Plön nun weiter auf den Grund gehen.

Publikation in „Nature“
Tobias S. Kaiser, Birgit Poehn, David Szkiba, Marco Preussner, Fritz J. Sedlazeck, Alexander Zrim, Tobias Neumann, Lam-Tung Nguyen, Andrea J. Betancourt, Thomas Hummel, Heiko Vogel, Silke Dorner, Florian Heyd, Arndt von Haeseler, Kristin Tessmar-Raible. The genomic basis of circadian and circalunar timing adaptations in a midge.
DOI 10.1038/nature20151

Wissenschaftlicher Kontakt
Univ.-Prof. Dr. Kristin Tessmar-Raible
Max F. Perutz Laboratories
Universität Wien
Vienna Biocenter
1030 Wien, Dr.-Bohr-Gasse 9
T +43-1-4277-746 35
M +43-664-602 77-746 35

Dr. Tobias Kaiser
Max Planck Institut für Evolutionsbiologie
24306 Plön, August-Thienemann-Str. 2
T +49-4522-763224

Rückfragehinweise
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33

Caterina Purini, MSc
Max F. Perutz Laboratories
Communications
Vienna Biocenter
1030 Wien, Dr.-Bohr-Gasse 9
T +43-1-4277-240 14
M +43-664-602 77-24014

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.800 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 94.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 175 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feierte die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum.

Über die MFPL
Die Max F. Perutz Laboratories (MFPL) sind ein gemeinsames Forschungs- und Ausbildungszentrum der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien am Vienna Biocenter, einem der größten Life Sciences Cluster in Österreich. An den MFPL sind rund 500 MitarbeiterInnen aus 40 Nationen in durchschnittlich 60 Forschungsgruppen mit Grundlagenforschung und Lehre im Bereich der Molekularbiologie beschäftigt.

Über die Forschungsplattform „Rhythmen des Lebens“
Die Universität Wien fördert seit 2013 die fakultätsübergreifende Forschungsplattform „Rhythmen des Lebens“. Beteiligt sind die Max F. Perutz Laboratories (MFPL), die Fakultät für Lebenswissenschaften und die Fakultät der Chemie. Universitäre Forschungsplattformen erleichtern die Kollaboration zwischen unterschiedlichen Zentren und Fakultäten der Universität Wien. Ihre Ergebnisse liefern oftmals die Grundlage für erfolgreiche Einreichungen für Drittmittelförderungen.

Scroll to Top