Ziel: Gesundheitsförderung – Physiotherapie-Studentinnen berichten über ihre Erfahrungen

Sie haben beide vor Ihrem Studium eine Ausbildung zur Physiotherapeutin abgeschlossen. Was reizt Sie an der Physiotherapie?
E. Smolka: Als ein Elternteil von mir einen Schlaganfall erlitt, habe ich die Leistung der Physiotherapeuten sehr bewundert, die mit viel Arbeit bemerkenswerte Erfolge möglich gemacht haben. Außerdem mache ich gerne Sport wie Reiten oder Badminton. Da lag die Ausbildung zur Physiotherapeutin quasi auf der Hand.
C. Ehresmann: Ja, Menschen zu helfen, therapeutisch tätig zu sein und das mit meinem Hobby Sport zu verbinden – das hat mich auch zu der Ausbildung bewogen.

Nach Ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin haben Sie jeweils ungefähr ein Jahr in einer Praxis gearbeitet. Was hat Sie dann veranlasst, ein Studium zu beginnen?
E. Smolka: Trotz der intensiven Ausbildung hatte ich danach im Berufsalltag das Gefühl, dass mir wichtiges Wissen fehlt, um den Patienten umfassend betreuen zu können. Auch kann man sich während der Ausbildung nicht spezialisieren, das ist erst später mit Fortbildungen möglich. Der Arbeitsalltag ist sehr stressig, die Patienten werden oft im 20-Minuten-Akkord behandelt. Da fehlt die Zeit, um den Patienten eingehend und über das akute Problem hinaus behandeln zu können. Das finde ich sehr schade.
C. Ehresmann: Dadurch fehlt auch oft die Zeit für Analysen oder Dokumentationen. Für Reflexion oder den Austausch mit Kollegen bleibt da kaum Raum. Ich hoffe, dass ich durch das Studium die Möglichkeit bekomme, an den Grundlagen im Gesundheitswesen etwas zu verändern. Ich möchte nicht nur auftretende Symptome behandeln, sondern aktiv die Gesundheit fördern.

Was haben Sie von dem Studium erwartet?
C. Ehresmann: Ich finde es gut, dass der Studiengang ganzheitlich ausgerichtet ist. Dadurch haben wir viele verschiedene Fächer, wie zum Beispiel Gesundheitsökonomie, Biomechanik, Epidemiologie, Psychologie, Rhetorik, Pädagogik oder Diagnostik. Einer der Gründe für das Studium in Emden für mich war außerdem, dass man nur zwei Tage pro Woche und bei Blockveranstaltungen an der Hochschule anwesend sein muss. So ist es möglich, noch nebenbei zu arbeiten und sich das Studium zu finanzieren. Dennoch handelt es sich dabei um ein Vollzeit-Studium mit viel Vor- und Nachbereitungszeit. Das darf man nicht unterschätzen!

Wie ist der Studiengang gestaltet?
C. Ehresmann: Der Studiengang Physiotherapie beinhaltet keine Praxissemester oder Praktika. Die Praxis hatte man in der Ausbildung, hier steht die Wissenschaft klar im Vordergrund. Mich spricht das sehr an, aber darüber sollten sich Studienanfänger vor Studienbeginn wirklich klar sein. Die Ausbildung wird dann auch mit zwei Semestern angerechnet, so dass die tatsächliche Studienzeit von sechs auf vier Semester verkürzt wird.
E. Smolka: Man wird hier wirklich gefordert. Das Studium ist anspruchsvoll und man muss sehr selbständig arbeiten, auch wenn die Lehrenden immer gerne helfen. Das ist erst eine Herausforderung, aber dann ist man auch stolz, dass man es alleine geschafft hat.

Wie sehen Sie die Studienbedingungen an der Hochschule Emden/Leer?
C. Ehresmann: Man kann durch Projektarbeit seine individuellen Schwerpunkte im Studium setzen. Das finde ich sehr gut. Es gibt hier sehr kompetente und engagierte Professorinnen und Professoren, die uns Studierende wirklich ernst nehmen.
E. Smolka: Man wird sehr intensiv betreut und ernst genommen, das gefällt mir gut. Die Zahl der Studierenden in den Seminaren ist recht klein, jeweils ungefähr 20-25. Die Atmosphäre ist sehr familiär. Dadurch, dass wir gemeinsam mit Studierenden aus höheren und niedrigeren Semestern Seminare besuchen, kennt man sich untereinander sehr gut. Auf diese Weise besteht ein ständiger und reger Austausch zwischen denen, die schon länger studieren, und denen, die gerade frisch aus der Praxis kommen. Man lernt voneinander.

Wo sehen Sie Beschäftigungsmöglichkeiten für Absolventen der bio-psycho-sozialen Physiotherapie? Und was ist Ihr berufliches Ziel?
E. Smolka: Physiotherapeuten mit einem Bachelor of Science können beispielsweise in Gesundheitszentren, Krankenkassen oder Uni-Kliniken arbeiten. Die Therapie- Forschung oder die Gesundheitsförderung in Schulen finde ich zum Beispiel sehr spannend. Bei Programmen wie der „Klasse2000“ geht es um die Gesundheitsförderung, Sucht- und Gewaltvorbeugung in den Grundschulen. Das würde mich interessieren.
C. Ehresmann: Die Forschung wäre auch etwas für mich. Ich könnte mir aber auch vorstellen, in der betrieblichen Gesundheitsförderung zu arbeiten. Ich möchte mich weniger auf die Physiotherapie, sondern mehr auf die Gesundheitsförderung im Allgemeinen konzentrieren. Daher plane ich, nach dem Bachelor ein Masterstudium der Gesundheitswissenschaften zu beginnen.

Wie bewerten Sie den Beschluss, dass man in Niedersachsen nun auch ohne Abitur Physiotherapie studieren kann?
E. Smolka: Das ist meiner Meinung nach richtig. Jedoch sollte die Ausbildung der Physiotherapeuten generell akademisch werden. Das Ansehen für den Beruf Physiotherapeut entspricht leider nicht dem, was wir tagtäglich leisten. Durch einen akademischen Titel bekämen wir Physiotherapeuten ein höheres Ansehen – sowohl in der Gesellschaft, als auch bei Ärzten und anderen im pflegerischen Bereich tätigen Menschen. Zudem ist die akademische Ausbildung wichtig, um einem europäischem Vergleich standhalten zu können und unsere Arbeitsmöglichkeiten auf europäischer Ebene zu ermöglichen bzw. zu verbessern. Die Möglichkeit, Physiotherapie in Niedersachsen auch ohne Abitur studieren zu können, ist da ein erster Schritt.
(idw, 08/2010)

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