Zarnekow-Förderpreis 2010 geht an Dortmunder Rehabilitationsforscher

Auf eigenen Füßen stehen und ein selbst bestimmtes Leben führen, unabhängig von körperlichen und geistigen Kompetenzen, ist ein Leitbild der modernen Gesellschaft und zentrales Angebot des Wohlfahrtsstaates an seine Bürger. Über Jahrhunderte wurde die Versorgung von Menschen mit Behinderungen jedoch ausschließlich vom Fürsorgegedanken geprägt. Die subjektive Sicht der Betroffenen wurde kaum berücksichtigt. Heute befindet sich das Rehabilitationssystem in einem grundlegenden Wandel. Menschen mit Behinderungen sollen so unterstützt werden, dass sie ihre Lebensentwürfe erkennen, verwirklichen und maximal am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Gerade bei Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen wurden diese Aspekte zu lange völlig vernachlässigt.

Hier wohnen will ich net!

Markus Schäfers hat mit seiner Doktorarbeit, die er am Lehrstuhl von Elisabeth Wacker durchführen konnte, Neuland betreten. Er war auf der Suche nach einer objektivierten Methode, die persönlichen und individuellen Sichtweisen von Menschen mit geistiger Behinderung abzubilden. "Wie zufrieden sind Menschen mit geistiger Behinderung in Wohnheimen? Wie beurteilen sie ihre Möglichkeiten zur selbstbestimmten Alltagsgestal-tung? Welche Veränderungswünsche haben sie?" sind nur einige der Fragen, die Schäfers gestellt hat. Zur Beantwortung besuchte er nahezu 50 Wohngruppen geistig behinderter Menschen in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Die geführten Interviews mit den Bewohnern zeigen ihre hohe Urteils- und Reflexionsfähigkeit – trotz geistiger Beeinträchtigung. Schäfers Befragungsmodell ist adaptiert an die kommunikativen Fähigkeiten der Menschen mit kognitiven Einschränkungen und nähert sich den Betroffenen behutsam und angemessen.

Im Ergebnis legt Schäfers mit dem von ihm entwickelten Erhebungsinstrument einen Leitfaden vor, der die Lebensqualität der Menschen in Heimen präzise abbildet. Diese Kenntnisse sind Grundvoraussetzung für ein vielfach gefordertes Benchmarking von Wohnheimen, in das auch die Nutzersicht einfließt. "Hier wohnen will ich net, musst aufschreibe!" war eine Botschaft, die Schäfers von einem Mann mit auf den Weg bekam, der seit 27 Jahren in einem Wohnheim lebt.

Mit dem von Schäfers vorgelegten Rüstzeug sollte es nun möglich sein, die zum Ausdruck gebrachten spezifischen Bedarfs- und Problemlagen in Heimen zu erkennen und angemessen zu reagieren.

Die Preisverleihung findet im Rahmen des Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums am 10. März 2010 in Leipzig statt. Der Zarnekow-Förderpreis wird zum neunten Mal verliehen.

Die Stiftung fördert wissenschaftliche, kulturelle und mildtätige Zwecke sowie die öffentliche Gesundheitspflege, Jugendpflege und/oder Jugendfürsorge. Die Stiftung wurde 1994 von den Eheleuten Illa und Werner Zarnekow aus Jüchen errichtet.

Die Illa und Werner Zarnekow-Stiftung ist eine von über 450 Stiftungen, die im DSZ Deutschen Stiftungszentrum im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft betreut werden.
(idw, 03/2010)

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