Wohlbefinden im hohen Alter weist viele Facetten auf

„Angesichts der steigenden Lebenserwartung erreichen immer mehr Menschen ein sehr hohes Alter. Allerdings wissen wir noch wenig über die Lebensqualität im hohen Lebensalter, und die Einstellungen hochaltriger Menschen zu Tod und Sterben und deren Veränderungen über die Zeit wurden bislang kaum untersucht“, sagt der Alternsforscher Markus Wettstein.

Im Rahmen des Late-Line Projektes befragten er und seine Kollegen 124 Personen (davon 79% Frauen) siebenmal in einem Zeitraum von vier Jahren. Zum Zeitpunkt der ersten Befragung waren die älteren Menschen zwischen 87 und 97 Jahren alt. Es wurden nur Personen in die Studie aufgenommen, die zu Beginn der Studie allein lebten und keine geistigen Beeinträchtigungen aufwiesen. Die Lebensqualität (wie Lebenszufriedenheit, Stimmung, Lebenssinn, Autonomie) wurde interviewgestützt anhand gängiger Fragebögen erfasst (zum Beispiel: „Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte, würde ich fast alles wieder genauso machen“). Neben den klassischen Wohlbefindensmaßen wurden darüber hinaus auch depressive Symptome sowie Einstellungen gegenüber Krankheit, Tod und Sterben erfragt.

Hohes Wohlbefinden, aber auch depressive Symptome

Die meisten Befragten verspürten über den gesamten Zeitraum hinweg eine überwiegend hohe Lebenszufriedenheit und Selbstbestimmung. Sie akzeptierten Sterben und Tod in hohem Maße und hatten nur wenig Angst vor Krankheit und Tod. Gleichzeitig zeigten viele Befragte auch depressive Symptome. Die Autoren vermuten einen Grund darin, dass sehr alte Menschen zunehmend weniger Aktivitäten ausüben, die eine positive Stimmung auslösen, wodurch die Anzahl an depressiven Symptomen steigt.

Verschiedene Veränderungen über die Zeit

Die längsschnittlichen Veränderungen im Wohlbefinden über die vier Jahre hinweg fielen von Person zu Person sehr unterschiedlich aus. Dabei folgten die durchschnittlichen Veränderungen verschiedenen Trends. So traten leichte Rückgänge in Aspekten wie positiver Stimmung und Lebenssinn auf, jedoch waren auch ein Zuwachs in der Akzeptanz von Tod und Sterben sowie eine rückläufige Furcht vor dem Tod beobachtbar. Über den gesamten Zeitraum blieb das Gefühl von Autonomie und Selbstakzeptanz stabil. „Notwendig ist also eine differenzierte und prozesshafte Sicht auf das Wohlbefinden im sehr hohen Alter – Pauschalisierungen oder gar einseitig negative Zuschreibungen sollten vermieden werden“, fasst Markus Wettstein zusammen. Künftige Interventionen zum Erhalt oder zur Steigerung der Lebensqualität im sehr hohen Alter sollten sich daher insbesondere auf diejenigen Aspekte (wie depressive Symptomatik) beziehen, die gemäß der Ergebnisse dieser Studie besonders anfällig für negative Veränderungen im hohen Alter sind.

„Die Ergebnisse erinnern ein wenig an die Überlegungen, die der Entwicklungspsychologe und Psychoanalytiker Erik Erikson schon vor längerer Zeit zu den ‚Entwicklungsaufgaben‘ des Alters angestellt hat“, ergänzt Professorin Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. „Die Entwicklungsaufgabe älterer Menschen besteht darin, ihrer Person und ihrem Leben Sinn zu geben, in der Gegenwart Freude zu empfinden und gleichzeitig die Endlichkeit des Lebens zu akzeptieren.“

Die Originalstudie finden Sie hier:
Wettstein, M., Schilling, O. K., Reidick, O., & Wahl, H.-W. (2015). 4-Year Stability, Change, and Multidirectionality of Well-Being in Very-Old Age. Psychology and Aging (Epub ahead of print). doi: /10.1037/pag0000037

Weitere Informationen:
Dr. Markus Wettstein
Abteilung für Psychologische Alternsforschung, Netzwerk Alternsforschung (NAR)
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
69115 Heidelberg
Tel: 06221-548127
E-Mail: markus.wettstein@psychologie.uni-heidelberg.de

Pressestelle der DGPs:
Dr. Anne Klostermann
Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Tel.: 030 28047718
E-Mail: pressestelle@dgps.de

Über die DGPs:
Die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs e.V.) ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Die über 3500 Mitglieder erforschen das Erleben und Verhalten des Menschen. Sie publizieren, lehren und beziehen Stellung in der Welt der Universitäten, in der Forschung, der Politik und im Alltag.
Die Pressestelle der DGPs informiert die Öffentlichkeit über Beiträge der Psychologie zu gesellschaftlich relevanten Themen. Darüber hinaus stellt die DGPs Journalisten eine Datenbank von Experten für unterschiedliche Fachgebiete zur Verfügung, die Auskunft zu spezifischen Fragestellungen geben können.
Wollen Sie mehr über uns erfahren? Besuchen Sie die DGPs im Internet: www.dgps.de

Scroll to Top