Wissenschaftspreis für „Mein Kampf“-Edition und Ebola-Forscher

Der Wissenschaftspreis wird alle zwei Jahre an Forscherinnen und Forscher verliehen, deren Arbeit sich durch besondere gesellschaftliche Relevanz und gute Umsetzbarkeit auszeichnen. Mit den diesjährigen Preisträgern würdigt der Stifterverband auf Vorschlag der Leibniz-Gemeinschaft erstmalig gleich zwei Preisträger mit unterschiedlichen Forschungsthemen: Während der Historiker Christian Hartmann und sein Team im Januar eine kritische Edition von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ veröffentlicht haben, forscht der Immunologe Cesar Muñoz-Fontela zu neuen Therapien gegen die Infektionskrankheit Ebola.

Cesar Muñoz-Fontela und sein Team haben erstmals ein Mausmodell mit einem quasi-menschlichen Blutsystem geschaffen, an dem sich Ebola- und Lassa-Virus-Infektionen besser erforschen lassen. Dazu transplantierte Muñoz-Fontela Mäuse mit humanen Blutstammzellen und baute in den Tieren ein Blut- und Immunsystem auf, das dem des Menschen ähnlich ist. Die Nager wurden daraufhin anfällig für eine Infektion mit Ebola-Viren und entwickelten Krankheitssymptome, wie sie auch bei menschlichen Patienten auftreten. In Studien an diesen Maus-Modellen zeigte Muñoz-Fontela, dass das anti-virale Medikament Favipiravir im Tierversuch wirksam gegen das Ebola-Virus und das Lassa-Virus ist. Diese Erkenntnisse dienten als Basis für den „Compassionate Use“, dem Einsatz des (noch) nicht zugelassenen Arzneimittels in besonders schweren Krankheitsfällen, bei Ebola- und Lassa-Erkrankten. Die Arbeiten von Cesar Muñoz-Fontela zeichnen sich dadurch aus, dass sie wesentlich zur Erforschung einer effektiven Ebola-Therapie beitragen, mit der bereits erste Patienten erfolgreich behandelt werden konnten. Darüber hinaus reist Muñoz-Fontela regelmäßig in die betroffenen Länder, sammelt neue Forschungsdaten und trainiert dort Wissenschaftler und Ärzte in der Diagnostik von Infektionskrankheiten und dem Gebrauch von Schutzausrüstung.

Der Historiker Christian Hartmann und sein Team schließen mit der historisch-kritischen Edition von „Mein Kampf“ eine große Lücke in der Forschung über den Nationalsozialismus in Deutschland. Denn eine komplette wissenschaftliche Untersuchung der zentralen Propagandaschrift Hitlers fehlte bisher. Sie prüften akribisch die Ausführungen Hitlers und setzten sich intensiv mit den Quellen seiner rassistischen Argumentation auseinander. Die Publikation zeigt Hitlers Falschaussagen und Verdrehungen auf, korrigiert sachliche Fehler und erläutert den zeitgenössischen Kontext. Neben der Forschung kann die Edition auch in der Bildung eingesetzt werden und erlaubt mit ihren mehr als 3.500 Anmerkungen auf 2.000 Seiten eine interdisziplinär kontextualisierte Lektüre dieser zentralen Quelle des Nationalsozialismus. Bislang wurde die Edition mehr als 80.000 Mal verkauft. Das Projekt zur kommentierten Edition wurde 2009 am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin gestartet und im Januar 2016, pünktlich zum Erlöschen der Urheberrechte, abgeschlossen.

„Die Ebola-Epidemie, die von 2014 bis 2016 in Westafrika grassierte und die kontroverse Debatte um den Umgang mit ,Mein Kampf‘ nach Erlöschung des Urheberrechts haben großes Aufsehen erregt“, sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes. „Die hier mit dem Wissenschaftspreis des Stifterverbandes ausgezeichneten Wissenschaftler Christian Hartmann und Cesar Muñoz-Fontela waren daran ganz unmittelbar beteiligt, was die hohe gesellschaftliche Relevanz ihrer Forschung in der Leibniz-Gemeinschaft verdeutlicht.“

Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, hebt den konkreten Nutzen der Arbeiten hervor: „Die Arbeiten der Preisträger zeigen in beeindruckender Weise, wie unmittelbar die Gesellschaft durch die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft profitieren kann. Dass nun Wissenschaftler aus den Lebens- sowie den Geisteswissenschaften Preisträger sind, bestätigt die große Vielfalt der Leibniz-Gemeinschaft und zeigt, dass sich die Leibniz-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler unterschiedlichen Themen von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung widmen.“

Die Preisträger
Christian Hartmann, Jahrgang 1959, studierte Geschichte, Germanistik und Sport auf Lehramt in Tübingen, Köln und Freiburg. Er wurde 1989 in Köln mit einer Doktorarbeit über Generaloberst Franz Halder promoviert, der von 1938 bis 1942 Chef des Generalstabes des Heeres war. Nach Tätigkeiten beim Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Bonn und am Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Potsdam, ist Hartmann seit 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ), wo er unter anderem von 1999 bis 2009 das Forschungsprojekt „Wehrmacht in der NS-Diktatur“ leitete. Ab März 2012 war Hartmann IfZ-Projektleiter der wissenschaftlichen Edition von „Mein Kampf“. Das Kernteam der Edition besteht neben Christian Hartmann aus den Mit-Herausgebern Thomas Vordermayer, Roman Töppel und Othmar Plöckinger.

Cesar Muñoz-Fontela, Jahrgang 1975, studierte Mikrobiologie und Immunologie an der Universität Complutense Madrid. Anschließend wurde er am „Centro de Investigaciones Biológicas” und am Institut für Mikrobiologie II an der Complutense Universität Madrid promoviert. Von 2006 bis 2009 war Muñoz-Fontela Postdoktorand am Institut für Onkologie der Mount Sinai School of Medicine in New York, später Lehrer am selbigen Institut. Seit September 2011 ist Muñoz-Fontela Nachwuchsgruppenleiter am Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie in Hamburg. Seine Gruppe „Neuauftretende Viren“ untersucht die Immunologie von viralen hämorrhagischen Fiebern, wie Infektionen mit dem Ebola- oder dem Lassa-Virus. Muñoz-Fontela ist Berater der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Mitglied ihres wissenschaftlichen Komitees zu Ebola.

Der Preis
Der mit 50.000 Euro dotierte Wissenschaftspreis des Stifterverbandes „Gesellschaft braucht Wissenschaft“ wird auf Vorschlag der Leibniz-Gemeinschaft für hervorragende Gesamtleistungen von Forschern vergeben, die sich durch besondere gesellschaftliche Relevanz und gute Umsetzbarkeit auszeichnen. Durch die Preisvergabe sollen die Leistungen der Wissenschaft für die Allgemeinheit sichtbar werden. Preiswürdig sind Forschungsarbeiten, deren Ergebnisse die Grundlagen für praktische Umsetzungen in Wirtschaft, Politik, Gesellschaft oder Forschung bilden. Der Preis wird alle zwei Jahre im Rahmen der Jahrestagung der Leibniz-Gemeinschaft verliehen.

Pressefotos der Preisträger stehen online zur Verfügung unter:

Mehr Information zum Wissenschaftspreis und zu den bisherigen Preisträgern:

Pressekontakt Institute
Dr. Franziska Ahnert
Heinrich-Pette-Institut, Leibniz-Institut für Experimentelle Virologie
Tel.: 040 / 4 80 51 – 108

Simone Paulmichl
Institut für Zeitgeschichte München – Berlin
Tel.: 089 /1 26 88 – 150

Pressekontakt Leibniz-Gemeinschaft
Christoph Herbort-von Loeper
Tel.: 030 / 20 60 49 – 48
Mobil: 0174 / 310 81 74

Pressekontakt Stifterverband
Peggy Groß
Tel.: 030 / 32 29 82 -530

Der Stifterverband
Im Stifterverband haben sich rund 3.000 Unternehmen, Unternehmensverbände, Stiftungen und Privatpersonen zusammengeschlossen, um Wissenschaft und Bildung gemeinsam voranzubringen. Mit Förderprogrammen, Analysen und Handlungsempfehlungen sichert der Stifterverband die Infrastruktur der Innovation: leistungsfähige Hochschulen, starke Forschungseinrichtungen und einen fruchtbaren Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert der Stifterverband jährliche eine viertel Millionen junge Talente. Darüber hinaus betreut er rund 650 Stiftungen mit einem Gesamtvermögen von über 2,8 Milliarden Euro.

Die Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 88 selbständige Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, auch in den übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer, vor allem mit den Leibniz-Forschungsmuseen. Sie berät und informiert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Einrichtungen pflegen enge Kooperationen mit den Hochschulen, u.a. in Form der Leibniz-WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 18.100 Personen, darunter 9.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,6 Milliarden Euro.

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