Wie lässt sich Forschungsqualität in der Medizin messen?

Insbesondere der sogenannte Journal Impact Factor, der in vielen Beurteilungen bislang eine zentrale Rolle spielt, befindet sich seit langem in der Kritik: Er ermittelt, wie häufig Artikel in einer bestimmten Fachzeitschrift im Durchschnitt innerhalb von zwei Jahren zitiert werden, wird aber häufig auch als Maß für die Qualität einzelner Beiträge, ihrer Verfasser oder ganzer Institutionen eingesetzt. Dabei sind neue, aussagekräftigere und damit gerechtere Instrumente durchaus verfügbar und praktikabel.

Dies zeigte sich auf dem internationalen Berliner Forum der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) am 18. Oktober 2013 in Berlin. Einigkeit bestand unter den teilnehmenden Experten aus den Niederlanden, Belgien, Deutschland und der Schweiz sowie Vertretern von medizinischen Fachgesellschaften, Fakultäten und Förderorganisationen sowie des Wissenschaftsrats, dass die Beurteilung medizinischer Forschung durch einzelne Messwerte nur unzureichend gelingen kann. Da sich zwischen unterschiedlichen medizinischen Forschungsgebieten wie biomedizinischer Grundlagenforschung, klinischer Forschung am Patienten oder Versorgungsforschung unterschiedliche Forschungs- und Publikationskulturen entwickelt haben, muss die Beurteilung beispielsweise berücksichtigen, in welchem Fach bzw. Arbeitsumfeld eine Publikation entstanden ist. Auch die Summe eingeworbener Fördermittel von Dritten wird häufig als Maß für Innovationspotenzial angesehen. Wichtig ist hier aber die Unterscheidung zwischen öffentlich nach strenger Begutachtung geförderter Innovation oder eher interessengeleiteten Zuwendungen. Da zusätzlich auch Umfeldfaktoren für die Mittelvergabe eine große Rolle spielen, sagt die reine Summe der eingeworbenen Drittmittel wenig über die Qualität eines Forschers aus.

Bedeutsamer könnte es z.B. sein, ob Forschungsergebnisse Eingang in die medizinische Praxis finden und den Stand der Ärztlichen Kunst voranbringen, wie er z.B. in Leitlinienempfehlungen niedergelegt ist. Aber auch weitere Merkmale, etwa die Fähigkeit zu interdisziplinärem Denken und Teamarbeit, ein hohes Engagement in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der ärztlichen Fort- und Weiterbildung zeichnen herausragende Forscher in der Medizin
aus. Da sich diese Fähigkeiten weniger leicht in Zahlen fassen lassen, bleiben sie in der Bewertung oft unberücksichtigt.

Die AWMF empfiehlt daher, die Instrumente zur Evaluation der Wissenschaft selbst auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen und anstelle einzelner Maßzahlen ein umfassenderes Spektrum quantitativer und qualitativer Qualitätsindikatoren zu entwickeln, das eine zuverlässige, transparente und faire Evaluation medizinischer Forschungsleistung ermöglicht.

Auf der Basis der Forumsbeiträge wird die AWMF bis zum Frühjahr 2014 konkrete Empfehlungen zur Evaluation medizinischer Forschungsleistungen entwickeln. Sie warnt zugleich vor einem Überborden von Evaluationen, die übermäßig Ressourcen verbrauchen und – insbesondere wenn sie als intransparent oder ungerecht erlebt werden – die in aller Regel intrinsisch hoch motivierten Wissenschaftler eher demotivieren können. Denn gerade die Motivation des wissenschaftlichen Nachwuchses ist eine der wichtigsten Zukunftsressourcen der Forschung.

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Das detaillierte Programm des Berliner Forum der AWMF
vom 18. Oktober 2013 ist zu finden auf der AWMF-Website
unter der Adresse:

Auskunft:
AWMF-Geschäftsstelle
Ubierstr. 20, 40223 Düsseldorf
Tel. (0211) 31 28 28
eMail: office@awmf.org

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