Wie geht es heute den Babys, die von 2002 bis 2008 in Ostvorpommern geboren wurden?

„In dieser Woche versenden wir an die Eltern Fragebögen, die wahlweise schriftlich oder online ausgefüllt werden können“, informierte der Studienleiter und Leiter der Abteilung für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin an der Universitätsmedizin Greifswald, Prof. Matthias Heckmann.

Die Neugeborenenstudie SNiP wurde 2002 als bevölkerungsbezogene Erhebung in Greifswald und im damaligen Landkreis Ostvorpommern unter Einbeziehung aller Entbindungseinrichtungen und Kinderkliniken in Greifswald, Wolgast und Anklam gestartet. Bis Ende 2008 wurden über 6.800 Neugeborene mit ihren Gesundheitsdaten in die Studie der Community Medicine aufgenommen. In einer 2013 gestarteten ersten Nachfolgestudie (SNiP II) wurden bislang rund 3.000 Kinder untersucht.

Mit der SNiP-Studie sollen wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden, um Krankheiten zukünftig möglichst zu vermeiden oder frühzeitig erkennen zu können. Der Greifswalder Kinderarzt bittet die beteiligten Eltern um Unterstützung bei der Nachuntersuchung per Fragebogen. „Alle Eltern und ihre Kinder können von den Ergebnissen profitieren, da die Studie die Gesundheitsversorgung junger Familien bundesweit gezielt verbessern soll.“ Der Mediziner bedankte sich auch bei den Kliniken und den dortigen Mitarbeitern, die diese umfangreiche Studie bislang äußerst engagiert mitgetragen haben.

Studie liefert wertvolle Empfehlungen

Schon die erste flächendeckende Reihenuntersuchung in der Region von 2002 bis 2008 hat zu zahlreichen wertvollen Empfehlungen für neue Behandlungs- und Vorbeugekonzepte geführt. Rund 80 Prozent der jungen Eltern hatten sich an der ersten Untersuchungswelle von 2002 bis 2008 beteiligt. So konnte beispielsweise der Nutzen der vorsorgliche Ultraschalluntersuchung der Nieren zur frühzeitigen Diagnostik angeborener Fehlbildungen der Harnwege aufgezeigt werden. Ein weiterer Schwerpunkt lag in sinnvollen Präventionsprogrammen, um gesundheitsgefährdende Einflüsse in der Schwangerschaft zu vermeiden und das Wohlbefinden für Mutter und Kind zu erhöhen.

Auch konnten die Befragungen deutlich belegen, dass lediglich freiwillige Vorsorgeuntersuchungen auf Infektionskrankheiten wie Toxoplasmose und B-Streptokokken während der Schwangerschaft zu erheblichen Risiken führen und diese dringend in die Regelversorgung überführt werden müssen. Eine unentdeckte Infektion mit Bakterien in Form von B-Streptokokken kann bei Neugeborenen schwerste Hirnhautentzündungen verursachen, während die von Katzen übertragene Toxoplasmose bei Babys geistige Behinderungen oder Sehstörungen auslösen kann.

„Damit liefert die Greifswalder Neugeborenenstudie wertvolle Erkenntnisse für den Start ins Leben, aber auch für die weiteren Lebensabschnitte“, betonte Prof. Matthias Heckmann. „Weltweit sind die Ergebnisse unserer Auswertungen gefragt und publiziert worden. Es ist eine der größten systematischen Studien, die Daten von der Schwangerschaft bis hin zum Neugeborenen im Kontext mit soziodemografischen und genetischen Faktoren analysiert“, unterstrich der Neonatologe.

Nachuntersuchungsbefragung ist unkompliziert

„Im Gegensatz zur umfangreichen Erstuntersuchung nimmt die Nachuntersuchung nicht viel Zeit in Anspruch und kann direkt zuhause erledigt werden“, erläuterte Studienärztin Dr. Anja Lange. „Alle Eltern, die mit ihren Babys an der ersten Untersuchungswelle von 2002 bis 2008 teilgenommen haben, erhalten diese Tage einen Fragebogen sowie eine Informationsbroschüre mit der Post zugesendet.“

In dem Fragebogen, der bequem online oder auch schriftlich ausgefüllt werden kann, geht es vor allem darum, wie es dem Kind aktuell geht. „In dem Fragebogen, der etwa 20 bis 25 Minuten Zeit in Anspruch nimmt, möchten wir erfahren, wie die Eltern leben, wie gesund die Familie ist und ob es Besonderheiten gibt, die die gesundheitliche Entwicklung des Kindes beeinflussen könnten. Dabei spielen auch Aspekte zu den Lebensumständen des Kindes, wie beispielsweise der Medienkonsum durch Smartphones, Videospiele und das Fernsehen eine Rolle, aber auch das Essverhalten und die Qualität des Schulessens. Wir erhoffen uns durch die Umfrage Rückschlüsse aus möglichen Einflüssen aus der Schwangerschaft und der früheren Kindheit auf das Wachstum und die Entwicklung der Kinder“, so Dr. Anja Lange. Die Teilnahme an der Studie ist freiwillig. Alle erhobenen Daten werden verschlüsselt und anonymisiert gesichert.

HINTERGRUND
Warum sind die Untersuchungen wichtig?

Angeborene Erkrankungen, insbesondere Fehlbildungen, gehören zu den häufigsten Ursachen einer medizinischen Betreuung im Neugeborenenalter. Ein Teil der Erkrankungen ist erbbedingt oder wird durch mütterliche Infektionen während der Schwangerschaft hervorgerufen. Bei über 60 Prozent der betroffenen Kinder sind die Ursachen von angeborenen Erkrankungen der Neugeborenenperiode aber unklar. Vermutet werden unter anderem chemische Stoffe und physikalische Einwirkungen, Umweltbelastungen und Medikamente in der Schwangerschaft.

Die in Greifswald und Ostvorpommern von 2002 bis 2008 durchgeführte flächendeckende Reihenuntersuchung hat erstmals aussagekräftige Informationen über die Gesundheit und das soziale Umfeld der geborenen Kinder und ihrer Mütter zusammengeführt. Daran knüpft die zweite Untersuchungsphase von 2013 bis 2018 an, in der jedoch auch eine Reihe neuer Akzente gesetzt werden. In der gegenwärtig laufenden Folgestudie SNiP II wird der Fragestellung des Stillverhaltens, der Stillhäufigkeit und die Dauer des Stillens bei den Geschwisterkindern ein besonderes Augenmerk eingeräumt. In der Studie werden gleichzeitig mütterliche und kindliche Faktoren mit Blick auf Neugeborenenerkrankungen erfasst, die ansonsten eher getrennt betrachtet werden. Eine wesentliche Rolle spielt auch die bessere Betreuung von chronisch kranken Frauen sowie die Ernährung in der Schwangerschaft. Ziel ist es, neue Behandlungs- und Vorbeugekonzepte zu entwickeln, um so die Gesundheit der Kinder zu schützen und weiter zu verbessern.

Fotos: Manuela Janke/UMG
Jonathan Zander ist erst am Montag (19. Dezember) geboren. Seine Eltern haben sich nach der Geburt entschlossen, an der aktuellen Untersuchungsreihe für Neugeborene teilzunehmen (Nachfolgestudie SNiP II), hier mit Studienärztin Dr. Anja Lange.

Inzwischen ist die erste Nachuntersuchung per Fragebogen für die Säuglinge aus den Jahren zwischen 2002 und 2008 angelaufen. Das Studienteam tütet aktuell keine Weihnachtsgeschenke ein, sondern Fragebögen für die Eltern: Klinikdirektor Prof. Matthias Heckmann (v. li.), Biologe Dr. Grzegorz Domanski, die Medizinische Dokumentarin Heike Allenberg, Studienärztin Dr. Anja Lange und Medizinstudentin Josefine Schweder.

Universitätsmedizin Greifswald
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin
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