Wer ist gesund? Europäischer Algorithmus für eine bessere Qualität der Schmerzforschung

Im ersten Moment scheint es fast banal, wenn sich große europäische Forschergruppen „nur“ mit der Frage beschäftigen, wie man gesunde Versuchsteilnehmer von kranken unterscheiden kann. In Wirklichkeit steckt dahinter ein großes Problem: Klinische Forscher interessieren sich in erster Linie für Patienten mit bestimmten Krankheiten. Um aber in Studien nachweisen zu können, wie sich Patienten von Gesunden unterscheiden, brauchen sie Kontrollgruppen. Diese sind in der Regel Gesunde.
Dr. Janne Gierthmühlen, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein: „Ärzte kennen ihre Patienten in der Regel sehr genau, gesunde Probanden dagegen kaum. Zudem fehlen einheitliche Standards bei der Definition und dem Einschluss von Gesunden. So ist es nicht ungewöhnlich, dass die Ergebnisse verschiedener Schmerzstudien, die den Schmerzphänotyp mittels QST erheben, oftmals hohe Abweichungen aufweisen.“ Die Schmerzverbände Europain, von der Innovative Medicines Initiative (IMI) geförderte 23 akademische und industrielle Partner aus ganz Europa, und Neuropain, zwölf führende europäische Zentren auf dem Gebiet des neuropathischen Schmerzes, haben in Kooperation mit dem DFNS e.V. deshalb vor Beginn ihrer Studien mögliche Einflussfaktoren auf das QST-Profil gesunder Probanden definiert und evidenzbasierte Empfehlungen erarbeitet.

Mit standardisiertem zweistufigem Algorithmus zu besserer Qualität

Dr. Elena Enax-Krumova, Ruhr Universität Bochum: „Um sicherzustellen, dass Gesunde wirklich gesund sind, mussten wir uns unter anderem auf bestimmte Sicherheitsmaßnahmen, spezielle Dokumentationen und Fragebögen einigen. Unser Ziel, standardisierte Einschlusskriterien für gesunde Probanden in QST-Studien auszuarbeiten, haben wir schließlich in einem zweistufigem Algorithmus umgesetzt und direkt in unsere Forschungsprojekte implementiert.“
Das Basisscreening umfasst einen Frage- sowie einen Screeningbogen, die den aktuellen Gesundheitszustand, die Schmerz- und Krankengeschichte und die Schmerzmedikation prüfen sowie gleichzeitig soziodemographische Daten erheben. Liegen keine Ausschlusskriterien vor, folgt das fortgeschrittene Screening mit Erhebung der allgemeinen und seelischen Verfassung des Probanden ebenfalls mittels Fragebogen. Ist alles im normalen Bereich, kann der Proband als „gesund“ rekrutiert werden. Im Anschluss erfolgt die QST nach DFNS-Standard zur Analyse des Sensibilitätsprofils. Mit sieben QST-Tests werden so die Wahrnehmung und das Schmerzempfinden für Kälte, Wärme, feine und spitze Berührungen sowie Vibration und Druck erhoben. Liegen die QST-Werte innerhalb der Norm, so kann der Proband schließlich als „gesund“ in die Studie eingeschlossen werden. Zeigt das Screening hinsichtlich der seelischen Verfassung und/ oder der QST pathologische Ergebnisse, erfolgt eine fachärztliche psychiatrische bzw. neurologische Untersuchung, bevor entschieden wird, ob der Proband dennoch für die Studie geeignet ist.

„Die gebündelte europäische Schmerzexpertise hat einen gut implementierbaren Algorithmus erarbeitet. Er kann als Richtwert die Studienplanung und -durchführung mit gesunden Probanden vereinfachen, ist aber natürlich je nach individueller, z.B. geografischer Gegebenheit, adaptierbar“, so Prof. Christoph Maier, Ruhr Universität Bochum, und weiter: „Unsere Arbeit beschreibt als erste in Europa die Minimalanforderungen für Probanden als gesunde Kontrollgruppen in Studien, in denen Nervenschmerzen untersucht werden. Sie kommt damit indirekt den Patienten wieder zugute. Letztlich ermöglicht die Standardisierung einen besseren Vergleich verschiedener QST-Schmerzstudien und ist damit ein qualitätsverbessernder Faktor.“

Europäische Netzwerke gegen den Schmerz

Die Arbeit ist eine der ersten in einer Reihe künftiger Publikationen, in denen sich die gemeinsame Forschung deutscher Experten auf dem Gebiet des neuropathischen Schmerzes mit den wichtigsten europäischen Zentren niederschlägt. Die Bildung sogenannter Schmerz-Konsortien, in denen sich europäische Forschergruppen zusammengeschlossen haben, basiert unter anderem auf Initiative des DFNS, der dadurch seine Standards auch auf internationaler Ebene einbringen konnte. Letztlich soll die Lebensqualität chronischer Schmerzpatienten nachhaltig verbessert werden.

Literatur:

Gierthmühlen J, Enax-Krumova EK et al. (2015) Who is healthy? Aspects to consider when including healthy volunteers in QST-based studies- a consensus statement by the EUROPAIN and NEUROPAIN consortia. Pain

Über den DFNS e.V.:

Ziel des Deutschen Forschungsverbundes Neuropathischer Schmerz e.V. (DFNS e.V.) ist, die medizinische Versorgung von Patienten mit Nervenschmerzen grundlegend zu verbessern. Im Fokus stehen die Optimierung einer qualitativ hochwertigen Diagnostik sowie der Therapie- und Versorgungsforschung neuropathischer Schmerzen. Der gemeinnützige Verein ist Nachfolger des DFNS, der von 2002 bis 2012 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde. Die Geschäftsstelle ist am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München angesiedelt.

Kontakt:

Dr. med. Elena Enax-Krumova
Neurologische Universitäts- und Poliklinik
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil GmbH
Ruhr-Universität Bochum
Bürkle-de-la-Camp-Platz 1
44789 Bochum
e-mail: Elena.Krumova@ruhr-uni-bochum.de

Pressekontakt:

Vedrana Romanovic
DFNS e.V.
Neurologische Klinik
Klinikum rechts der Isar
Technische Universität München
Ismaninger Str. 22
81675 München
Tel.: +49 89 4140 – 7915
Fax: +49 89 4140 – 4655
e-mail: romanovic@lrz.tum.de

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