Wenn Kinderseelen um Hilfe schreien

(djd). Immer öfter haben Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen. Häufig brechen familiäre Strukturen auseinander und verlangen den jüngsten Familienmitgliedern viel ab. Reizüberflutung auf der einen Seite und der Zwang zu Eigenverantwortung und Erfüllung der gesellschaftlichen Erwartungen auf der anderen Seite können bei sensiblen jungen Menschen zu Überforderungen führen. Depressionen, Aggressionen und Essstörungen können die möglichen Folgen sein.

Unsicherheit des Heranreifens

Die eigene Identität finden, Bedürfnisse erkennen und gleichzeitig in der Gruppe anerkannt und beliebt sein – das ist die Herkulesaufgabe, der sich jeder Heranwachsende gegenübersieht. Nach der Erfahrung von Professor Dr. med. Claudia Mehler-Wex fallen die Reaktionen auf die Unsicherheit des Heranreifens unterschiedlich aus. Während sich einige bewusst provokant von ihren Eltern abgrenzen, Streit auslösen und unzugänglich sind, orientieren sich andere am Außen, passen sich an, verleugnen sich selbst. „Wenn sie es mit diesen Verhaltensstrategien übertreiben, leiden sie an Depression oder entwickeln eine Angststörung“, erläutert die Chefärztin der Hemera Klinik in Bad Kissingen, die sich auf psychische Erkrankungen bei Heranwachsenden bis etwa zum 27. Lebensjahr spezialisiert hat.

Lähmende Angst

Häufig treten Ängste in kritischen Situationen, wie Prüfungen, zutage. Allerdings müssen sie nicht gleich auf eine Störung hinweisen, erklärt Privatdozentin Dr. phil. Christina Schwenck. Ein mittleres Angstniveau steigere sogar die Leistungsfähigkeit, so die leitende Forschungspsychologin der Klinik für Psychiatrie an der Universität Frankfurt. „Ist die Angst sehr stark ausgeprägt, tritt der gegenteilige Effekt ein: Man fühlt sich gelähmt, kann sich nicht auf den eigentlichen Lernstoff konzentrieren und bekommt die negativen Gedanken an ein mögliches Versagen nicht mehr in den Griff“, so die leitende Forschungspsychologin.

Strategie der Vermeidung

In Belastungssituationen neigen Kinder und junge Erwachsene zu Vermeidungen, sie schwänzen die Schule oder die Universität. „Dies kann so gravierend werden, dass eine ambulante Behandlung nicht mehr ausreicht“, betont Wolfgang Deimel. Aufgrund der emotional aufgeladenen Situation innerhalb der Familie könne zu Hause oft nicht mehr konstruktiv darüber gesprochen werden, sagt der leitende Psychologe der Hemera Klinik und rät, mit einer stationären Therapie die nötige Distanz zu schaffen.

Gewicht als Seelenspiegel

Um Unsicherheiten beim Erwachsenwerden vermeintlich in den Griff zu bekommen, versuchen vor allem junge Frauen, mit Magersucht oder Bulimie Kontrolle über ihren Körper auszuüben. Ebenso könne jedoch auch eine erhebliche Gewichtszunahme Ausdruck einer psychischen Belastung sein, gibt Professor Dr. med. Marcel Leon Romanos zu bedenken. „Wenn der Alltag nicht mehr gelingt, kann eine depressive Erkrankung dahinter verborgen sein“, erklärt der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Würzburg.

Stationäre Therapie – ganzheitlicher Ansatz

„Das zentrale Element all dieser Störungen, egal welche Diagnose letztendlich gestellt wird, ist die Tatsache, dass sie auf dem Boden einer Reifungskrise entstanden sind“, betont Professor Mehler-Wex und erläutert die Vorteile eines stationären Aufenthalts: „Die jungen Menschen können sich Zeit für sich nehmen, sich regenerieren und intensiv daran arbeiten, ihren eigenen Weg zu finden.“ Im Rahmen einer umfassenden, ganzheitlichen Therapie werde nicht nur die psychiatrische Grunderkrankung behandelt, sondern auch auf Familienthemen eingegangen.

Scroll to Top