Wenn die Erinnerung täuscht

Jena (18.05.10) „Ähem, wie heißt die Frau doch gleich?“ Solche Fragen stellt sich jeder Mensch gelegentlich, wenn ihm der Name des Gegenüber entfallen ist. Das ist völlig normal, so lange es nicht gehäuft oder als Krankheit, wie Alzheimer, vorkommt. Unser Gedächtnis spielt uns immer wieder „Streiche“, da es dynamisch funktioniert. Und doch sind es gerade Erinnerungsprobleme oder Gedächtnislücken, die uns besonders beunruhigen. Denn „Gedächtnis macht einen wesentlichen Teil unserer Persönlichkeit aus“, betont Hans J. Markowitsch, Professor für Physiologische Psychologie an der Universität Bielefeld. Daher empfinden Menschen ihre Gedächtnisprobleme als besonders belastend.

Wie Erinnerung im Gehirn gespeichert wird, wie es zu Gedächtnisproblemen kommt und welche Mechanismen und Krankheiten hinter diesen Störungen liegen können, darüber spricht Prof. Markowitsch am Donnerstag, dem 20. Mai, im Zeiss-Planetarium (Am Planetarium 5). Der öffentliche Vortrag „Gehirn und Gedächtnis in Gesundheit und Krankheit“ findet im Rahmen des Ernst-Abbe-Kolloquiums statt. Das Ernst-Abbe-Kolloquium, das von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Ernst-Abbe-Stiftung ausgerichtet wird, beginnt um 17.00 Uhr, der Eintritt ist frei.

„Gedächtnis hat sich wesentlich über den Geruchssinn entwickelt“, sagt Prof. Markowitsch. Daher sind die Hirnstrukturen, die heutzutage am direktesten mit Gedächtnisfunktionen assoziiert sind, im „Geruchshirn“, das heute limbisches System genannt wir, zusammengefasst. Dabei gibt es unterschiedliche Gedächtnissysteme, die wiederum ihre Informationen verschieden verarbeiten, wie Prof. Markowitsch in seinem Vortrag präsentieren wird. Die Bereiche sind unterschiedlich anfällig gegenüber Altersveränderungen, Hirnschäden und psychischen Erkrankungen. Vor allem das autobiografische Gedächtnis, das bedeutsam für die eigene Identität ist und uns vom Tier unterscheidet, wird am stärksten und häufigsten beeinträchtigt. Dabei bleibt das menschliche Gedächtnis, das auch stark mit unserem Sprechvermögen verbunden ist, veränderbar, was Fehlerinnerungen und Erinnerungstäuschungen ermöglicht. „Gehirn und Gedächtnis verhalten sich nicht wie Computer und Festplatte“, sagt der Bielefelder Gedächtnisforscher und zeigt in seinem Vortrag auch krankheitsbedingte Veränderungen auf. „Stressbedingte Erinnerungsblockaden werden zunehmend diagnostiziert und ziehen das Leben der Betroffenen schwer in Mitleidenschaft“, so Markowitsch.

Die Besucher des Abbe-Kolloquiums werden daher nicht nur erfahren, wo die Grenze zwischen natürlicher Vergesslichkeit und krankhaften Gedächtnisstörungen liegt, sondern auch wie das Wissen über Gedächtnis beim Lernen sinnvoll genutzt werden kann – dies kann in einer Universitätsstadt nicht zuletzt den Studierenden zugutekommen.
(idw, 05/2010)

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