Weniger Therapie bei gleichem Erfolg – Studie zum frühen Hodgkin-Lymphom im NEJM veröffentlicht

Patienten, die mit der reduzierten Dosis behandelt wurden, litten deutlich weniger an akuten Nebenwirkungen. Die an der Studie beteiligten Wissenschaftler gehen davon aus, dass es langfristig auch zu einer Verringerung von durch die Therapie verursachten Spätschäden kommen wird. "Die Ergebnisse dieser Studie stellen einen neuen Standard in der Behandlung von Hodgkin-Patienten im Stadium I und II dar", so Prof. Dr. Andreas Engert, Leiter der Deutschen Hodgkin Studiengruppe (GHSG), die an der Uniklinik Köln angesiedelt ist. "Bei einer Überlebensrate von 95,1 Prozent über acht Jahre ist sogar davon auszugehen, dass einige Patienten mit der reduzierten Dosis noch immer übertherapiert werden. Ziel weiterer Studien wird es deshalb sein, die Patientengruppen zu identifizieren, die nach zwei Zyklen ABVD auf die Bestrahlung verzichten können."

Das Hodgkin Lymphom (früher auch Morbus Hodgkin oder Lymphogranulomatose genannt) ist eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems, die unbehandelt zum Tod des Patienten führt. In der jüngst publizierten internationalen Multicenter-Studie (NEJM 2010;363:630-52) der Deutschen Hodgkin Studiengruppe wurden zwischen 1998 und 2003 insgesamt 1370 Patienten in 329 Behandlungszentren in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Tschechien und den Niederlanden behandelt. Mit dem Ziel, die optimale Anzahl der Chemotherapiezyklen und die erforderliche Strahlentherapiedosis herauszufinden, wurden die Patienten zufällig im Verhältnis 1:1:1:1 vier verschiedenen Behandlungsgruppen zugeteilt. In der Gruppe 1 erhielten die Patienten die höchste und bislang als Standard geltende Dosierung, nämlich 4 Zyklen der Chemotherapiekombination ABVD und eine Involved Field Bestrahlung von 30 Gy. Die Patienten der Gruppe 2 bekamen ebenfalls 4 Zyklen ABVD, jedoch wurde die Dosis der Bestrahlung auf 20 Gy reduziert. In der Gruppe 3 erhielten die Patienten 2 Zyklen ABVD und 30 Gy Strahlentherapie. Mit 2 Zyklen ABVD und 20 Gy Bestrahlung wurden die Patienten der Gruppe 4 mit der geringsten Dosis therapiert. Um die Nichtunterlegenheit der weniger intensiven Dosierungen dieser Kombinationsbehandlung zu zeigen, wurde über 8 Jahre beobachtet, ob es zu einem Therapieversagen (z.B. durch Fortschreiten der Krankheit, Rezidiv, ausbleibende Remission, Tod jeglicher Ursache, Beginn einer anderen Therapie) kommt bzw. es wurde die Zeitspanne gemessen, in der diese Formen des Therapieversagen nicht aufgetreten sind ("Freedom from Treatment Failure"). Darüber hinaus wurden das Gesamtüberlegen, das vollständige Therapieansprechen und die Toxizität der Behandlung der Studienpatienten analysiert.

Wirksamkeit der Behandlungen

Von den 1190 Patienten, deren Daten schließlich zur Auswertung gekommen sind, zeigten 1150 Patienten (96,6 %) eine komplette Remission – das heißt, alle Krankheitszeichen hatten sich bei ihnen zurückgebildet. Bei 8 Patienten konnte eine partielle Remission beobachtet werden, 8 weitere Patienten sprachen nicht auf die Behandlung an und bei 24 Patienten war das Therapieergebnis unklar. Bei 6 % der Patienten kam es zu einem Rezidiv (71 von 1190 Patienten). Als wesentlich stellte sich jedoch die Tatsache heraus, dass es bezüglich der Remissionsrate, der Rate des Krankheitsfortschreitens oder der Rezidivrate keine relevanten Unterschiede zwischen den 4 Behandlungsgruppen gab. Mit Blick auf die Anzahl der Chemotherapiezyklen waren 2 Zyklen ABVD ebenso wirksam wie 4 Zyklen ABVD, d.h. die Rate des ausbleibenden Therapieversagens ("Freedom from Treatment Failure") betrug bei 4 Zyklen ABVD über einen Beobachtungszeitraum von 5 Jahren 93,0 % (95% CI, 90,5 bis 94,8) gegenüber 91,1 % (95% CI, 88,3 bis 93,2) bei 2 Zyklen ABVD. Auch hinsichtlich der verschieden hohen Strahlentherapiedosen waren die Therapieerfolge nahezu identisch: Über 5 Jahre betrug die Rate des ausbleibenden Therapieversagens für die mit 30 Gy bestrahlten Patienten 94,4 % (95% CI, 91,0 bis 95,5) gegenüber 92,9% (95% CI, 90,4 bis 94,8) für die mit 20 Gy bestrahlten Patienten. Auch der direkte Vergleich der Patientengruppen mit der höchsten Therapieintensität (Gruppe 1 mit 4 Zyklen ABVD, 30 Gy Radiotherapie) und der geringsten Therapieintensität (Gruppe 4 mit 2 Zyklen ABVD, 20 Gy Radiotherapie) zeigt mit einer Gruppendifferenz von 1,6 Prozentpunkten keinen relevanten Nachteil – insbesondere wenn man sie gegen die deutlich geringeren Nebenwirkungen der Behandlung abwägt.

Nebenwirkungen und Toxizität der Behandlungen

Denn von den mit 4 Zyklen ABVD behandelten Patienten zeigten mehr als die Hälfte, nämlich 51,7%, mindestens eine schwere Nebenwirkung gegenüber 33,2% der lediglich mit 2 Zyklen ABVD behandelten Patienten. Am häufigsten kam es zu Haarausfall (bei 28,1% der Patienten mit 4 Zyklen ABVD gegenüber 15,2% der Patienten mit 2 Zyklen ABVD) oder zu einer Schädigung der blutbildenden Zellen (24,0% vs. 15,0%). Außerdem traten in der Gruppe der mit 4 Zyklen ABVD behandelten Patienten häufiger Infektionen auf (5,1% vs. 1,7%). Mit der Therapie in Zusammenhang stehende Todesfälle gab es in der Gruppe der mit 4 Zyklen ABVD behandelten Patienten sechs – gegenüber einem verstorbenen Patienten, der mit 2 Zyklen ABVD behandelt wurde. Auch bei der Bestrahlung zeigten sich Anzeichen schwerer Nebenwirkungen häufiger bei Patienten, die mit 30 Gy bestrahlt wurden, gegenüber Patienten, die 20 Gy erhielten.

Fazit

Zusammenfassend zeigt die HD10-Studie, dass die Behandlung von Patienten in einem frühen Stadium des Hodgkin-Lymphoms mit 2 Zyklen ABVD gefolgt von einer 20 Gy Bestrahlung der betroffenen Lymphknotenregionen genauso wirksam, aber deutlich ärmer an Nebenwirkungen ist als die Behandlung mit 4 Zyklen ABVD und einer 30 Gy Bestrahlung. Zukünftige Studien werden zeigen, ob und für welche Patientengruppen die Dosis noch weiter reduziert werden kann.

Literatur

Engert A, Plütschow A, Eich HT et al. Reduced Treatment Intensity in Patients with Early Stage Hodgkin’s Lymphoma. N Engl J Med 2010; 363:640-652 (August 12, 2010).
DOI: 10.1056/NEJMoa1000067

Weitere Informationen

Teile dieser Studie werden auch auf dem bevorstehenden Hodgkin Kongress vorgestellt. Das 8. Internationale Hodgkin-Symposium wird vom 23.-26. Oktober 2010 im Kölner Gürzenich stattfinden. Wie bei den vorherigen Symposien werden internationale Experten aktuelle Erkenntnisse zu Biologie, Pathologie und Therapie des Hodgkin Lymphoms präsentieren. Erstmals findet in diesem Jahr am 24.10.2010 auch ein Patientenseminar statt. Das Programm und weitere Einzelheiten finden sich im Internet unter <www.hodgkinsymposium.org>. Informationen zu aktuellen Studienkonzepten der Deutschen Hodgkin Studiengruppe und zum Kongress gibt es unter <www.ghsg.org> und unter <www.lymphome.de>.

Ansprechpartner zu Hodgkin-Studien

Prof. Dr. Andreas Engert
Klinik I für Innere Medizin
Uniklinik Köln
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Die Deutsche Hodgkin Studiengruppe ist Mitglied im Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V., einem Zusammenschluss führender deutscher Lymphom-Studiengruppen und Versorgungseinrichtungen. Die Kooperation trägt dazu bei, die Kommunikation und den Wissenstransfer zwischen Wissenschaftlern, Ärzten und Betroffenen zu verbessern und neue Ergebnisse aus der Forschung schnellstmöglich in die Patientenversorgung zu überführen. Auch Patienten und Selbsthilfeverbände sind eingebunden, so dass ihre Fragen und Bedürfnisse in die Gestaltung der Forschungsprojekte einfließen. Das Kompetenznetz Maligne Lymphome e.V. ist eines von inzwischen 21 Kompetenznetzen in der Medizin und wurde zwischen 1999 und 2009 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.
(idw, 09/2010)

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