Welchen Einfluss haben „Aggressions“-Gene wirklich? DGKN vergibt Niels-A.-Lassen-Preis

Für seine Arbeit wird er auf der 60. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) mit dem Niels-A.-Lassen-Preis ausgezeichnet. Inwieweit genetische Varianten unser Gehirn im Ruhezustand beeinflussen, erläutert der Preisträger zudem auf der Kongress-Pressekonferenz am 17. März in Düsseldorf.

Ein wichtiges Gen im Zusammenhang mit Aggression ist das Monoaminooxidase-A (MAOA-) Gen, genauer gesagt die weniger aktive Variante davon. Diese Erkenntnis hatte sogar schon strafrechtliche Bedeutung: 2009 erhielt ein verurteilter Mörder eine reduzierte Haftstrafe, weil die weniger aktive MAOA-Variante bei ihm nachgewiesen wurde. Das MAOA-Gen steuert die Aktivität eines Enzyms, welches wiederum Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin abbaut, nachdem diese ihre Arbeit im Gehirn getan haben. Liegt die inaktiviere Variante des MAOA Gens vor, wird weniger Enzym produziert, was zu einem Überschuss dieser Stoffe im Gehirn führt. Dieser Überschuss beeinflusst die Aktivität verschiedener Hirnareale, und kann so auch Aggressionen begünstigen.

„Diese Genvariante alleine macht aber nicht zwangsweise aggressiv“, betont Dr. Benjamin Clemens von der Sektion Neuropsychologie der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der RWTH Aachen. Das sei insofern beruhigend, als das diese MAOA-Variante bei zirka 40 Prozent aller westeuropäischen Menschen vorkommt. „Umweltfaktoren, wie etwa eine Traumatisierung, Frustration oder Provokation können aber mit dieser genetischen Veranlagung interagieren, und so die Wahrscheinlichkeit von aggressivem Verhalten stark erhöhen“, so der DGKN-Experte.

In seiner preisgekrönten Studie hat Dr. Clemens mehr als 50 friedfertige Studenten mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht. Dabei war er besonders an den Ruhe-Netzwerken interessiert, die das Gehirn steuern wenn Menschen keinen äußeren Reizen oder Aufgaben ausgesetzt sind. Im MRT zeigten diejenigen mit der inaktiveren MAOA-Genvariante – dies betraf etwa die Hälfte der Probanden – eine geringere Aktivität in verschiedenen Arealen, die für kognitive Kontrolle, Aufmerksamkeit und Steuerungsunktionen (Planen, Denken, Problemlösen) verantwortlich sind. „Das Gen entfaltet seine Wirkung auf das Gehirn also bereits ohne äußere Einwirkung. Wir konnten mit unserer Studie jetzt erstmalig nachweisen, dass auch der Ruhemodus des Gehirns durch das MAOA-Gen beeinflusst wird“, erklärt Dr. Clemens. In Zukunft soll ein besseres Verständnis der neurobiologischen Mechanismen der Aggression dabei helfen, spezifische Bio-Marker zu entwickeln. Diese ermöglichen, Patienten mit bestimmten genetischen Varianten zu identifizieren, die eventuell mit mehr Aggressivität in Verbindung stehen. „Psychiatrischen Patienten mit pathologischer Aggression könnten wir durch dieses Wissen spezialisierte Therapiekonzepte ermöglichen.“

Das Ergebnis seiner Arbeit habe aber nicht nur geholfen, die Entstehung von Aggressionen besser zu verstehen. „Die Ergebnisse haben auch einen entscheidenden Einfluss auf die Durchführung von Experimenten bei gesunden und neuropsychiatrisch kranken Patienten“, so Professor Dr. med. Alfons Schnitzler, Kongresspräsident der 60. Jahrestagung der DGKN. Denn hier nutzen Forscher Ruhenetzwerke zunehmend um die neuronalen Effekte einer bestimmten Therapie oder krankheitsspezifische Unterschiede zwischen Gesunden und Patienten nachzuweisen. „Die MRT-Studie von Dr. Clemens zeigt, dass Gen-Varianten, wie etwa die des MAOA-Gens, bei der Auswertung von Hirnaktivitätsmustern berücksichtigt werden müssen“, begründet Schnitzler die Vergabe des Niels-A.-Lassen-Preises an den jungen Wissenschaftler. Was die neue Entdeckung für neurobiologische Mechanismen pathologischer Aggressionen bedeutet, erklärt der Preisträger auf der Pressekonferenz am 17. März in Düsseldorf.

Quelle:
Clemens B. et al: Effect of MAOA Genotype on resting-state networks in healthy participants, 2015, Cerebral Cortex, 25: 1771–1781, doi: 10.1093/cercor/bht366

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Terminhinweis:
Kongress-Pressekonferenz
im Rahmen der 60. wissenschaftlichen Jahrestagung der DGKN
Termin: Donnerstag, 17. März 2016, 13.45 bis 14.45 Uhr
Ort: Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Gebäude 23.01, Haupteingang
Anschrift: Universitätsstraße 1, 40225 Düsseldorf, Raum 23.02.U1.61

Vorläufige Themen und Referenten:

Hirnschrittmacher für Parkinson noch effizienter: Gezielte Steuerung von Stromimpulsen im Gehirn durch neue Technik
Professor Dr. med. Alfons Schnitzler
Kongresspräsident der 60. Jahrestagung der DGKN, Präsident der DGKN, Zentrum für Bewegungsstörungen und Neuromodulation, Institut für Klinische Neurowissenschaften und Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Düsseldorf

Wer bleibt abstinent und wer wird rückfällig? Wie negative Emotionen die frühe Abstinenzphase bei alkoholabhängigen Patienten erschweren
Dr. rer. medic. Dipl.-Psych. Katrin Charlet
Preisträgerin des Niels A. Lassen Preis 2016, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Charité Mitte

Hirn-Bildgebung zeigt Aggressionspotenzial – Welchen Einfluss haben Gene wirklich?
Dr. rer. medic. Benjamin Clemens
Preisträger des Niels-A.-Lassen Preis 2016, Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, Uniklinik RWTH Aachen

Auch im hohen Alter fit im Kopf: Elektrische Hirnstimulation verbessert Denkleistung
Professor Dr. med. Agnes Flöel
2. Vizepräsidentin der DGKN, Klinik für Neurologie mit Experimenteller Neurologie, Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Charité Mitte

Die Decodierung des Gehirns: Was Hirnströme über die Gedanken verraten
Professor Dr. rer. nat. Rainer Goebel
Direktor am Maastricht Brain Imaging Centre, Maastricht Universität

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Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Ärzte und Wissenschaftler in Deutschland, die auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Neurophysiologie tätig sind. Anliegen der DGKN ist es, die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern sowie eine qualitätsgesicherte Aus-, Weiter- und Fortbildung zu garantieren. Zu diesem Zweck richtet die DGKN wissenschaftliche Tagungen, Symposien und Fortbildungsveranstaltungen aus. Sie erarbeitet Richtlinien und Empfehlungen für die Anwendung von Methoden wie EEG, EMG oder Ultraschall. Darüber hinaus setzt sich die DGKN für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein, indem sie etwa Stipendien und Preise vor allem für junge Forscher vergibt. Die Methoden der klinischen Neurophysiologie kommen Patienten bei der Diagnose und Therapie von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Migräne, Epilepsie, Schlaganfall oder Multiple Sklerose zugute.

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