Wegwerfen von Lebensmitteln vs. hungernde Bevölkerung – Ineffizient und unmoralisch?

Halle (Saale), 17. Oktober 2012 – Zurzeit intensiv in der Öffentlichkeit wahrgenommene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass rund ein Drittel der für den menschlichen Verbrauch produzierten Lebensmittel verloren gehen oder weggeworfen werden. Gleichzeitig leiden etwa 925 Millionen Menschen nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) an Hunger und Unterernährung. In diesem Zusammenhang wirft die derzeitige Diskussion in der Öffentlichkeit die Frage auf, ob das weltweite Hungerproblem gelöst werden könnte, wenn in den wohlhabenden Ländern verantwortungsvoller mit Lebensmitteln umgegangen wird. Im IAMO Policy Brief 7 überprüft Ulrich Koester, Professor an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, diese aktuelle Fragestellung und geht auf moralische Aspekte sowie mögliche Lösungsansätze ein.

Anlass für die intensive Debatte war das Ergebnis einer Studie zur Qualifizierung der Abfälle von Lebensmitteln, die im März 2012 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegeben wurde. Die Studie besagt, dass allein in Deutschland jährlich knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmittel von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten entsorgt werden. In einem Vier-Personen-Haushalt entstehen beispielsweise Lebensmittelverluste in Höhe von rund 940 Euro pro Jahr. Mit dieser Zahl soll implizit angegeben werden, welche Wohltaten man den armen Menschen antun könnte, wenn sorgsamer mit Lebensmitteln umgegangen werden würde. Nach der Auffassung von Koester ist diese Interpretation jedoch nicht angemessen, da mit dem Kauf nicht nur Bestanteile der Agrarrohprodukte, sondern auch komplementäre Sach- und Dienstleistungen erworben werden.

Das Wegwerfen von Lebensmittel bedeutet, dass ein Teil der aufgewendeten Ressourcen für deren Produktion vergeudet wird. Würde man auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette das Angebot besser an den tatsächlichen Bedarf anpassen, könnten daraufhin Lebensmittelabfälle verringert werden. Jedoch ist es fraglich, ob Maßnahmen wie vermehrte Warenlieferungen an Einzelhändler und häufigere Einkäufe der Konsumenten, die ebenfalls einen erheblichen Ressourcenaufwand an Zeit sowie Fahrt- und Transportkosten benötigen, wirklich zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beitragen. Entsprechend Koesters Ansicht ist es daher irreführend zu unterstellen, dass die in den Studien ermittelten Lebensmittelabfälle im vollen Umfang tatsächlich eine Vergeudung von Ressourcen beinhaltet.

In der Diskussion wird implizit unterstellt, dass die nicht genutzten Lebensmittel in den reichen Ländern den hungernden Menschen in anderen Ländern zur Verfügung stehen könnten. Es kann allerdings eine Tonne weniger Lebensmittel nicht mit einer Tonne mehr Lebensmittel in armen Ländern gleichgesetzt werden. Die Abfälle in reichen Ländern entstehen bei anderen Lebensmitteln als von den Hungernden gewünscht werden. Des Weiteren wären die verringerten Abfälle nicht kostenlos in die armen Länder zu transferieren. Das grundlegende Problem liegt in der nicht ausreichenden Qualität und Produktionsmenge von Lebensmitteln in armen Ländern sowie ungenügenden Kaufkraft, um sich diese leisten zu können. Langfristig müssen in diesen Regionen Anreize geschaffen werden, um mehr zu produzieren.

In der Tat ist das Wegwerfen von Lebensmittel für viele Menschen ein moralisches Problem, da die Hungernden in armen Ländern nicht einmal ihre Grundbedürfnisse befriedigen können. „Dennoch führt der Verzicht des Wegwerfens auf der einen Seite nicht automatisch zu einem gleich hohen zusätzlichen Verzehr auf der anderen Seite. Es wäre zukünftig eine verdienstvolle Aufgabe, politische Vorgaben und wirtschaftliches Handeln im Hinblick auf Moral und Hunger in der Welt zu untersuchen“, so Professor Ulrich Koester.

Die ausführliche Argumentation zum Thema können im IAMO Policy Brief 7 auf der folgenden Homepage eingesehen werden: www.iamo.de

In der Publikationsreihe IAMO Policy Brief werden in loser Folge gesellschaftlich relevante Forschungsergebnisse des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) kurz und allgemeinverständlich aufbereitet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Zielgruppe sind insbesondere Entscheidungsträger der Politik, Medienvertreter und die breite Öffentlichkeit.

Weiterführende Informationen zu den Studien

FAO (2011): Food Losses and Food Waste, Extent, Causes and Prevention. Study conducted for the International Congress SAVE FOOD! at Interpac. Düsseldorf, Germany.

Universität Stuttgart Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft (2012): Ermittlung der weggeworfenen Lebensmittelmengen und Vorschläge zur Verminderung der Wegwerfrate bei Lebensmitteln in Deutschland.

Über das IAMO

Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO) ist eine international anerkannte Forschungsreinrichtung. Mit über 60 Wissenschaftlern und in Kooperation mit anderen renommierten Instituten widmet es sich wichtigen Fragen der Agrar- und Ernährungswirtschaft und der ländlichen Räume. Hauptuntersuchungsregionen sind Mittel- und Osteuropa sowie Zentral- und Ostasien. Seit seiner Gründung 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner

Prof. Dr. Dr. h.c. mult.
Ulrich Koester
Institut für Agrarökonomie
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Wilhelm-Seelig-Platz 6/7
24118 Kiel
Tel. +49 (0)431 8804436
Fax +49 (0)345 8804592
E-Mail ukoester@ae.uni-kiel.de

Ansprechpartnerin für die Medien

Daniela Schimming
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Mittel- und Osteuropa (IAMO)
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06120 Halle (Saale)
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