Was hat Bildung der Eltern mit der Gesundheit ihrer Kinder zu tun?

Bildung der Eltern - Gesundheit der Kinder

Bildung. Die Gesundheit eines Menschen ist von zentraler Bedeutung für dessen Werdegang: „Sie ist nicht nur ein guter Indikator dafür, wie lange ein Mensch lebt. Gesündere Menschen haben in der Regel auch bessere Berufschancen und einen höheren sozialen Status. Der Grundstein für ein gesundes Leben wird im Kindesalter gelegt“, sagt der Soziologe Prof. Dr. Oliver Arránz Becker von der MLU. Frühere Studien hätten bereits gezeigt, dass die Gesundheit von Kindern von sozioökonomischen Faktoren im Elternhaus abhängt, etwa dem Einkommen der Eltern und deren Bildung. Das könnte daran liegen, dass mit einer höheren Bildung ein größeres Wissen über eine gesunde Lebensweise und Krankheiten einhergeht, so der Forscher.

Bildung und Gesundheit

In der neuen Studie gingen die Forschenden aus Halle diesem Zusammenhang weiter auf den Grund. „Wir wollten untersuchen, ob und wie sich diese Effekte langfristig auswirken“, sagt die Soziologin Katharina Loter, Ko-Autorin der Studie. Um dies genauer zu beleuchten, werteten die Forschenden die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Geburtenjahrgänge 1925 bis 1998 aus. Das SOEP ist die größte und am längsten laufende Panelstudie Deutschlands, bei der seit mehr als 30 Jahren über 12.000 Privathaushalte in regelmäßigen Abständen zu ihren Lebensumständen befragt werden. Die Daten des SOEP geben zum Beispiel Auskunft über Bildung, Gesundheit, Einkommen, Erwerbstätigkeit und Lebenszufriedenheit. Auch Angaben zur mentalen und körperlichen Gesundheit werden erfasst. Für die Erhebung werden jedes Jahr dieselben Personen befragt, wodurch sich auch langfristige Trends nachzeichnen lassen.

Die neuen Analysen zeigen, dass es bis ins hohe Alter einen klaren Zusammenhang zwischen der Bildung der Eltern und der Gesundheit ihrer Kinder gibt. „Kinder höher gebildeter Eltern, die also mindestens über einen Abiturabschluss verfügen, bewerteten ihre körperliche Gesundheit in beinahe allen Altersgruppen deutlich besser als Kinder geringer gebildeter Eltern“, fasst Loter zusammen. Bis zu einem Alter von etwa 60 Jahren werden die Unterschiede noch einmal größer, danach nehmen sie etwas ab. In Bezug auf die psychische Gesundheit sind ebenfalls Unterschiede vorhanden, wenn auch nicht so deutlich. Interessant sei, dass die Ungleichheit hinsichtlich mentaler Gesundheit bei Söhnen etwas stärker ausgeprägt ist und früher einsetzt als bei Töchtern. „Wir vermuten, dass geringer gebildete Männer vermehrt in Berufen arbeiten, die nicht nur körperlich oder psychisch anstrengend sind, sondern auch geringe Arbeitssicherheit und niedrigere Löhne mit sich bringen und sie so zusätzlich dauerhaft mental belasten“, sagt Loter.

Das Team hat auch die Bildung der nun erwachsenen Kinder als möglichen sozialen Wirkmechanismus berücksichtigt und untersucht, ob es die gefundenen gesundheitlichen Unterschiede auch dann gäbe, wenn die Bildung bei Kindern aus Akademiker- und Nicht-Akademikerhaushalten gleich wäre. „Dabei hat sich gezeigt, dass die Weitergabe der Bildung der Eltern an die Kinder innerhalb von Familien ein entscheidendes Moment darstellt. Gäbe es in Deutschland mehr bildungsbezogene Aufstiegschancen für Kinder geringer gebildeter Eltern, wären auch die gesundheitlichen Unterschiede wahrscheinlich geringer“, sagt Loter. Das sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, weil das Bildungssystem in Deutschland nicht besonders durchlässig ist: Für ein Nicht-Akademikerkind ist es nach wie vor deutlich schwieriger, ein Studium zu absolvieren als für ein Akademikerkind. „Die geringe soziale Mobilität in Deutschland zementiert sich nicht nur in stabilen Ungleichheiten in Bildung, Beruf und Einkommen, sondern eben auch in der Gesundheit – und diese Ungleichheiten werden offenbar bis ins hohe Alter fortgeschrieben“, ergänzt Arránz Becker.

Originalpublikation:
Arránz Becker O., Loter K. Socio-Economic Family Background and Adult Children’s Health in Germany: The Role of Intergenerational Transmission of Education. European Sociological Review (2020). doi: 10.1093/esr/jcaa063
https://academic.oup.com/esr/advance-article/doi/10.1093/esr/jcaa063/6050722


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