Warum Fachkräfte in der Landwirtschaft fehlen

Im Rahmen einer Fachkonferenz am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) zur Zukunft der landwirtschaftlichen Arbeit diskutierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verschiedener Disziplinen Ausmaß und Konsequenzen des Fachkräftemangels im Agrarsektor. Nach Ansicht mehrerer Expertinnen und Experten wird die Automatisierung aufgrund steigender Facharbeiterlöhne weiter voranschreiten. Landwirtschaftliche Betriebe können durch die oft niedrige Wertschöpfung kaum mit anderen Wirtschaftszweigen um Fachkräfte konkurrieren. Gleichzeitig tun sie sich schwer mit der Erschließung bisher unterrepräsentierter Gruppen wie etwa Frauen oder Migranten. Zur Erhöhung der persönlich-sozialen Kompetenzen von Führungskräften sind auch neue Ansätze in der beruflichen Bildung erforderlich.

Die Fachkonferenz zum Thema „Landwirtschaft: Arbeitsplatz mit Zukunft?!“ fand vom 17. bis 19. Februar 2016 am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle (Saale) statt. Dabei standen gesellschaftliche Rahmenbedingungen für das Berufsfeld Landwirt, der technische Wandel, gesellschaftliche Erwartungen und Kompetenzmanagement in der Landwirtschaft sowie der landwirtschaftliche Arbeitsmarkt im Fokus. In seinem Vortrag zu den personalwirtschaftlichen Konsequenzen des Fachkräftemangels machte Prof. Dr. Ludwig Theuvsen von der Universität Göttingen deutlich, dass die Landwirtschaft angesichts der zurückgehenden Zahl an Nachwuchskräften kaum in der Lage ist, mit Hochlohnsektoren der deutschen Wirtschaft zu konkurrieren. Umso wichtiger sei es, Schwachstellen im Personalmanagement zu beseitigen und neue Fachkräftepotenziale zu erschließen. Zu diesen zählte er Migranten aus Mittel- und Osteuropa und Flüchtlinge. Prof. Dr. Martin Petrick vom IAMO stellte eigene Berechnungen vor, nach denen die Zahlungsbereitschaft landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland für die Einstellung weiterer Lohnarbeitskräfte vielfach unter dem gängigen Lohnsatz liege. „Für Arbeiter und Arbeiterinnen mit niedrigen Qualifikationen liegt der Lohn oftmals im Bereich des gesetzlichen Mindestlohns“, erläuterte Petrick. „Bei Facharbeiterlöhnen beobachten wir hingegen seit mehreren Jahren auch in Ostdeutschland eine Trendwende.“ Während einfache Arbeitskräfte durch Kapital ersetzt werden könnten, seien moderne Anlagen und Maschinen auf gut ausgebildete, relativ „teure“ Facharbeiterinnen und Facharbeiter angewiesen. „In der Zukunft werden die Betriebsleiter voraussichtlich versuchen, die Produktivität ihres Fachpersonals durch erhöhten Kapitaleinsatz und eine Verringerung der Anzahl gering qualifizierter Arbeiter weiter zu steigern.“ prognostizierte Petrick.

Mehrere Tagungsbeiträge verdeutlichten, dass aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Sicherheit des Arbeitsplatzes, ein gutes Betriebsklima und eine als inhaltsreich empfundene Tätigkeit mindestens ebenso bedeutsam sind wie die Höhe des Lohns. Traditionelle Stärken des landwirtschaftlichen Arbeitsplatzes wie Naturnähe, Vielseitigkeit und Eigenverantwortlichkeit gehen im Zuge der zunehmenden Arbeitsteilung, Standardisierung und Technisierung in einigen Bereichen der Agrarwirtschaft jedoch verloren. Ein erheblicher Teil der für Agrarberufe erforderlichen Qualifikation besteht aus Erfahrungswerten und aus implizitem Wissen, das durch eine Sozialisation im landwirtschaftlichen Umfeld erworben wird. Christa Gotter vom IAMO zufolge betrifft dies beispielsweise das ambivalente Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Nutztiere werden von ihren Haltern teils wie Kollegen, teils wie warenförmige Objekte wahrgenommen. Ein professioneller Umgang mit solchen Ambivalenzen fällt Quereinsteigern in der Landwirtschaft schwer. Ausbilder und Ausbilderinnen sind auf der anderen Seite kaum geübt, diese Ambivalenzen zu thematisieren. Martin Lambers vom Deutschen Bauernverband sagte, dass es Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern mitunter an persönlich-sozialen Kompetenzen in der Mitarbeiterführung fehle. Es gebe daher Schulungsbedarf bei der Kommunikation, Mitarbeitermotivation und im Konfliktmanagement. Insofern stellt der Fachkräftemangel auch neue Anforderungen an die landwirtschaftliche Bildung und Ausbildung.

Nach Angaben von Prof. Dr. Theodor Fock von der Hochschule Neubrandenburg ist nur jede dritte ständige Lohnarbeitskraft in der deutschen Landwirtschaft weiblich. Unter den Auszubildenden in der Landwirtschaft machen Frauen nur 12 Prozent aus. Dr. Mira Lehberger von der Hochschule Geisenheim zeigte anhand einer Befragung von Studierenden der Agrarwissenschaften, dass Frauen weniger an landwirtschaftlichen Leitungspositionen interessiert sind. Anders als Männer glauben sie, dass diese Tätigkeit mit einer geringen sozialen Wertschätzung verbunden ist und sie gehen davon aus, dass sie dort nur eine geringe Wirksamkeit entfalten. Gleichzeitig bevorzugen landwirtschaftliche Arbeitgeber bei gleicher Qualifikation männliche Bewerber. Frauen in landwirtschaftlichen Ausbildungsberufen vermissen eine Berücksichtigung ihres spezifischen Erfahrungshintergrundes, etwa bei der Vermittlung von landtechnischem Wissen. Fock stellte eine aktuelle Absolventenbefragung seiner Hochschule vor, der zufolge Frauen mit Hochschulqualifikation im Agrarbereich brutto durchschnittlich 22 Prozent weniger als Männer verdienten. Die Studie zeigte eine hohe Beschäftigungsquote unter den Befragten. 98 Prozent der befragten Agrarabsolventinnen und -absolventen dieser Hochschule waren im Jahr 2014 berufstätig. Frauen arbeiten jedoch häufiger außerhalb der landwirtschaftlichen Produktion.

Als weitere Zielgruppe für Neueinstellungen kommen Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa oder Flüchtlinge in Frage. Ausgehend von einem niedrigen Wert von etwa 1500 Personen im Jahr 2008 stieg die Anzahl der dauerhaft in der Landwirtschaft beschäftigten Arbeitskräfte mit ausländischem Pass in der ostdeutschen Landwirtschaft bis 2015 um das Dreieinhalbfache. Dr. Vasyl Kvartiuk und Dr. Diana Traikova vom IAMO zeigten, dass unter den Studierenden an landwirtschaftlichen Hochschulen in Bulgarien und Russland eine gewisse Auswanderungsbereitschaft zu verzeichnen ist. Als Hinderungsgründe für eine tatsächliche Vermittlung führten sie fehlende Sprachkenntnisse und mangelndes Wissen über Beschäftigungsmöglichkeiten im deutschen Agrarsektor an. Dr. Hartwig Mennen vom Verein Landwirtschaft und Oekologisches Gleichgewicht mit Osteuropa (LOGO e.V.) machte deutlich, dass seine Organisation über das Wissen zur Vermittlung von Praktikantinnen und Praktikanten auch aus muslimisch geprägten Herkunftsländern an deutsche Agrarbetriebe verfügt. Um dieses Wissen auf Flüchtlinge in Deutschland anzuwenden, fehle es jedoch an geeigneten Mechanismen, um aus der Vielzahl der Flüchtlinge diejenigen mit landwirtschaftlichen Vorkenntnissen und einem Interesse am Agrarsektor herauszufiltern.

Die Veranstaltung wurde im Rahmen des Forschungsprojektes „Kompetenzmanagement zum Aufbau ausländischer Arbeitskräfte zu Fachkräften in der Landwirtschaft (Alfa Agrar)“ gemeinsam vom IAMO, dem Zentrum für Sozialforschung e.V. (ZSH) an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und dem Agrarunternehmen Barnstädt e.G. organisiert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützte die Konferenz finanziell im Rahmen des Förderschwerpunkts „Betriebliches Kompetenzmanagement im demografischen Wandel“.

Die Tagungsbeiträge stehen in Kürze auf der Webseite http://www.alfa-agrar.de/fachkonferenz zum Download zur Verfügung.

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Über das IAMO
Das Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) widmet sich der Analyse von wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungsprozessen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft sowie in den ländlichen Räumen. Sein Untersuchungsgebiet erstreckt sich von der sich erweiternden EU über die Transformationsregionen Mittel-, Ost- und Südosteuropas bis nach Zentral- und Ostasien. Das IAMO leistet dabei einen Beitrag zum besseren Verständnis des institutionellen, strukturellen und technologischen Wandels. Darüber hinaus untersucht es die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Agrar- und Ernährungssektor sowie die Lebensumstände der ländlichen Bevölkerung. Für deren Bewältigung werden Strategien und Optionen für Unternehmen, Agrarmärkte und Politik abgeleitet und analysiert. Seit seiner Gründung im Jahr 1994 gehört das IAMO als außeruniversitäre Forschungseinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft an.

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