Warum der „kleine Unterschied“ große Folgen haben kann

Jena (04.10.10) Wer krank ist, geht zum Arzt und erhält – je nach Diagnose – ein Medikament oder eine bestimmte Therapie verordnet. Dabei macht der Mediziner in der Regel keinen Unterschied, ob er nun einen Mann oder eine Frau als Patient behandelt. „Das sollte er aber“, ist Prof. Dr. Oliver Werz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena überzeugt. Denn der „kleine Unterschied“ zwischen den Geschlechtern spiele in der Therapie von Krankheiten eine bislang völlig unterschätzte Rolle. So leiden Männer und Frauen nicht nur unterschiedlich häufig an bestimmten Erkrankungen. „Auch die Wirkung von Medikamenten unterscheidet sich bei männlichen und weiblichen Patienten oft deutlich“, sagt der neu ernannte Lehrstuhlinhaber für Pharmazeutische und Medizinische Chemie.

Den geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Entstehung und Therapie von Krankheiten geht Prof. Werz nun in Jena nach, wohin der gebürtige Schwabe von der Uni Tübingen wechselte. Vor allem Autoimmunerkrankungen, wie Rheumatoider Arthritis oder Multipler Sklerose, sowie anderen Entzündungskrankheiten widmet sich der 44-Jährige in seiner Forschungsarbeit. „Von Autoimmunerkrankungen sind vor allem Frauen betroffen“, weiß der Pharmazeut. Mit seinem Forscherteam konnte er jüngst eine Ursache für diesen Unterschied aufklären: „Das männliche Hormon Testosteron unterdrückt bestimmte Entzündungsreaktionen auf molekularer Ebene“. Was einerseits erkläre, wieso Männer weniger häufig von entzündlichen und allergischen Erkrankungen (wie Asthma) betroffen seien. „Zum anderen sollten diese Erkenntnisse bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe unbedingt berücksichtigt werden, um gerade den betroffenen Frauen eine wirksame und sichere Therapie anbieten zu können“, unterstreicht Prof. Werz.

Geboren und aufgewachsen im schwäbischen Reutlingen hat Oliver Werz an der Uni Tübingen Pharmazie studiert, wo er 1996 auch promoviert wurde. Nach Stationen in Frankfurt/M. und Stockholm kehrte er 2005 als Universitätsprofessor an die Uni Tübingen zurück, von wo er jetzt dem Ruf an die Friedrich-Schiller-Universität folgte. „Jena bietet für mich und mein Team ideale Forschungs- und Lehrbedingungen“, begründet der Pharmazeut diese Wahl, mit der er einen zeitgleich erfolgten Ruf an die Uni Münster ablehnte. Die Jenaer Pharmazie schneide in den nationalen Rankings regelmäßig sehr gut ab und genieße deshalb einen hervorragenden Ruf. Außerdem habe Jena eine familienfreundliche Infrastruktur zu bieten, was dem Vater zweier kleiner Kinder die Entscheidung ebenfalls erleichtert hat.

Neben der „Gender Medizin“ befasst sich Oliver Werz u. a. auch mit der Wirkung von Naturstoffen. „Dazu gibt es hier in Jena beste Anknüpfungspunkte, etwa am Hans-Knöll-Institut.“ So untersucht er z. B., worauf die pharmazeutische Wirkung traditioneller Naturarzneien beruht. „Viele Naturstoffe, etwa der Weihrauch, werden in der Therapie von Entzündungserkrankungen eingesetzt, ohne dass geklärt ist, worauf die Wirkung eigentlich beruht.“ Im Labor analysieren der Jenaer Pharmazeut und seine Arbeitsgruppe darum, mit welchen zellulären Zielstrukturen die Weihrauchinhaltsstoffe interagieren können. „So lassen sich die molekularen Mechanismen der Wirkung von Naturstoffen aufklären und neue Arzneimittel zielgerichtet entwickeln.“

Kontakt:
Prof. Dr. Oliver Werz
Institut für Pharmazie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Philosophenweg 14, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949801
E-Mail: oliver.werzuni-jena.de
(idw, 10/2010)

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