Wann interveniert der UN-Sicherheitsrat und wie entsteht krankhaftes Übergewicht?

Auf ihrer Jahrestagung in Frankfurt am Main hat die Leibniz-Gemeinschaft die herausragenden Doktorarbeiten Dr. Martin Binders vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Dr. Henriette Kirchners vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DIfE) mit dem mit jeweils 3000 Euro dotierten Nachwuchspreis ausgezeichnet.

Dr. Martin Binder (34) hat in seiner Doktorarbeit die Gründe dafür untersucht, warum der UN-Sicherheitsrat in manchen humanitären Krisen interveniert – wie zuletzt in Lybien, oder nicht interveniert – wie aktuell in Syrien. Aus seiner Analyse von 44 Krisen der Jahre 1991 bis 2005 gelangte der Politikwissenschaftler zu der Erkenntnis, dass im wesentlichen vier Faktoren über eine (Nicht-)Intervention entscheiden: Der moralische Handlungsdruck, der sich aus dem Ausmaß einer humanitären Notlage ergibt; die Gefahr eines regionalen Ausstrahlens einer Krise in benachbarte Regionen (z.B. durch Flüchtlingsströme); der Umfang bereits getätigter materieller oder immaterieller Investitionen (diplomatisches Prestige) in einer Krise; sowie die militärische Stärke eines Interventionsziels und damit dessen Fähigkeit, Widerstand gegen ein internationales Eingreifen zu leisten.
Diese Faktoren identifizierte Martin Binder auf Grundlage von UN-Sicherheitsratsentscheidungen und der Reflektion anhand verschiedener Theorien der internationalen Beziehungen. Auf der Basis der 44 Fälle wurden die Faktoren mittels einer softwaregestützten Fuzzy-set-Analyse getestet. Anschließend überprüfte Martin Binder die daraus gewonnenen Ergebnisse detailliert an zwei Beispielen – dem machtvollen Eingreifen der Vereinten Nationen in Bosnien und der sehr zurückhaltenden Reaktion in Darfur (Sudan).

Die Präsidentin des WZB, Prof. Jutta Allmendinger, lobt in ihrem Preisvorschlag nicht nur das hohe und innovative methodische Niveau der Arbeit, sondern hebt auch die hohen normativen und politisch-praktischen Implikationen hervor: „Eine inkonsistente Antwort auf humanitäre Notlagen schadet nicht nur der Legitimität der internationalen Ordnung, sondern unterminiert auch die Glaubwürdigkeit und damit die Erfolgschancen solcher Interventionen. Insofern ist die Kenntnis der Ursachen und Mechanismen von Selektivität Voraussetzung für eine konsistentere und nachhaltigere internationale Menschenrechtspolitik.“

Martin Binder ist seit dem Abschluss seiner Dissertation Ende 2009 auf einer Post-doc Stelle in der Abteilung „Transnationale Konflikte und Internationale Institutionen“ von Prof. Michael Zürn tätig.

Teile der Doktorarbeit wurden in der referierten internationalen Fachzeitschrift Human Rights Review veröffentlicht (Binder, Martin: „Humanitarian Crises and the International Politics of Selectivity“, in: Human Rights Review 10 (3): 327-348. 2009). Eine Kurzfassung der Forschungsergebnisse findet sich im Artikel „Interventionen folgen festen Mustern“ in der Septemberausgabe 2011 der Vierteljahreszeitschrift WZB-Mitteilungen ().

Kontakt:
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Tel.: (030) 25491 537
E-Mail:

Dr. Henriette Kirchner (31) untersuchte am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke die Rolle des Hormons Ghrelin bei der Entstehung krankhaften Übergewichts (Adipositas). Ghrelin wird in der Magenschleimhaut produziert und über ein spezielles Enzym GOAT aktiviert. Das aktivierte Ghrelin stimuliert die Nahrungsaufnahme. Henriette Kirchner konnte mit Hilfe von Studien an gentechnisch veränderten Mäusen zeigen, dass zwar das Ausschalten von Ghrelin und seiner Rezeptoren wie zu erwarten Körpergewicht, Appetit und Körperfettmasse reduziert, das GOAT aber nicht wie bisher vermutet durch Nahrungsmangel aktiviert wird. Stattdessen erkannte die Ernährungswissenschaftlerin, dass die Aktivierung von GOAT stark von der Verfügbarkeit von Nahrungsfetten abhängt. Die dem Gehirn dadurch signalisierte kalorienreiche Umgebung wird vom Körper durch eine weitere Steigerung der Nahrungsaufnahme, eine Hemmung der Fettverbrennung sowie gezielte Fetteinlagerung optimal ausgenutzt.

Henriette Kirchner schlussfolgert daraus, dass Ghrelin möglicherweise nicht das „Hungerhormon“ ist, für das es bislang gehalten wurde, sondern eher potentieller „Fettsensor“. Auf Menschen übertragen könnte dies bedeuten, dass das Meiden von Nahrungsmitteln mit einer hohen Konzentration an mittelkettigen Fettsäuren wie Kokosfett oder Butter sinnvoll zur Adipositas-Prävention ist. Für die Entwicklung pharmakologischer Anti-Adipositas-Therapien ergeben sich aus Henriette Kirchners Doktorarbeit interessante Ansatzpunkte.

Der Direktor des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung, Prof. Hans-Georg Joost, hält den Befund der Arbeit für „einen Meilenstein im Feld der Endokrinologie und der Regulation der Energiebilanz.“ Kirchner habe einen „fundamentalen Beitrag zum Verständnis der Entstehung von Adipositas geleistet.“ Von 2007 bis 2009 erfolgte die Finanzierung der Stelle von Henriette Kirchner über das im Leibniz-Wettbewerbsverfahren des Pakts für Forschung und Innovation geförderte Leibniz-Graduiertenkolleg „Sensory, endocrine and metabolic control of food choice“. Momentan arbeitet Henriette Kirchner als Post-doc in der Abteilung molekulare Medizin und Chirurgie des Karolinksa Institutet in Stockholm.

Ergebnisse der Arbeit sind bereits in renommierten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht worden:
– Kirchner et al. “GOAT links dietary lipids with the endocrine control of energy balance” in: Nature Medicine 15, 741 – 745 (2009) doi:10.1038/nm.1997
– Kirchner et al. “Ghrelin and PYY in the regulation of energy balance and metabolism: lessons from mouse mutants” in: American Journal of Physiology – Endocrinology and Metabolism May 2010 298:E909-E919. doi:10.1152/ajpendo.00191.2009

Kontakt:
Karolinska Institutet
Dept. of Molecular Medicine and Surgery
Tel: +46 8 524 878 63
Email:

Der Nachwuchspreis der Leibniz-Gemeinschaft wird jährlich für die besten Doktorarbeiten aus Leibniz-Instituten in den Kategorien „Geistes- und Sozialwissenschaften“ und „Natur- und Technikwissenschaften“ vergeben. Er ist mit jeweils 3000 Euro dotiert. Die Auswahl über die Preisträger trifft eine zwölfköpfige Jury unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Treusch (Präsident der Jacobs University Bremen) aus den Vorschlägen der wissenschaftlichen Fachsektionen der Leibniz-Gemeinschaft.

Pressekontakt für die Leibniz-Gemeinschaft
Josef Zens
Tel. +49 (0) 30 / 20 60 49-42
Mobil: 0173 / 5 13 56 69

Christoph Herbort-von Loeper
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Mobil: 0174 / 310 81 74

Die Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 87 selbständige Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, und Sozialwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen strategisch und themenorientiert. Dabei bedienen sie sich verschiedener Forschungstypen wie Grundlagenforschung, anwendungsorientierter Forschung, wissenschaftlicher Infrastrukturen und forschungsbasierter Dienstleistungen. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Sie pflegt intensive Kooperationen mit den Hochschulen, u.a. über gemeinsame Wissenschaftscampi, und mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Ihre Einrichtungen unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und externalisierten Begutachtungsverfahren. Jedes Leibniz-Institut hat eine Aufgabe von gesamtstaatlicher Bedeutung. Daher fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen etwa 16.800 Personen, davon sind ca. 7.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, einschließlich der 3.300 Nachwuchswissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,4 Mrd. Euro, die Drittmittel betragen etwa 330 Mio. Euro pro Jahr.

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