Vorausschauende Überwachung von Risikofaktoren reduziert Hirnblutungsrate bei Frühgeborenen

Die Ausgangslage: In den zurückliegenden Jahrzehnten sind die Überlebenschancen von sehr unreifen Frühgeborenen deutlich gestiegen. Vor allem bei diesen Kindern kann es jedoch Komplikationen geben. Besonders bedeutsam ist hier die „intraventrikuläre Hirnblutung“ (IVH). Sie ist ein spezifisches Problem bei sehr unreifen Frühgeborenen und führt zu erheblichen und dauerhaften Hirnschädigungen, die sich unter Umständen als schwere Behinderung ausdrückt. Professor Hummler spricht in diesem Zusammenhang von Morbidität, also der Krankheitshäufigkeit auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe bezogen (in diesem Fall Frühgeborene). „IVH hat uns keine Ruhe gelassen, denn natürlich sehen sich Perinatalzentren weltweit mit dieser lebensbedrohlichen Komplikation konfrontiert. Deshalb haben wir in Ulm vor rund drei Jahren begonnen, zunächst eigenes Datenmaterial auszuwerten und im zweiten Schritt Strategien für die Praxis zu entwickeln, die mithelfen können, die Gesundheit und das Leben der Frühgeborenen zu retten“, so Professor Hummler.

Die Voraussetzungen für eine breite und aussagekräftige Datenbasis waren von Anfang an gut, denn das Perinatalzentrum Ulm versorgt eine hohe Anzahl sehr unreifer Frühgeborener aus einem Einzugsgebiet, das etwa einem Fünftel der Fläche Baden-Württembergs entspricht. „In der vergleichenden Auswertung der baden-württembergischen Neonatalerhebung schneiden wir mit einer Gesamtsterberate aller in der Kinderklinik behandelten Neugeborener von 1,44 % zu im Durchschnitt 7,15 % zwar sehr gut ab, doch unsere (niedrige) IHV-Rate entsprach ,nur’ dem, was auch die einschlägige Literatur angibt“, führt Dr. Manuel Schmid, Oberarzt der Sektion Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin, aus und ergänzt: „Wir wollten noch besser werden.“

Vor dem Hintergrund dieses Vorhabens gründete sich die „IVH-Arbeitsgruppe“, der neben Professor Hummler auch PD Dr. Frank Reister, Leiter der Sektion Geburthilfe an der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Ulm, und zahlreiche Ober- sowie Assistenzärzte und Pflegekräfte angehören. Ziel: Alle Aspekte beleuchten, die zu den Hirnblutungen beigetragen haben könnten. Es entstand schnell ein intensiver Austausch mit anderen führenden Perinatalzentren (Was wird dort anders und vielleicht sogar besser gemacht? Was machen wir schon jetzt besonders gut?), der in einem individuell auf Ulm zugeschnittenen Maßnahmenpaket mündete.
„Es zeigt sich schon jetzt, dass wir unsere ohnehin niedrige Hirnblutungsrate bei Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht < 1500g nach Etablierung unserer Maßnahmen nochmals fast halbieren konnten – sie sank von 22,1 % auf 10,5 %“, bilanziert Professor Hummler. Für ihn steht somit fest, dass IVH bei extrem unreifen Frühgeborenen nicht notwendigerweise ein unvermeidbares, schicksalhaftes Ereignis ist. Einige Schlüsselelemente, die in der Ulmer Arbeitsgruppe herausgearbeitet wurden:
• generelle Bereitschaft zu Veränderungen
• konsequente Einbeziehung aller beteiligten Disziplinen und Berufsgruppen
• regelmäßige Falldiskussionen in Kombination mit einer Überprüfung der Einhaltung der festgelegten Maßnahmen
• intensive Auseinandersetzung mit den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Entstehung der IVH
• kritischer Vergleich der Behandlungsstandards im Netzwerk im Rahmen gegenseitiger Besuche (Austausch mit anderen Kliniken)

Was bedeutet das im Detail?
Einige Beispiele: Nicht nur mit scheinbaren „Kleinigkeiten“ (Versorgungsrunden dem Schlaf-Wach-Rhythmus des Kindes anpassen, am Bett leise sprechen, konsequentes Berühren des Kindes bei der Pflegerunde, kein direktes Licht in die Augen des Kindes, Inkubatorwechsel am 7. Lebenstag, 20° Oberkörperhochlage in der 1. Lebenswoche), beschäftigte sich die IVH-Arbeitsgruppe, sondern auch mit Fragen, die einen noch viel grundsätzlicheren Charakter haben. Das Spektrum reichte hier von der Pränatal- und Geburtsmedizin (Konzentration der unreifsten Kinder in einer Klinik mit hoher Erfahrungsdichte aufgrund einer hohen Fallzahl, kombiniertes Wärmebett/Inkubator für alle Frühgeborenen, die vor der 30 Schwangerschaftswoche geboren werden) bis hin zur Personalzusammensetzung im Kreißsaal, der idealen Beatmung auf der Intensivstation oder dem bestmöglichen innerklinischen Transport vom Kreißsaal auf die Neugeborenenintensivstation.

„Entscheidend ist der konsequente Blick auf die Gesamtheit aller möglichen Stolpersteine und die regelmäßige Beschäftigung mit dem Problem IVH, fasst Professor Hummler zusammen. „Das geht nur mit gut zusammenarbeitenden und interdisziplinär besetzten Teams, die zudem aufgrund hoher Fallzahlen sehr erfahren sind.“

Das Fazit der IVH-Arbeitsgruppe: Falls sich die Ergebnisse der Ulmer Arbeitsgruppe auf ganz Deutschland umsetzen lassen, könnten jedes Jahr viele Behinderungen verhindert werden und mehr sehr unreife Frühgeborene gesund überleben.

Weitere Informationen zur Veröffentlichung:
Schmid MB, Reister F, Mayer B, Hopfner RJ, Fuchs H, Hummler HD: Prospective risk factor monitoring reduces intracranial hemorrhage rates in preterm infants. DtschArztebl Int 2013; 110(29-30): 489-96.
DOI: 10.3238/artzebl.2013.0489

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