Vom Polarkreis ins All

An Bord der unbemannten Forschungsrakete TEXUS-49 schickte der Weltraumbiotechnologe Prof. Oliver Ullrich von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Zellen des menschlichen Immunsystems in eine Höhe von 270 Kilometern. Während ihres zirka zehnminütigen Fluges war die Rakete mit ihrer Fracht für etwa fünf Minuten in der Schwerelosigkeit des Weltalls. In dieser Zeit wurden die Versuche ferngesteuert durchgeführt.

„Wir sind überglücklich, dass alles gut geklappt hat“, sagte Ullrich nach dem erfolgreichen Start. „Es ist ein Meilenstein in unserer Forschung. Es war Spannung und Erleichterung zugleich, den Countdown zu hören und die Rakete endlich starten zu sehen.“

Nach vier Jahren Vorbereitung hing letzten Endes alles vom Wetter ab. In den Labors waren alle Vorbereitungen abgeschlossen, die Rakete stand startklar auf der Abschussrampe. Doch der Wetterballon zeigte am geplanten Starttag, Donnerstag voriger Woche, zu starken Wind. Tag um Tag musste der Start verschoben werden. Dann endlich gab es am Montag grünes Licht. Im Labor lief die Aufarbeitung der Zellen an. Doch die Wetterbedingungen waren noch immer nicht optimal. Ein letzter Wetterballon erzwang fünfzehn Minuten vor dem geplanten Start einen Abbruch des Countdowns. Voraussichtlicher Starttermin nun: Dienstag morgen sechs Uhr. Um Mitternacht begann das Laborteam erneut mit der Aufbereitung der Zellen. Die Magdeburger füllten die Zellen in Spritzen, die von einem Team der EADS Astrium eine Stunde vor Start in die Nutzlast der Rakete eingebaut wurden. Kurz vor sechs Uhr morgens war die Stimmung im Kontrollzentrum angespannt. Die letzten Minuten vor dem Start – über Lautsprecher wurden die Sekunden rückwärts gezählt. Per Knopfdruck löste Per Baldemar den Start aus, die Rakete raste mit der Schubkraft von eintausend Flugzeugtriebwerken und bis zu 7500 Kilometern pro Stunde von der Startrampe in die Höhe. Gespannt verfolgten die Wissenschaftler am Boden ihren Flug. Vom Kontrollzentrum aus konnten die Versuche gesteuert und korrigiert werden. Die Nutzlast der Rakete landete nach dem Flug im unbesiedelten nördlichsten Teil Schwedens und wurde von einem Hubschrauber geborgen. Anschließend wurden die Behälter mit den Zellen vom Team der Universität Magdeburg übernommen, aufbereitet und für den Heimtransport vorbereitet. Dort werden die Versuche im Labor mittels modernster Technologie ausgewertet.

Oliver Ullrich erforscht seit fünf Jahren an einem der wichtigsten Probleme der bemannten Raumfahrt. Seit den ersten Langzeitflügen ist bekannt, dass Astronauten bei längeren Aufenthalten in Schwerelosigkeit unter vielfältigen Störungen des Immunsystems und schweren Infektionen leiden. Der Magdeburger Weltraumbiotechnologe will herausfinden, warum menschliche Zellen des Immunsystems in der Schwerelosigkeit versagen. Dazu hat er bereits wichtige Erkenntnisse bei acht Parabelflugkampagnen gewonnen. Dabei fliegt ein Airbus bestimmte Flugmanöver und löst so für mehrere Sekunden Schwerelosigkeit aus. „Die Immunzellen reagieren innerhalb von Sekunden auf den Wegfall der Schwerkraft“, weiß Oliver Ullrich inzwischen. „Bei den Versuchen mit der Rakete wollen wir klären, ob die angeschobenen Prozesse sich fortsetzen.“

Weltweit bereiten die Raumfahrtnationen einen Flug zum Mars vor. „Ein solcher Flug dauert hin und zurück über 500 Tage. Vorher muss unbedingt geklärt werden, warum das Immunsystem ausfällt und wie dem medizinisch entgegengesteuert werden kann“, erklärt der Mediziner. „Möglicherweise finden wir aber auch heraus, dass der Mensch sich gar nicht für längere Zeit vom Erdorbit entfernen kann, weil wir genetisch auf ein Leben auf der Erde programmiert sind.“

Für Rückfragen zum Forschungsvorhaben:
Prof. Hon.-Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Oliver Ullrich,
Institut für Maschinenkonstruktion, Fakultät für Maschinenbau,
Otto-von-Guericke-Universität, Leipziger Str. 44, 39120 Magdeburg
Tel.: 0391 67 18522 oder 0041 44 63 55310
E-Mail: oliver.ullrich@ovgu.de

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