Vom Hörsaal zur großen Innovation – Medizintechniker Steffen Pattai wurde nach dem Studium Erfinder

Nach dem Abitur am Sinziger Rhein-Gymnasium begann Steffen Pattai 2004 sein Diplom-Studium der Medizintechnik am RheinAhrCampus. Für das vorgeschriebene Praxissemester sah er sich nach passenden Firmen und Institutionen um und landete schließlich bei caesar. Die Stiftung caesar ist verbunden mit der Max-Planck-Gesellschaft und betreibt in Bonn ein Zentrum für neurowissenschaftliche Forschung. Dort widmete sich Pattai zunächst der Umsetzung der Elektronentomographie als CT-Verfahren, einem Projekt, das damals gerade neu am Forschungszentrum caesar gestartet war und für die biologische Forschung aufgebaut wurde. Später wechselte er innerhalb des Forschungszentrums zur Phasenkontrast-Projekt, nachdem sich der damit befasste Kollege beruflich verändert hatte: „In diesem Zusammenhang kam ich dann zur Elektronenmikroskopie.“

Bei caesar, wo Steffen Pattai sich aufgrund seines FH-Studiums zu Beginn als „Exot“ fühlte, lernte er schnell, dass Wissenschaft und Forschung zuweilen von vielen Irrwegen und Rückschlägen begleitet sein kann, bis sich eine optimale Lösung findet: „Das Phasenkontrastprojekt ließ sich nicht wie geplant realisieren, so dass wir in andere Richtungen forschen und sehr viel ausprobieren mussten. Dabei entwickelten wir das Phasenkontrastsystem, mit dem wir später ausgründeten.“ Die Grundidee dieser Technik war schon seit den 1930er Jahren bekannt gewesen – jedoch hatte es bis dato an der Umsetzung gehapert: „Zu den großen Herausforderungen gehörte die genaue Positionierung des Elektronenstrahls. Dazu wurden präzise einstellbare Elektromotoren benötigt, die es früher nicht gab. Zudem musste das System unter Vakuum stehen, was die Angelegenheit noch komplexer machte. Wir probierten immer wieder alle Möglichkeiten aus und mussten oft von vorne anfangen.“

Als die ersten funktionstüchtigen Geräte fertig waren, luden Steffen Pattai und seine Mitstreiter Wissenschaftler ein, um ihnen ihre Idee vorzustellen: „Die Skepsis der anderen Wissenschaftler war sehr groß, so dass wir große Überzeugungsarbeit leisten mussten.“ Dabei war den jungen Erfindern ein großer Wurf gelungen: Es ist aufwändig und schwierig, biologische Proben mit einem Transmissions-Elektronenmikroskop zu untersuchen, weil das Bild aufgrund der schwachen Wechselwirkung der Probe mit dem Elektronenstrahl nur einen schwachen Kontrast aufweist. Daher lassen sich Bilddetails nur schlecht erkennen. „Wir haben es geschafft, das aus der Lichtmikroskopie bekannte Verfahren des Phasenkontrastes so auf die Elektronenmikroskopie zu übertragen, dass es auch im Routinebetrieb eingesetzt werden kann“, so Steffen Pattai.

Im Juni 2011 setzten sie sich beim Businessplan-Wettbewerb der Initiative Neues Unternehmertum Rheinland e.V. gegen 196 Teilnehmer durch und erhielten für den 1. Platz ein Preisgeld von 10.000 Euro. Um besser voranzukommen wandten sich die jungen Erfinder an den High-Tech Gründerfonds, der in innovative Startups investiert: „Die taten sich etwas schwer damit, eine so spezielle Technik zu fördern, die nur auf einem klar umgrenzten Markt benötigt wird.“ Dennoch sei es dann doch schnell gegangen, so dass das Team mit der Exist-Förderung starten konnte: „Es gehörte zu den Bedingungen der zweiten Förderphase, dass wir sofort ausgründen mussten.“ Trotz des Geldsegens blieben die jungen Unternehmer bescheiden: „Wir zahlten uns selbst davon sehr niedrige Gehälter aus, um einen längeren Atem zu haben.“

Als Startup mit einem kleinen Team anzufangen hat Vor- und Nachteile. „In einer überschaubaren Gruppe funktionieren Absprachen und Freigaben schneller als in einem großen Unternehmen, in dem die Entscheidungsprozesse oft langwierig sind“, weiß Pattai, „man ist viel freier – hat dafür allerdings ein schlechteres Standing am Markt.“ Den jungen Geschäftsleute kam schon in der Gründungsphase zugute, dass sie fachlich breit aufgestellt waren: Während sich der Medizintechniker Steffen Pattai, der Lasertechniker Patrick Kurth und der Chemiker Dr. Stephan Irsen um die Weiterentwicklung der Innovation kümmerte, schrieb der Diplom-Wirtschaftsingenieur und MBA-Harvardabsolvent Jörg Wamser die Business-Pläne und kümmerte sich auch später um das Finanzielle. Die jungen Männer brachten auch sonst die besten Voraussetzungen mit, um erfolgreich zu sein. „Als Gründer eines Startups sollte man das Risiko nicht scheuen und problemlösungsorientiert sein. Und man sollte sich nicht scheuen, die vielfältigen Beratungsangebote für junge Unternehmer zu nutzen“, rät Pattai.

Das Team hatte also das Unternehmen KonTEM gegründet und verkaufte die ersten Geräte. „Das lief am Anfang eher schleppend und war noch keine Gelddruckmaschine“, schmunzelt Steffen Pattai. Auf die jungen Erfinder im Rheinland wurde irgendwann die FEI Company aus den USA aufmerksam. Als einer der weltweit agierenden Marktführer für Hochleistungsmikroskopie forschte das Unternehmen zu der Zeit ebenfalls an der Phasenkontrast-Technologie. „Wir hatten eines der ersten Systeme, das wirklich funktionierte – und die FEI Company war für uns ein besonders interessanter Partner“, erinnert sich Pattai an die ersten Gespräche. Zuvor hatten die Jungunternehmer bereits mit einem anderen möglichen Partner verhandelt, sich dann aber doch für die FEI Company entschieden. Die Amerikaner übernahmen die Firma KonTEM inklusive aller dort entstandenen Patente. Lediglich die Patente, die der Max-Planck-Gesellschaft gehören, waren in dem Paket nicht enthalten, können aber über eine entsprechende Lizenzvereinbarung genutzt werden.

Im Rahmen seines Praxissemesters bei caesar hatte Pattai auch seine Diplomarbeit begonnen. „Die Diplomarbeit dauerte sehr lange, ich war da ja schon im Ausgründungsprojekt. Trotzdem habe ich das Studium dann doch noch zu Ende gebracht. Gedanken, das Studium ohne Abschluss zu beenden, habe ich schnell wieder zur Seite geschoben.“ Was er an der Hochschule Koblenz gelernt hat, konnte er gut verwenden: „Natürlich muss man sich im späteren Berufsleben spezialisieren und sich dafür besondere Kenntnisse aneignen. Aber das Basiswissen aus meinem Studium, beispielsweise in den Bereichen Bildverarbeitung und Lasertechnologie, war eine sehr gute Ausgangslage, um die Zusammenhänge verstehen zu können. Ich musste beispielsweise viele Publikationen lesen, in denen umfangreiche Physikkenntnisse vorausgesetzt wurden.“

Seine im Studium erworbenen Kenntnisse sowie seine Erfahrungen als erfolgreicher Gründer kommen Steffen Pattai auch bei seiner jetzigen Tätigkeit zugute: Seit einem Jahr ist er als Projektleiter für ein Startup in den Niederlanden tätig, das die Firma Löwenstein aus Bad Ems dort gekauft hat und das derzeit eine neuartige Anästhesiemaschine entwickelt.

Scroll to Top