Verfolgung von homosexuellen Menschen im Osnabrück der Nachkriegszeit

Gefördert wird das Projekt in der Pilotphase durch das Niedersächsische Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung über das Queere Netzwerk Niedersachsen. Untersucht wird der Zeitraum vom Kriegsende bis 1994, dem Jahr, in dem in der Bundesrepublik die Strafbarkeit homosexueller Handlungen zwischen Männern endgültig aufgehoben und der umstrittene Paragraph 175 des Strafgesetzbuches gestrichen wurde.

„Wir wollen herauszufinden, wie sich die Lebenswirklichkeit homosexueller Menschen mit den einhergehenden Diskriminierungen ganz konkret am Beispiel einer Stadtgesellschaft untersuchen lässt“, umreißt Prof. Dr. Christoph Rass (Neueste Geschichte) die Zielsetzung des Vorhabens. Dazu wertet Dr. Sebastian Weitkamp, der das Projektteam verstärkt, Akten von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten ebenso aus wie die Schriften anderer Institutionen.

Zugleich beginnt auch die Erhebung lebensgeschichtlicher Interviews mit Betroffenen. „Wir beginnen mit einer Generation über ihre Erfahrungen zu sprechen, die bisher kaum über ihre Diskriminierungs- und Lebenserfahrungen befragt worden ist“, erläutert Dr. Frank Wolff die Bedeutung der Zeitzeugeninterviews.

Die Osnabrücker Historiker verstehen ihre Forschungen als einen Beitrag zu einer kritischen Gesellschaftsgeschichte: „Unsere Idealvorstellung wäre es, in der Stadt einen Dialog über die Lebensverhältnisse ausgegrenzter Minderheiten anzustoßen, einen Dialog, der Verstehen und Lernen ermöglicht und nicht vorschnell als Anklage verstanden wird“, so Christoph Rass. Das Forscherteam möchte die ersten Untersuchungsergebnisse auch gerne in öffentlichen Veranstaltungen zur Diskussion stellen.

Osnabrück eignet sich aus Sicht der Forscher als Fallstudie besonders gut, da das Leben in mittelgroßen Städten viel typischer für die deutsche Gesellschaft ist als das der Metropolen. Zudem öffnet sich die Stadt unter dem Paradigma ihrer Friedenskultur auch schwierigen Themen. „Das unterstreicht auch ein Ratsbeschluss aus dem Jahr 2016, der die Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller in der Stadt anregt und die Ausgrenzung von schwulen Männern beziehungsweise lesbischen Frauen in der Nachkriegszeit in der Erinnerungskultur und in der Darstellung der Stadtgeschichte berücksichtigt wissen will“, ergänzt Rass.

Für Felix W. Wurm, der als damaliges Ratsmitglied den Ratsbeschluss und das Forschungsprojekt initiiert hat und dieses auch nun weiter begleiten wird, öffnen sich damit grundlegende Perspektiven: „Es ist wichtig, deutlich zu machen, dass es auch im demokratischen Rechtsstaat zu Menschenrechtsverletzungen kommen kann, wenn die Mehrheitsgesellschaft keine Rücksicht auf die Belange ihrer Minderheiten nimmt.“
Das Projektteam sucht noch Kontakt zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die sich in biografischen Interviews über ihre Erfahrungen äußern möchten. Die Interviews werden selbstverständlich anonymisiert. Auch Dokumente oder Aufzeichnungen sind willkommen. Interessentinnen und Interessenten können sich jeden Donnerstag zwischen 10 und 14 Uhr unter der Telefonnummer 0541 969 4158 bzw. jederzeit unter der der Email Adresse forschung-nghm@uos.de melden.

Weitere Informationen für die Redaktionen:
Prof. Dr. Christoph A. Rass, Universität Osnabrück
Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften
Neuer Graben 19/ 21, D-49076 Osnabrück
Tel.: + 49 541 969 4912
E-Mail: chrass@uni-osnabrueck.de

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