Verfahren ermöglicht bessere Anpassung von Hörgeräten

Die Nebengeräusche sind zu stark und störend, die Töne klingen nicht wie gewohnt, im schlimmsten Fall piepsen Geräte häufig – wenn die Hörgeräte nicht richtig eingestellt sind, bedeutet das starke Einschränkungen für die Trägerinnen und Träger. Ingenieure, Mediziner und Hörgeräteakustiker arbeiten eng zusammen, um die Techniken zu verbessern, die unerwünschten Nebeneffekte möglichst abzustellen und durch individuell angepasste Lösungen Abhilfe für die Betroffenen zu schaffen. Dr. Steffen Kreikemeier weist in seiner Dissertation nach, dass mit seinem, im Funktionsbereich Audiologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) entwickelten lautheitsbasierten Verfahren eine sehr gute Sprachverständlichkeit erreicht wird und die Trägerinnen und Träger ihre neuen Hörgeräte schneller akzeptieren. Seine erfolgreiche Arbeit wurde jetzt mit einem Sonderpreis der Europäischen Union der Hörgeräteakustiker e.V. (EUHA) belohnt.

Auf dem 57. Internationalen Hörgeräteakustiker-Kongress in Frankfurt erhielt Dr. Steffen Kreikemeier für seine Dissertation „Verfahren zur lautheitsbasierten Anpassung von Hörgeräten mit instantanem Insitu-Perzentil-Monitoring“ den Dissertation-Sonderpreis der Europäischen Union der Hörgeräteakustiker. Der Preis ist mit 2500 Euro dotiert. In der Arbeit, die Prof. Dr. Jürgen Kießling im Funktionsbereich Audiologie am Fachbereich 11 – Medizin der JLU betreute, wurde ein Verfahren zur Anpassung von Hörgeräten entwickelt, das die individuelle Lautheitswahrnehmung von Hörgeräteträgerinnen und -trägern berücksichtigt.

Durch die Verwendung des Internationalen Sprach Test Signals (ISTS) und der Insitu-Perzen¬til-Analyse – der Berücksichtigung der Verteilung der Schalldruckpegel direkt im Gehörgang – können die Hörsysteme unter den gleichen Bedingungen eingestellt werden, wie sie auch von den Nutzerinnen und Nutzern im Alltag getragen werden, erläutert Dr. Kreikemeier das verbesserte Verfahren. Im Vergleich zur herkömmlichen präskriptiven Anpassung, konnte gezeigt werden, dass mit dem entwickelten lautheitsbasierten Verfahren (Loudnessbased Percentile Fitting – LPFit) eine sehr gute Sprachverständlichkeit erreicht wird.

Aus Sicht der Wissenschaftler ist das ein deutlicher Vorteil zu anderen Verfahren. In der Regel wird bei der Erstversorgung mit Hörgeräten die benötigte Verstärkung noch nicht akzeptiert, weshalb eine schrittweise Gewöhnung (Akklimatisierung) notwendig ist, die die lautheitsbasierte Perzentilanpassung individuell zur Verfügung stellt. Die Trägerinnen und Träger akzeptieren ihre neuen Geräte dadurch wesentlich besser und gewöhnen sich schneller an das Tragen.

Der Präsident der EUHA, Martin Blecker, unterstrich in seiner Laudatio, dass das lautheitsbasierten Verfahren LPFit eine wesentlich bessere Alternative zu standardisierten Grundeinstellungen von Hörgeräten sei, weil sie nicht nur auf durchschnittlichen Werten basiert und zudem individuelle Akklimatisierungsstufen liefert. Die Arbeit von Kreikemeier ist somit auch ein gutes Bespiel, wie Forschungsergebnisse eine direkte Anwendung in der Praxis finden können.

Steffen Kreikemeier studierte Augenoptik und Hörakustik an der Hochschule Aalen. Nach einem Forschungsaufenthalt am Hearing Aid Research Laboratory der Universität Memphis (USA) und seiner Diplomarbeit über den „Einfluss visueller Stimuli auf Otoakustische Emissionen“ ist er seit 2007 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (Standort Gießen)im Funktionsbereich Audiologie tätig. Dort schloss er 2012 seine Promotion über „Verfahren zur lautheitsbasierten Anpassung von Hörgeräten mit instantanem In-situ-Perzentil-Monitoring“ ab. Kreikemeier ist Mitglied im Fachausschuss der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) „Hörgerätetechnologie und –Versorgung“ und im Arbeitskreis „Perzentile“ der EUHA.

Kontakt
Dr. Steffen Kreikemeier
Funktionsbereich Audiologie, UKGM GmbH, Standort Gießen
Klinikstraße 29, 35385 Gießen
Telefon: 0641 985 43795; Telefax: 0641 985 43799

——————————————————–

Die 1607 gegründete Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist eine traditionsreiche Forschungsuniversität, die rund 26.000 Studierende anzieht. Neben einem breiten Lehrangebot – von den klassischen Naturwissenschaften über Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Gesellschafts- und Erziehungswissenschaften bis hin zu Sprach- und Kulturwissen¬schaften – bietet sie ein lebenswissenschaftliches Fächerspektrum, das nicht nur in Hessen einmalig ist: Human- und Veterinärmedizin, Agrar-, Umwelt- und Ernährungswissenschaften sowie Lebensmittelchemie. Unter den großen Persönlichkeiten, die an der JLU geforscht und gelehrt haben, befinden sich eine Reihe von Nobelpreisträgern, unter anderem Wilhelm Conrad Röntgen (Nobelpreis für Physik 1901) und Wangari Maathai (Friedensnobelpreis 2004). Seit 2006 wird die JLU sowohl in der ersten als auch in der zweiten Förderlinie der Exzellenzinitiative gefördert (Excellence Cluster Cardio-Pulmonary System – ECCPS; International Graduate Centre for the Study of Culture – GCSC).

Scroll to Top