Vereinen, nicht verschließen

Für die meisten Eltern ist es erst einmal ein Schock, wenn sie im Rahmen der Schwangerschafts-Ultraschalluntersuchung erfahren, dass ihr Kind mit einer Form der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt kommen wird. Wenige Klicks im Internet reichen aus, um Bilder von Babys zu sehen, in deren Gesichtern eine fingerbreite Spalte klafft, die oft von einem der Nasenflügel bis zur geteilten Oberlippe führt. Auch für Familie Eisold aus der Oberlausitz folgte der Diagnose eine schlaflose Nacht. Doch der erste Schrecken verflog schnell. „Es war ein kleiner süßer Knirps“, erinnert sich Bastians Mutter heute daran, wie sie ihren Sohn zum ersten Mal in die Arme nahm. Zuversicht nach der ersten Diagnose vermittelt in solchen Situationen auch Prof. Günter Lauer, seit 2011 Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Dresdner Uniklinikums. Gemeinsam mit seinem Team sorgt der erfahrene Chirurg dafür, dass bei einem Kind mit dieser Form der Gesichtsfehlbildung bereits zum ersten Geburtstag die in Nase, Lippe, Kiefer und Gaumen verlaufene Spalte verschlossen ist. So auch bei dem heute eineinhalbjährigen Bastian, der nach einer Kontrolluntersuchung im Klinikum vergnügt über den Spielplatz tollt.

Um diese Fehlbildungen umfassend und mit den größten Erfolgsaussichten zu behandeln, gründeten die Kliniken Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie die Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und die Poliklinik für Kieferorthopädie 1995 das „Interdisziplinäre Zentrum für die Behandlung von Patienten mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalten“. „Dieser Zusammenschluss mehrerer Kliniken zur fachübergreifenden Versorgung von Patienten war damals ein Novum am Uniklinikum. Heute ist es in vielen Fachgebieten eine Selbstverständlichkeit, in Zentren zusammenzuarbeiten. So ist das 2003 gegründete Universitäts KrebsCentrum in Deutschland Vorreiter und Vorbild einer interdisziplinären Versorgung von Tumorpatienten geworden. Von unserem Know-how beim Aufbau verbindlicher, fachübergreifender Strukturen profitieren heute sehr viele Patienten. Das ist ein wichtiger Aspekt einer gelebten Maximalversorgung auf universitärem Niveau“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Dresdner Universitätsklinikums. Heute versorgen mehr als zehn solcher Zentren die Patienten des Klinikums. Das Spektrum erstreckt sich dabei von der Allergologie über die Gefäßmedizin und Schmerztherapie bis zu den seltenen Erkrankungen und die Protonentherapie.
Tieferes Verständnis der Gewebestrukturen leitet die Operateure
Lippen-Kiefer-Gaumenspalten zählen zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen. Sie treten bei einer von 500 Geburten auf. Die Spalten entstehen zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft. Ursache ist vermutlich das Zusammentreffen von Umwelteinflüssen, Erblichkeit oder andere innere Faktoren, die die Entwicklung des Embryos stören: Eigentlich wachsen die beiden embryonalen Segmente im Bereich der Lippen und des Kiefers bereits in der fünften und siebten Schwangerschaftswoche zusammen; im zweiten oder dritten Schwangerschaftsmonat folgt der Gaumen. Abhängig vom Zeitpunkt einer Störung kommt es zu einer mehr oder weniger unvollständigen Vereinigung dieser Bereiche, so dass verschiedene Spaltformen entstehen.
Die chirurgische Versorgung dieser Fehlbildungen hat in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren enorme Fortschritte gemacht. Früher wurde die Spalte als Lücke interpretiert, die es mit Gewebe zu verschließen galt. Von diesem Verständnis haben sich Prof. Lauer und sein Vorgänger und Zentrumsgründer Prof. Uwe Eckelt von Beginn an verabschiedet: „Bei einer Spalte fehlt eigentlich nichts, man muss eigentlich nur alle Strukturen miteinander vereinigen – also Schleimhaut zu Schleimhaut, Muskel zu Muskel, Haut zu Haut“ erläutert Prof. Lauer. Deshalb werden am Dresdner Zentrum operative Techniken benutzt, die die vorhandenen Gewebestrukturen anatomisch korrekt miteinander vereinigen, statt die Spalte durch Verschiebung von ortsfremdem Gewebe zu verschließen. Insbesondere bei der Nase korrigieren die Spalt-Experten die Scheidewand, heben die Nasenspitze an und schaffen einen Nasenboden sowie -eingang und bringen den zur Seite abgewichenen Nasenflügel in die richtige Position. Weil die Kinder in den ersten Lebensjahren schnell wachsen, hilft sich der Körper danach zum großen Teil selbst. Zudem lässt sich durch bestimmte OP-Verfahren das Wachstum der Mittelgesichtsregion stimulieren. Ist zum Beispiel ein Gaumen samt darunterliegendem Knochen offen, reicht es oft aus, Knochenhaut, Muskeln und Schleimhaut zusammenzuführen. Die Verknöcherung darunter geschieht dann ohne weiteres Zutun der Ärzte. Nur in schweren Fällen kann es unter Umständen nötig sein, etwas Knochengewebe aus dem Beckenkamm zu entnehmen und in den Oberkiefer einzufügen. Dank aktueller Forschungsprojekte, an denen auch die Dresdner Hochschulmedizin beteiligt ist, könnten künftig auch Biomaterialien und körpereigene Zellen genutzt werden.

Dank der modernen, ausgereiften Behandlungsmethoden lassen sich diese Fehlbildungen heute so korrigieren, dass sich Nahrungsaufnahme, Sprache und Gehör in den ersten Lebensjahren normalisieren. „Spätestens zur Einschulung sollten möglichst alle Voraussetzungen geschaffen sein, um die weitere ungestörte Entwicklung des Kindes in der normalen Schulumgebung zu gewährleisten. Idealerweise fallen dann Unterschiede zu gleichaltrigen Mitschülern kaum noch auf“, erklärt Prof. Lauer. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeiten Ärzte und medizinisches Fachpersonal der Fächer Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, der HNO mit der dazugehörigen Phoniatrie sowie Pädaudiologie, der Kieferorthopädie und Sprachtherapie zusammen. Das Behandlungsteam trifft sich regelmäßig mit den kleinen Patienten und deren Eltern in der Spaltsprechstunde zu regelmäßigen Kontrollterminen, um die Entwicklung des Kindes zu verfolgen. So lassen sich zum Beispiel Zahnfehlstellungen oder Sprachentwicklungsstörungen frühzeitig erkennen und entsprechende Therapien einleiten.

Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Direktor: Prof. Dr.med. Dr. med. dent. Günter Lauer
Tel. +49 (0)351 458-3382
E-Mail: mkg-chirurgie@uniklinikum-dresden.de
Web: www. uniklinikum-dresden.de/mkg

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