Vereinbarkeit von Beruf und Familie in der Gynäkologie „Die Mehrzahl wünscht sich eine bessere Kinderbetreuu

IM FACH GYNÄKOLOGIE GIBT ES MITTLERWEILE MEHR FRAUEN ALS MÄNNER UNTER DEN ASSISTENZÄRZTEN. IM RAHMEN DER FAMILIENGRÜNDUNG KEHREN JEDOCH VIELE FRAUEN NACH IHRER ELTERNZEIT NUR IN TEILZEIT ZURÜCK – WENN ÜBERHAUPT. DIE FOLGE: FÜHRUNGSPOSITIONEN KÖNNEN NUR NOCH SCHWER BESETZT WERDEN. DIE FRAUENHEILKUNDE HAT EIN NACHWUCHSPROBLEM. WIE BEKOMMT DIE FRAUENHEILKUNDE MEHR FRAUEN IN FÜHRUNGSPOSITIONEN?

Dr. Astrid Bühren: Hier gibt es viele Rädchen an denen gedreht werden muss. Im Grunde müssen wir bereits die Medizin-Studentinnen erreichen. Wenn sie bei weiblichen Vorbildern – Wissenschaftlerinnen, Ober- und Chefärztinnen – erleben, dass in diesem sowohl chirurgischen als auch zuwendungsorientierten Fach die Vereinbarkeit von Familie und Beruf klappt, sind die Chancen größer, dass sich auch karriereorientierte Berufseinsteigerinnen tatsächlich für die Gynäkologie entscheiden.

Dr. Katharina Hancke: Man benötigt zudem ein geeignetes Mentoring-Programm. Es gibt zu wenige Rollenvorbilder für junge Assistenzärztinnen. Wir brauchen Ober- und Chefärztinnen, die ihren jungen Kolleginnen zeigen, wie es möglich ist, Karriere zu machen und Kinder zu bekommen. Ein weiteres Sorgenkind ist die Kinderbetreuung an den Kliniken: Mehr als die Hälfte der Befragten der DGGG-Umfrage gab an, dass ihr Arbeitgeber keine Kinderbetreuung anbietet. Indes wünschen sich viele mehr Frauen in Führungspositionen.

WIE KANN EIN SOLCHES MENTORING-PROGRAMM IN DER GYNÄKOLOGIE FUNKTIONIEREN?

Dr. Katharina Hancke: Im Grunde kann das so funktionieren, wie es bei unseren männlichen Kollegen bereits ganz von allein klappt: Habilitierte Frauen, aber auch Männer, sollten jüngere Kolleginnen an die Hand nehmen.

WARUM SIND TEILZEITSTELLEN IN LEITENDEN POSITIONEN SO WENIG AKZEPTIERT?

Dr. Astrid Bühren: Weil es auch hier kaum Vorbilder gibt. In unseren Köpfen existiert nach wie vor das klassische Bild vom Chefarzt, der in einer Sieben-Tage-Woche die Rundum-Verantwortung trägt und ihm sowohl Kindererziehung als auch Hausarbeit abgenommen werden. Für moderne und partnerschaftlich ausgerichtete Familienkonzepte benötigen wir Organisationsstrukturen, in denen die Arbeit und die Verantwortung auch im Team verteilt werden. Teilzeitarbeit bedeutet nicht zwingend täglich von 8 bis 12 Uhr auf einer halben Stelle zu arbeiten, sondern kann eine 80-Prozent-Stelle an vier Tagen in der Woche oder eine 60-Prozent-Stelle in Vollzeitblöcken während Urlaubs- oder Kongresszeiten der anderen leitenden KollegInnen sein.

WAS MÜSSTE SICH AN DEN MUTTERSCHUTZRICHTLINIEN UND DEREN UMSETZUNG VERÄNDERN?

Dr. Astrid Bühren: Die Mutterschutzrichtlinienverordnungen, die nur für angestellte Ärztinnen gelten, sollten entsprechend neuer technischer Sicherungsvorkehrungen und wissenschaftlicher Erkenntnisse modernisiert werden. Konkrete Schutzmaßnahmen müssen individuell und gemeinsam mit der schwangeren und stillenden Ärztin und arbeitsplatzgerecht statt pauschal und in jedem Bundesland unterschiedlich umgesetzt werden. Der Schutz des werdenden Kindes ist ein hohes Rechtsgut, es gilt, dieses zu wahren, aber gleichzeitig die werdende und stillende Mutter nicht in ihren beruflichen und persönlichen Interessen zu benachteiligen. Weiterhin ist auch über einen gesetzlichen Mutterschutz für Studentinnen und niedergelassene Ärztinnen nachzudenken.

Dr. Katharina Hancke: Ich fände es sinnvoll, wenn Frauen selbst entscheiden könnten, was sie von den Mutterschutzrichtlinien einhalten möchten und was nicht. Denn Schwangere selber sollten entscheiden, was sie sich noch zutrauen und welchen Risiken sie sich aussetzen möchten.

WAS RATEN SIE JUNGEN ÄRZTINNEN, DIE IHREN BERUF LIEBEN UND EINE FAMILIE GRÜNDEN MÖCHTEN?

Dr. Astrid Bühren: Beides tun und leben! Denn die Rahmenbedingungen werden immer besser. Zudem brauchen Ärztinnen nicht mehr jede Stelle anzunehmen, sondern können sich die Klinik mit den besten Angeboten aussuchen.

WARUM GIBT ES IMMER WENIGER MÄNNDER IM ARZTBERUF?

Dr. Astrid Bühren: Der Beruf hat für Männer an Attraktivität verloren. Sie beachten bei ihrer Studienwahl und Jobsuche stärker Image und Einkommen, mittlerweile aber auch verstärkt die Vereinbarkeit von Familie und Karriere! Väter haben ein zunehmend großes Interesse daran, Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. 2002 gab es eine Umfrage vom Institut für Demoskopie Allensbach unter Schülern und Schülerinnen. Sie wurden nach ihrem Traumberuf gefragt. Bei Mädchen stand Ärztin an zweiter Stelle, bei Jungs kam der Beruf als Arzt unter den Top Ten nicht mehr vor. Das bedeutet, dass das Fach Medizin schon bei Schülern Werbung für sich machen muss! Auf einigen Fachkongressen gibt es bereits speziell einen Schüler-Tag zum Hineinschnuppern in das Fachgebiet.

WIE SIEHT EIN FAMILIENFREUNDLICHES KRANKENHAUS AUS?

Dr. Katharina Hancke: Die DGGG-Umfrage bestätigt den großen Wunsch unter Ärztinnen und Ärzten nach einer besseren und vor allem flexibleren Kinderbetreuung. In der Frauenheilkunde macht einem die Unplanbarkeit oft einen Strich durch die Rechnung. In diesem Beruf können wir selten pünktlich Feierabend machen, denn mitunter dauern Geburten oder OPs länger. Eltern brauchen also die Möglichkeit, auch mal später zur Kita bzw. Kinderbetreuung kommen zu können.

Dr. Astrid Bühren: Hier möchte ich beispielhaft ein paar Punkte nennen aus den Anforderungsprofilen „Das familienfreundliche Krankenhaus“ und „Medizin studieren mit Kind“ des Hartmannbundes. Wichtig ist vor allem die Wertschätzung der Familienkompetenz von MitarbeiterInnen. Eltern- und Schwangerschaft und Pflege von Angehörigen sollten als natürliche Lebensereignisse und nicht als Störfaktoren der klinischen Organisationsabläufe anerkannt werden. Auch das Bedürfnis von Ärzten, ihre Aufgaben als Vater wahrzunehmen, ohne Unverständnis und Karriereeinbußen befürchten zu müssen, muss anerkannt werden. Wichtig und noch nicht erreicht sind z.B. die gleichberechtigte Einteilung von Ärztinnen für weiterbildungsrelevante Tätigkeiten und die gleichberechtigte Freistellung für wissenschaftliches Arbeiten. Selbstverständlich unabdingbar für ein familienfreundliches Krankenhaus sind flexible Eltern- und Teilzeitregelungen, Vereinbarkeit von Beruf und familiäre Pflegeaufgaben, Serviceangebote für eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung und für die private Haushaltsführung sowie Wiedereingliederungsstrukturen während und nach der Elternzeit. Klinikbetrieben muss klar sein, dass sie ihre MitarbeiterInnen binden bzw. den Nachwuchs für sie begeistern müssen. Das kann auch über ein familienfreundliches Leitbild klappen. Denn Krankenhäuser können ihr ärztliches Personal heute nicht mehr aus einem riesigen Bewerberpool auswählen.

WIE KANN MAN ELTERN DEN WIEDEREINSTIEG ERLEICHTERN?

Dr. Katharina Hancke: Hilfreich ist hier vor allem positive Verstärkung durch den Chef. Mütter und Väter, die sich entscheiden, eine Weile ganz für ihre Kinder da zu sein, sollten hinterher nicht benachteiligt werden. So sollte der Chef zum Beispiel Weiterbildungspositionen ermöglichen und seine Mitarbeiter auch weiterhin an der Rotation teilnehmen lassen.

Dr. Astrid Bühren: Der beste Wiedereinstieg ist der Nicht-Ausstieg! Familienfreundliche Krankenhäuser lassen Mütter so schnell wie möglich wieder einsteigen. Das klappt, wenn man flexible Teilzeitverträge anbietet. Was spricht beispielsweise gegen 10- oder 20-Prozent-Verträge? Zudem sollte die Klinik von sich aus Kontakt zu Müttern und Vätern in Elternzeit halten oder sie zu Fortbildungen einladen.

Dr. Katharina Hancke ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Universitätsfrauenklinik Ulm. Ihr obliegt die Federführung der Kommission „Familie und Karriere“ in der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). In dieser Funktion hat sie eine Online-Umfrage unter den DGGG-Mitgliedern gemacht, um Schwierigkeiten und Vorurteile gerade im Gebiet „Familie und Karriere“ herauszufiltern. An der Umfrage beteiligten sich über 1000 Mitglieder. Ein Großteil der Ergebnisse wird auf dem DGGG- Kongress veröffentlicht. Dr. Katharina Hancke ist verheiratet und gerade zum dritten Mal Mutter geworden. Auch nach dieser Elternzeit möchte sie wieder in Vollzeit in ihren Beruf zurückkehren. Ihr Mann arbeitet auch in Vollzeit.

Dr. Astrid Bühren ist niedergelassene Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Murnau/Oberbayern, Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand des Hartmannbundes und Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. Sie ist Vorsitzende der Hauptsitzung „Warum es Männer nicht mehr gibt und Frauen nicht wollen“, auf dem DGGG-Kongress am Dienstag, 5. Oktober 2010. Dr. Astrid Bühren ist mit einem Chirurgen verheiratet und hat zwei Kinder.
(idw, 10/2010)

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