Valentino Braitenberg Award 2018 geht an Wulfram Gerstner

Freiburg, 14. September 2018

Um die Funktionsweise des menschlichen Gehirns besser zu verstehen nutzen Neurowissenschaftler seit Jahrzehnten künstliche neuronale Netze, die mithilfe von Computern simuliert werden.

Der Preisträger und seine Forschung

Wulfram Gerstner arbeitet mit sogenannten gepulsten neuronalen Netzwerken (Spiking Neural Networks SNN), in denen Neuronen, ähnlich wie in echten biologischen neuronalen Netzen, mittels kurzen Pulsen (Aktionspotentialen oder ‚spikes’) miteinander kommunizieren.

Gerstner ist ein Vordenker. Schon früh hat er mit seinen theoretischen Modellierungen Thesen aufgestellt, die erst später experimentell bestätigt wurden. Herausragend ist seine Forschung zur synaptischen Plastizität („spike-timing dependent plasticity“ (STDP)), der Anpassungseigenschaft der Kontaktpunkte zwischen zwei Nervenzellen. Sie bildet die Grundlage unseres Lernens und trägt dazu bei, die Verbindungen zwischen Nervenzellen, beispielsweise nach Verletzungen, wiederherzustellen. In einer seiner ersten Arbeiten hat Gerstner entscheidend dazu beigetragen, die aktivitätsabhängige Entwicklung eines biologischen Nervensystems am Beispiel des Hörsystems der Schleiereule zu verstehen.
Jüngere Arbeiten seiner Forschungsgruppe untersuchen die Schnittstelle zwischen Lernvorgängen in künstlichen neuronalen Netzen und Lernen in biologischen neuronalen Netzen; als Beispiel dient hier ein Netz, das lernt, Musik zu komponieren.

Wulfram Gerstner war einer der ersten Wissenschaftler, der Benchmarks für Neuronenmodelle in der Computational Neuroscience einführte, indem er ihr Antwortverhalten auf einen spezifischen Eingangsreiz mit einem wohldefinierten Satz experimenteller Daten verglich. In der Folge war es möglich Modelle neuronale Netzwerke sehr stark zu vereinfachen. „Überraschenderweise zeichnen sich diese Neuronenmodelle, trotz reduzierter Komplexität, sogar durch eine höhere Vorhersagegenauigkeit aus als manche anspruchsvolleren biophysikalischen Modelle – ein wichtiger Denkanstoß für zukünftige wissenschaftliche Ansätze in der Modellbildung“, so Ad Aertsen, Vorsitzender der Jury des Valentino Braitenberg Awards für Computational Neuroscience.

Wulfram Gerstner ist Autor des als Klassiker bezeichneten Buches „Spiking Neuron Models. Single Neurons, Populations, Plasticity” (2002), das als Lehrwerk in der Computational Neuroscience nicht mehr wegzudenken ist.

Mit dem Valentino Braitenberg Award würdigt das Bernstein Netzwerk Wulfram Gerstners wegweisenden Erkenntnisse, die entscheidend zur Weiterentwicklungen auf dem Gebiet der Computational Neuroscience beigetragen haben.

Der Preis wird im Rahmen der Bernstein Konferenz am 26. September um 15:00 Uhr an der TU Berlin (Raum HG 0104) verliehen. Im Anschluss an die Verleihung wird Gerstner die Valentino Braitenberg Vorlesung halten und Höhepunkte seiner Forschung darstellen.

Exklusiv für Journalisten

Medienvertreter sind herzlich zur Preisvergabe und der Valentino Braitenberg Lecture eingeladen. Bitte akkreditieren Sie sich am Empfang der Bernstein Konferenz im Hauptgebäude der TU Berlin. Auf Wunsch können Sie auch ein Interview mit dem Preisträger machen. Wenden Sie sich hierzu bitte an eine der beiden Pressevertreterinnen.

Valentino Braitenberg Award for Computational Neuroscience

Der Valentino Braitenberg Award for Computational Neuroscience wurde zum Gedenken an den bedeutenden Tübinger Neurowissenschaftlers Valentino Braitenberg (1926-2011) ins Leben gerufen. Er wird alle zwei Jahre vom Bernstein Netzwerk e.V. an einen herausragenden Wissenschaftler verliehen, der mit seiner Forschung wesentlich zu unserem Verständnis über Gehirnfunktionen beigetragen hat.

Dabei wird im Geist von Valentino Braitenbergs Forschung besonderen Wert auf theoretischen Studien gelegt. Valentino Braitenberg gilt als Pionier der Computational Neuroscience und hat erheblich zur Entwicklung des Gebiets der biologischen Kybernetik beigetragen. Mit seiner Forschung hat er zudem die Robotik und künstliche Intelligenz inspiriert.

Der Preis wird von der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol gestiftet.

Bernstein Netzwerk Computational Neuroscience

Das Bernstein Netzwerk ist ein Forschungsverbund im Bereich der Computational Neuroscience; dieses Gebiet verbindet experimentelle neurowissenschaftliche Ansätze mit theoretischen Modellen und Computersimulationen. Das Netzwerk geht auf eine Förderinitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zurück und wurde 2004 mit dem Ziel gegründet, Kapazitäten im Bereich der Computational Neuroscience weiterzuentwickeln und den Transfer von theoretischen Erkenntnissen hin zu klinischen und technischen Anwendungen voranzubringen. Das Netzwerk ist nach dem deutschen Physiologen und Biophysiker Julius Bernstein (1839-1917) benannt und bestand nach zehnjähriger Förderung durch das BMBF aus mehr als 200 Arbeitsgruppen. Seit 2016 ist das Fortbestehen des Netzwerks durch die Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins Bernstein Netzwerk Computational Neuroscience e.V. gewährleistet.

Scroll to Top