Uniklinik Ulm: Jubiläum für einen Lebensretter

Dass etwas nicht stimmte, merkte Gregor Sontheimer erstmals beim Wandern im Voralberger Montafon. „Während meine Wanderfreunde die Berge leichtfüßig hochkraxelten, blieb mir ein paar Mal die Luft weg“, erzählt der sportliche 69-jährige Dresdener. Der Check beim niedergelassenen Allgemeinmediziner brachte dann die Gewissheit: ein Herzklappenfehler, so genannte Mitralklappeninsuffizienz, verursachte die Atemnot. Eine Herzklappe schloss nicht mehr richtig, sodass Blut in die falsche Richtung im Herzen zurückfloss. Gregor Sontheimer musste operiert werden, sonst drohte im schlimmsten Fall der Herztod. Bewusst wählte der Dresdener die Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Ulm aus, denn hier werden solche Eingriffe minimal-invasiv mit zwei kleinen Schnitten vorgenommen, während in vielen anderen Kliniken noch der ganze Brustkorb eröffnet wird. Was Gregor Sontheimer jedoch nicht wusste war, dass er der 20.000 Patient war, bei dem seit dem 31. Oktober 1988 im Universitätsklinikum Ulm eine Herz-Lungen-Maschine zum Einsatz kam. Er meint nur etwas flapsig dazu: „Davon habe ich nichts mitbekommen, während der OP war ich in Narkose.“
Am 26. August 2019 wurde der Eingriff an seinem Pumporgan durchgeführt. „Eine Herzklappe funktioniert wie ein Ventil. Das Blut wird vom linken Herzvorhof in die linke Herzkammer gepumpt. Bei Gregor Sontheimer floss jedoch immer wieder etwas Blut zurück von der Kammer in den Vorhof. Das belastete den Lungen-Kreislauf und führte zu Luftnot“, erklärt Professor Dr. Andreas Liebold, Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie sowie Operateur bei dem Eingriff.
Im schlimmsten Fall kann eine Herzinsuffizienz entstehen, die unbehandelt bald tödlich endet. Mit zwei kleinen Schnitten am Brustkorb, durch einen wurden die Instrumente eingeführt, durch den anderen die Videokamera, hat Professor Andreas Liebold die defekte Mitralklappe rekonstruiert.
Um einen solchen Eingriff überhaupt durchführen zu können, muss das Herz für einen gewissen Zeitraum stillgestellt werden, damit der Arzt den Muskel überhaupt operieren kann. In der Zeit wird der Blutkreislauf des Patienten außerhalb seines Körpers (extrakorporale Zirkulation) durch eine so genannte Herz-Lungen-Maschine aufrechterhalten. Das Gerät dient als Herz- und Lungen-Ersatz, das das Blut durch den Körper pumpt und mit Sauerstoff versorgt. „Das gesamte Blut des Patienten fließt durch die Schläuche meiner Maschine, insgesamt fünf Liter pro Minute“, erläutert der Leitende Kardiotechniker Günter Albrecht. Die Maschine reichert das Blut mit Sauerstoff an und entzieht ihm zugleich Kohlenstoffdioxid. Während das sauerstoffarme Blut dunkelrot aussieht, ist das sauerstoffreiche Blut hellrot gefärbt. Damit das Blut nicht gerinnt und gefährliche Klumpen bildet, die zu einem Infarkt oder Schlaganfall führen können, muss es während der Zeit des Eingriffs mit Blutgerinnungsmitteln verdünnt werden. Außerdem wird der Herzmuskel für einen solchen Eingriff durch eine spezielle Lösung geschützt. Diese bewirkt, dass das Herz erschlafft und keine elektrische Aktivität mehr aufweist. Dadurch kann der Sauerstoffverbrauch des Organs erheblich gesenkt werden, so dass es auch längere Stillstandsphasen unbeschadet überstehen kann. Wird das Herz wieder durchblutet, fängt es meist von ganz allein wieder zu schlagen an. Auch bei Gregor Sontheimer war das so.
Der gesamte Eingriff dauerte bei dem Hobbywanderer vier Stunden. Benötigt wurden im OP sieben Spezialisten: vom Operateur, dem Assistenten, Anästhesisten, Kardiotechniker, der instrumentierenden OP-Schwester, dem Springer bis zum Anästhesiepfleger.
Gregor Sontheimer ist im Nachhinein überrascht, wie viele Personen sich im OP-Saal um ihn gekümmert haben. Denn auch davon hat er natürlich nichts mitbekommen. Nach dem einwöchigen Klinikaufenthalt folgt nun noch eine dreiwöchige kardiologische Rehabilitation. „Ich fühle mich pudelwohl“, sagt der ehemalige Abteilungsleiter und heutige Rentner schon vor der Reha. Er sei sehr dankbar, dass ihm ein großer Schnitt über den Brustkorb erspart geblieben sei und dass er bald wieder genauso flott wie seine Freunde auf die Berge steigen kann.

Die Herz-Lungen-Maschine

Der 300 Kilogramm schwere High-Tech-Apparat kommt in der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie des Universitätsklinikums Ulm zum Beispiel bei Bypass- oder Herzklappenersatz-Operationen, sowie bei Eingriffen an der Hauptschlagader zum Einsatz. Die Geschichte der Herz-Lungen-Maschine, ohne die die moderne Herzchirurgie nicht denkbar wäre, geht bis auf erste experimentelle Untersuchungen im frühen 19. Jahrhundert zurück. In der heutigen Form wurde sie erstmals 1953 vom amerikanischen Herzchirurgen John Gibbon eingesetzt, der damals bei einem 17-jährigen Mädchen einen angeborenen Defekt der Vorhofscheidewand verschloss. Das Prinzip hat sich seither nicht verändert: das Herz des Patienten ist über Schläuche mit der Maschine verbunden, eine Pumpe ersetzt den Herzmuskel und ein Oxygenator die Lunge. Freilich sind die heutigen Lebensretter viel komplexer, denn sie enthalten noch weitere Komponenten, die die Sicherheit der Herzoperation für den Patienten wesentlich verbessern. So verhindern Filter das Eintreten unerwünschter Partikel in das Kreislaufsystem, ein Wärmetauscher erlaubt das Kühlen oder Erwärmen des Patienten. Mit Saugersystemen kann jeder Tropfen Blut aufgefangen und dem Patienten zurückgegeben werden. So ist es heute möglich, einen Großteil der Operationen ohne Einsatz von Fremdblut durchzuführen. Schließlich verhindern verträgliche Oberflächenbeschichtungen eine Abwehrreaktion des Immunsystems. Durch den Einsatz moderner Herz-Lungen-Maschinen wie am Universitätsklinikum Ulm gehören Herzoperationen heute zu den sichersten und am besten standardisierten Operationen überhaupt.

Minimal-invasive Mitralklappenrekonstruktion

Die Undichtigkeit der Herzklappe zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer (Mitralklappeninsuffizienz) ist der zweithäufigste Herzfehler im Erwachsenenalter. Im Gegensatz zum häufigsten Herzfehler ,der Aortenklappenstenose, ist es in vielen Fällen möglich, die Mitralklappe zu rekonstruieren und damit den Patienten vor einer Klappenprothese zu bewahren. Die videoskopische Mitralklappenrekonstruktion gehört zur sog. Schlüsselloch-Chirurgie und wird bei weitem nicht an allen deutschen Herzzentren angeboten. Die Ulmer Herzchirurgen um Prof. Liebold entschlossen sich schon früh, dieses Verfahren einzuführen und genießen mittlerweile einen ausgezeichneten Ruf. „Wir haben Anmeldungen aus ganz Deutschland. Patienten kommen zu uns von der Ostseeküste bis zum Bodensee und wir sind stolz, dass wir mit Herrn Sontheimer jetzt auch einen Patienten aus Dresden bei uns behandeln durften“, freut sich Professor Liebold.

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