Trotz Forschungserfolgen und Zuwachs bei Behandlungen: MHH bleibt in den roten Zahlen

So viele Patienten behandelt wie noch niemals zuvor, ein Höchststand bei den Drittmitteln – und trotzdem ist 2012 aus finanzieller Sicht kein gutes Jahr für die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geworden. Das Bilanzergebnis für das Jahr 2012 liegt bei minus 22,8 Millionen Euro, damit hat die MHH im zweiten Jahr in Folge ein negatives Ergebnis erwirtschaftet (2011: minus 15,9 Millionen Euro). „Ein wichtiger Punkt dabei ist die unzureichende Vergütung der Krankenversorgung – die Leistung ist in weiten Teilen der Klinik exzellent“, betonte Vizepräsident Holger Baumann, zuständig für das Ressort Wirtschaftsführung und Administration, am Dienstag (11. Juni 2013) während der Bilanz-Pressekonferenz. „Wir müssen aber auch intern unsere Sparanstrengungen intensivieren.“ Dazu gehöre auch, in der Forschung Laborflächen noch komprimierter zu nutzen und Forschungsprojekte noch stärker an den Infrastrukturkosten zu beteiligen.

Baumann zählte eine Reihe von Punkten auf, die zu Mehrbelastungen oder Mindereinnahmen von mehr als 27 Millionen Euro geführt hätten. Wichtigster Punkt sei der völlig unzureichende Landesbasisfallwert in Niedersachsen. „Vergleicht man es mit dem Bundesdurchschnitt, gehen uns jedes Jahr bis zu zehn Millionen Euro an Einnahmen verloren. Auch mit dem Kerngeschäft der MHH – der Behandlung besonders schwer kranker Patienten – habe die Hochschule ein Minus von 8,5 Millionen Euro erwirtschaftet. Baumann betonte, dass auch die MHH-Ambulanzen zu den Verlustbringern zählen. Trotz eines Zuschusses des Landes lag das Defizit 2012 bei neun Millionen Euro. „Wir müssen uns fragen, ob wir noch so viele Ambulanzen aufrechterhalten können.“

Größter Posten im Budget mit nahezu 70 Prozent bleiben auch 2012 die Personalkosten mit 443,7 Millionen Euro (+15,8 Millionen Euro oder 3,7 Prozent) bei 7.731 Vollkräften (2011: 7.610) zum größten Teil auf Tarifsteigerungen zurückzuführen. „Unser Personal ist aber in erster Linie ein Qualitätsfaktor und erst in zweiter ein Kostenfaktor“, sagte der Vizepräsident. „Wir investieren viel in unser Personal, dass muss auch so bleiben, da wir in der Universitätsmedizin eine besonders hohe Komplexität der Aufgaben in Krankenversorgung, Forschung und Lehre verzeichnen – von Fortbildungen und Qualifizierungsmaßnahmen über Gesundheitsförderung bis hin zur Familienfreundlichkeit.“ Nur so könne die MHH im „Kampf um die besten Köpfe“ langfristig bestehen. Die Zahl der über Drittmittel finanzierten Stellen lag 2012 bei 906 Vollkräften, gegenüber 890 im Jahr 2011.

Die Krankenversorgung

Die MHH will trotz der angespannten finanziellen Situation nichts an ihrer Ausrichtung ändern, sich auf besonders schwer kranke Patienten zu konzentrieren. „Wir haben die Expertise und diese Menschen verlassen sich auf uns“, sagte Dr. Andreas Tecklenburg, als Vizepräsident zuständig für das Ressort Krankenversorgung. „Wir müssen unsere Ausrichtung auf jeden Fall beibehalten – selbst, wenn wir ein Defizit damit schreiben –, denn als Universitätsklinik ist das unsere Kernaufgabe.“ Doch genau dabei gerate das Finanzierungsmodell des deutschen Gesundheitssystems an seine Grenzen, wie Dr. Tecklenburg erläuterte. Das Fallpauschalensystem gehe davon aus, dass eine Klinik einen Mix aus leicht zu behandelnden und schwer zu therapierenden Patienten versorge. „Die Klinik soll also die Mehrkosten, die bei der Therapie von Schwerkranken entstehen, über die weniger komplizierten Fälle kompensieren. Diese Rechnung geht für Unikliniken aber nicht auf.“ Allein die Behandlungen der 300 teuersten Patienten hätten zu einem Defizit von 8,5 Millionen Euro geführt.

Als größtes deutsche Transplantationszentrum bekommt die MHH auch die Auswirkungen der Manipulationsvorwürfe an anderen Zentren zu spüren. „Die Zahl der Transplantationen ist 2012 zwar nur leicht gesunken – um 13 auf 423 Organtransplantationen –, doch der Trend hat sich in diesem Jahr noch verschärft“, erklärte Dr. Tecklenburg. „Die Transplantationsmedizin insgesamt muss verlorenes Vertrauen mit größerer Transparenz zurück gewinnen. Und nur über Vertrauen können wir die Menschen dazu bewegen, ihre Organe nach dem Tod zu spenden – damit ein anderer Mensch weiterleben darf.“ Im übrigen habe die Überwachungskommission die MHH bereits im Dezember 2012 besucht und keinerlei Beanstandungen festgestellt.

Mit 57.676 stationären Behandlungsfällen konnte die MHH 2012 einen weiteren leichten Anstieg verzeichnen (2011: 57.181) – bei einer Auslastung der 1.467 aufgestellten Betten von 92,6 Prozent. Die Verweildauer konnte leicht gesenkt werden auf 7,85 Tage (2011: 7,87). Auch im ambulanten Bereich war im Jahr 2012 eine Steigerung zu verzeichnen auf nunmehr 429.734 Behandlungskontakte (2011: 416.067).

Die Forschung

Im Jahr 2012 hat die MHH in der Forschung mit 92 Millionen Euro so viele Drittmittel ausgegeben wie noch niemals zuvor – 5,4 Millionen Euro mehr als 2011. Damit setzt die Hochschule ihren Höhenflug fort, der auch im Förderatlas 2012 der Deutschen Forschungsgemeinschaft für die Jahre 2008 bis 2010 retrospektiv aufgezeigt ist: Die MHH ist zur leistungsstärksten medizinischen Hochschuleinrichtung in Deutschland aufgestiegen mit durchschnittlich 788.000 Euro Drittmitteln pro Professur und Jahr. „Das zeigt, wie exzellent unsere Forschung ist, von den Grundlagenfächern bis hin zu klinischen Studien“, sagte Professor Dr. Christopher Baum, seit April 2013 Präsident der MHH und zuständig für das Ressort Forschung und Lehre. Mit den Erfolgen bei der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder – die Verlängerung des Exzellenzclusters REBIRTH zu Regenerativer Medizin und die neue Förderung des Oldenburger Exzellenzclusters Hearing4all zum Thema Hören, an dem die MHH maßgeblich beteiligt ist – habe die MHH einen weiteren Schritt hin zu einer Spitzenuniversität getan. Die für eine universitäre Medizin der Spitzenklasse notwendige Forschungsinfrastruktur binde jedoch zunehmend Ressourcen, die aus den Drittmittelzuwendungen nicht auskömmlich gegenfinanziert werden können.

Die Lehre

In der Lehre konnte die MHH im vergangenen Jahr mit der Eröffnung des für 1,7 Millionen Euro errichteten neuen SkillsLab punkten, dass nicht nur von den Studierenden des Modellstudiengangs Medizin (HannibaL) genutzt wird. Die MHH will zudem die Akademisierung von Gesundheitsberufen voranbringen. „Im Aufbau sind neue Bachelor- und Masterstudiengänge in den Gesundheitsfachberufen. Wir brauchen eine integrative Lehre, die den Anforderungen des modernen Gesundheitswesens gerecht wird“, sagte Professor Baum. Zum Wintersemester 2012/2013 studierten 3.288 junge Menschen an der MHH, davon 2.039 Medizin und 539 Zahnmedizin.

Der Ausblick

Die Rahmenbedingungen haben sich nicht verbessert. Eine signifikante Steigerung des Landesbasisfallwertes zeichnet sich in Niedersachsen nicht ab. Und die von der Regierungskoalition geplanten Finanzhilfen, die der Bundestag in diesen Tagen beschließen soll, bringen den Unikliniken kaum Verbesserungen. Die MHH wird als forschungs- und lehraktive Hochleistungsklinik – ebenso wie die weiteren Unikliniken, die viele schwere Krankheitsfälle behandeln – im Gesetzentwurf massiv benachteiligt. Denn die im Hilfspaket vorgesehenen zusätzlichen Mittel sollen nicht nach Behandlungsaufwand, sondern pauschal pro Patient zugewiesen werden. Ein Umdenken in der Finanzierung der Universitätsmedizin ist dringend geboten.

Den Jahresbericht 2012 können Sie in der Pressestelle der MHH anfordern. Als pdf-Version finden Sie ihn im Internet unter .

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