Treue fordert mehr Transparenz bei Tierversuchen

Und weiter: „Nur wenn wir verständlich vermitteln, wie streng Tierversuche in Deutschland geregelt sind und dass unser Wissen um die Physiologie und Medizin von Tieren und Menschen – und damit der biomedizinische Fortschritt – wesentlich von Tierversuchen abhängt, ist deren gesellschaftliche Akzeptanz zu erhalten.“

Der Beitrag im Wortlaut:

Für die biomedizinische Forschung spielen Tierversuche eine kleine, aber oft entscheidende Rolle. Angesichts der ethischen Herausforderung dieser Forschungsmethode ist ihre gesellschaftliche Akzeptanz von großer Wichtigkeit.
Der aktuelle Konsens spiegelt sich im Tierschutzgesetz wider, das die Rahmenbedingungen für die wissenschaftliche Verwendung von Tieren festlegt. Jetzt aber steht eine Novellierung dieses Gesetzes auf Grundlage der neuen EU-Tierschutzrichtlinie an. Eine kurze Bestandsaufnahme der Rolle von Tierversuchen in der Wissenschaft und im Bild der Öffentlichkeit ist also angebracht.
Betrachtet man die Nutzung von Tieren für menschliche Zwecke insgesamt, so spielen Tierversuche nur eine kleine Rolle. Von 1.000 Wirbeltieren, die in Deutschland legal getötet werden, sind weniger als zwei Versuchstiere. Alleine bei der Jagd werden mehr Tiere erlegt, als für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden. Die Tötung von Tieren als Nahrungsmittel und von Ratten und Mäusen als Schädlinge ist gesellschaftlich breit akzeptiert. Bei Tierversuchen hingegen sieht die öffentliche Wahrnehmung anders aus. Auch wenn viele Untersuchungen und Gremien (auch unter Beteiligung von Tierschutzverbänden) immer wieder bestätigen, dass für bestimmte wissenschaftliche Fragen Tierversuche unersetzbar sind, gelingt es Tierversuchsgegnern, in Teilen der Öffentlichkeit Zweifel an der Notwendigkeit und Bedeutung von Tierversuchen zu wecken. Was ist die Ursache dieser Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Bedeutung von Tierversuchen und ihrer Wahrnehmung in Politik und Öffentlichkeit?
Auch wenn sicherlich Kampagnen von Tierversuchsgegnern eine Rolle spielen, muss man anerkennen, dass es ein wesentliches Versäumnis der Wissenschaftler und ihrer Fachverbände ist, die Öffentlichkeit zu wenig über die Notwendigkeit, Bedeutung und Unerlässlichkeit von Tierversuchen informiert zu haben. Auch wenn Wissenschaftler ihre Aufgabe üblicherweise nicht darin sehen, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, ist Transparenz politisch und ethisch unerlässlich. Nur wenn wir verständlich vermitteln, wie streng Tierversuche in Deutschland geregelt sind und dass unser Wissen um die Physiologie und Medizin von Tieren und Menschen – und damit der biomedizinische Fortschritt – wesentlich von Tierversuchen abhängt, ist deren gesellschaftliche Akzeptanz zu erhalten. Zu dieser Transparenz haben sich Wissenschaftler vor zwei Jahren in der Basler Deklaration (www.basel-declaration.org) verpflichtet, der sich seitdem mehr als 1.000 Forscher angeschlossen haben. Zu dieser Selbstverpflichtung gehört auch, dass Wissenschaftler als diejenigen, deren verantwortliches und kompetentes Handeln am meisten zum Tierschutz beiträgt, ihre Kenntnisse und Tätigkeiten an den höchsten wissenschaftlich-technischen Standards ausrichten.
Ich bin überzeugt davon, dass eine solche Kombination von Kompetenz und Transparenz,zusammen mit der Etablierung einer wissenschaftlich fundierten Informationsplattform über Tierversuche, dazu führen wird, dass in absehbarer Zeit die öffentliche Debatte über und die Wahrnehmung von Tierversuchen ihre wissenschaftliche und ethische Bedeutung angemessen widerspiegeln wird.

Stefan Treue ist Direktor des Deutschen Primatenzentrums – Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen und Professor für Kognitive Neurowissenschaften und Biopsychologie an der Universität Göttingen.

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