Suchtkongress 2011: Kinder alkoholabhängiger Eltern sind größte Risikogruppe für Suchtstörungen

Die Gründe der „Vererbung“ von Suchtproblemen innerhalb der Familie sind vielfältig. Vieles davon ist erblich bedingt. So reagieren männliche Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien körperlich oft weniger empfindlich auf Alkohol als Jungen aus unauffälligen Familien. Diese verminderte Sensitivität erhöht das Risiko übermäßigen Trinkens und damit auch für die Entwicklung einer Abhängigkeit. Sehr viel dominanter wirkt sich jedoch das Verhalten der Eltern infolge ihres Alkoholmissbrauchs aus: Stressvolle Ereignisse innerhalb der Familie – Streit, Gewalt, Desorganisation oder geringe familiäre Stabilität und Berechenbarkeit – beeinträchtigen die psychische Gesundheit der Kinder. Während einige wenige durch das negative Vorbild der Eltern abgeschreckt werden, führt die familiäre Erfahrung bei anderen Heranwachsenden oft dazu, dass sie später selbst zu Drogen greifen. Häufig „übernehmen“ Jugendliche das Trinken ihrer Eltern auch als einen Akt der Problembewältigung.

„Obgleich diese Zusammenhänge bekannt sind, gibt es noch immer wenige in ihrer Wirksamkeit überprüfte Präventionsprogramme, die eine größere Anzahl von Kindern erreichen“, sagt Professor Dr. rer. nat. Michael Klein, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie aus Köln. „Wenn Eltern beispielsweise an einer Suchttherapie teilnehmen, erhalten deren Kinder nur in etwa zehn Prozent der Fälle ebenfalls Hilfe.“ Zudem erhöhe sich das Risiko einer Alkoholsucht auch durch den niedrigen Preis alkoholischer Getränke und dadurch, dass Jugendliche in Deutschland bereits im jungen Alter von 16 Jahren Alkohol kaufen könnten, so der Suchtexperte.

Professor Klein hat deshalb zusammen mit Kollegen im Jahr 2008 das Präventionsprogramm und Forschungsprojekt „Trampolin“ entwickelt. In bundesweit 25 Einrichtungen der Sucht-, Jugend- und Familienhilfe finden dabei wöchentlich Gruppentreffen für Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren statt, deren Eltern mit einer Alkoholabhängigkeit zu kämpfen haben. Die Jungen und Mädchen lernen dort unter anderem, wie Alkohol und Drogen wirken, was eine Sucht ist und wie sie entsteht. Außerdem sprechen sie in der Gruppe über die Situation in der eigenen Familie. „In Fantasiereisen und Rollenspielen erlernen die Kinder außerdem Stressbewältigungsstrategien, um mit der Sucht des Vaters oder der Mutter im Alltag besser umgehen zu können“, so Klein im Vorfeld des Suchtkongresses. Hierzu gehört auch der konstruktive Umgang mit den eigenen Gefühlen. Denn Betroffene, die negative Emotionen in kreative oder sportliche Aktivität kanalisieren, seien resistenter gegenüber belastenden Einflüsse von außen.

Die Treffen werden von ausgebildeten Gruppenleitern geführt und finden wöchentlich über einen Zeitraum von neun bis zehn Wochen statt. Auch für die Eltern gibt es Angebote. Darin sollen sie Gespür und Verständnis für die Bedürfnisse ihrer Kinder und die Auswirkungen der Sucht auf diese erlernen, gleichzeitig aber auch mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten als Eltern gewinnen.

Das Projekt „Trampolin“ wird vom Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung, Köln, und dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, Hamburg, wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Erste Ergebnisse zur Wirksamkeit des Projekts wird Professor Michael Klein auf der Pressekonferenz anlässlich des diesjährigen Deutschen Suchtkongresses am 29. September 2011 vorstellen.

Terminhinweise:

Pressekonferenz anlässlich des Deutschen Suchtkongresses 2011

Termin: Donnerstag, 29. September 2011, 12.15 bis 13.15 Uhr
Ort: Raum 105, Gebäude 4, Fachhochschule Frankfurt am Main, Nibelungenplatz 1, 60318 Frankfurt am Main

Die Themen und Referenten sind:

++Wirksame städtische Drogenhilfe:
Der Frankfurter Weg zwischen Hilfe und Bekämpfung
Professor Dr. phil. Hans-Volker Happel
Kongresspräsident Deutscher Suchtkongress 2011, Frankfurt am Main
und
Professor Dr. rer. pol. Heino Stöver
Kongresspräsident Deutscher Suchtkongress 2011, Frankfurt am Main

++Weg von der Zigarette:
Wie gelingt eine nachhaltige Tabakentwöhnung ohne Risiken?
Professor Dr. med. Anil Batra
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. (DG-Sucht), Tübingen

++Sucht und Familie: Wie können Kinder und Jugendliche lernen, nicht süchtig zu werden?
Professor Dr. rer. nat. Michael Klein
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtpsychologie e.V., Köln

++Internet und Cybersex:
Welches Suchtpotenzial birgt das World Wide Web?
Dr. Gert-Jan Meerkerk
Addiction Research Institute, Rotterdam

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Kongress-Sitzungen zum Thema:
++Symposium: Suchtprävention im Setting Familie
Donnerstag, 29.9.2011, 17.15 bis 18.45 Uhr, Raum 112, Fachhochschule FFM

++Symposium: Sucht und Familie
Freitag, 30.9.2011, 10.30 bis 12.00 Uhr, Raum 112, Fachhochschule FFM

++Symposium: Familienbezogene Interventionen
Freitag, 30.9.2011, 15.30 bis 17 Uhr
Raum 112, Fachhochschule FFM
Eines der Themen:
Projekt Trampolin – ein modulares Präventionskonzept für Kinder aus suchtbelasteten Familien: Ergebnisse einer multizentrischen Evaluationsstudie

++Symposium: Das „Frankfurter Modell“ Städtische Drogenpolitik und Drogenhilfe – Hilfesteuerung und Vernetzung der niedrigschwelligen Krisenhilfe
Donnerstag, 29.9.2011, 10.30 bis 12.00 Uhr, Raum 112, Fachhochschule FFM

Pressekontakt für Rückfragen:
Christine Schoner, Juliane Pfeiffer
Pressestelle Deutscher Suchtkongress 2011
Postfach 30 11 20
70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-573
Fax: 0711 8931-167
schoner@medizinkommunikation.org
pfeiffer@medizinkommunikation.org

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