Student im Wunderland: WWU-Mediziner starten mit 3D-Vorlesungen

Die Idee kam Privatdozent Dr. Christoph Runte bei seinem Hobby: Als Amateurfotograf hat er sich schon vor rund zehn Jahren auf „dreidimensionale“ – richtig eigentlich: stereoskopische – Aufnahmen verlegt. „Solche Bilder erfordern weniger Technik, als man denkt, eigentlich nur ein spezielles Objektiv und bestimmte Computerprogramme“, so der Zahnmediziner aus der Poliklink für Zahnärztliche Prothetik und Werkstoffkunde am Universitätsklinikum Münster.

Warum die 3D-Technik nicht auch in Vorlesungen einsetzen, dachte sich Runte dann vor rund zwei Jahren. Hintergrund: Flächenhafte Bilder bekannter Objekte können auch nur flächenhaft wahrgenommen werden, allerdings vermögen Betrachter sie zumindest räumlich zu interpretieren. Der Rückgriff auf den eigenen Erfahrungsschatz und „Tricks“ des Gehirns wie beispielsweise Überlagerungen helfen ihnen dabei. Bei unbekannten Objekten gelingt das aber nicht oder nur unzureichend. „In der Zahnmedizin betrifft dies vor allem Aufnahmen aus dem Mundraum, anatomische Bilder, Zahnersatz, Geräte und Instrumente, mit denen die Studierenden noch nicht vertraut sind“, erläutert Dr. Runte. Die stereoskopische Technik mit ihrer räumlichen Bildansicht kann den Nachteil ausgleichen: Details treten klarer hervor, Größenrelationen sind besser erkennbar, das gezeigte Objekt wird „verständlicher".

Unterstützung bekam der Hochschullehrer von dem in derselben Klinik tätigen Physiker PD Dr. Dieter Dirksen, dessen Spezialgebiet die Optik ist. Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern entwickelten die beiden Projektinitiatoren „StePDent“, die „Stereoskopische Projektion in der Zahnmedizin“. Die Forschungswerkstätten der Fakultät bauten nach ihren Entwürfen ein Präsentationssystem, das nun – vor über 50 überraschten Studierenden – seinen Ersteinsatz in der Prothetik-Vorlesung hatte. „Das verwendete Verfahren ähnelt dem in den Kinos“, sagt Dr. Dirksen. Zwei Einzelbilder werden gleichzeitig auf eine spezielle Leinwand projiziert, wobei Filter zwischen Projektor und Leinwand das Licht der beiden Bilder unterschiedlich polarisieren. Für den dreidimensionalen Eindruck benutzen die Betrachter die aus Kinos bekannten Brillen mit Polarisationsfiltern.

Gekostet hat die Innovation lediglich 7.200 Euro, die aus Studienbeiträgen stammen. „Davon Teuerste war noch die Spezialleinwand mit allein 1.300 Euro“, berichtet Runte. Da sich das Entwicklerteam auf marktgängige, somit bezahlbare Komponenten stützen konnte und die Software sogar kostenlos im Internet zu haben war, bestand die Hauptaufgabe darin, diese aufeinander abzustimmen und das System praxistauglich zu machen. Projektionstechnik und Leinwand sind nun transportabel, damit auch in anderen Hörsälen einsetzbar.

Wie alle Lehrveranstaltungen an der Medizinischen Fakultät wird auch die neue 3D-Vorlesung von den Studierenden bewertet; die Ergebnisse stehen noch aus. Im Kollegenkreis weckten die neuen didaktischen Möglichkeiten, die überschaubaren Kosten und die, so Runte, „nicht allzu schwierige“ Handhabung von StePDent währenddessen schon Interesse: Erste Demonstrationen für Vertreter anderer medizinischer Fächer führt das Projektteam derzeit bereits durch. Eine breitere Anwendung kann sich auch der Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Dr. Bernhard Marschall, gut vorstellen: „Interessant ist die 3D-Technik insbesondere für Fächer, in deren Unterricht komplexe Objekte mit relevanter Tiefeninformation dargestellt werden müssen, wie Anatomie, Chirurgie oder Kieferorthopädie“. Was das StePDent-Team möglichen Nachfolgern allerdings nicht abnehmen kann: „Wie im Kino müssen die Brillen nachher eingesammelt und desinfiziert werden“, schmunzelt Runte.
(idw, 05/2010)

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