Stimme und Gehör stehen im Mittelpunkt von neuer Professur

Auf Sachsens einzige ordentliche Professur zur Diagnostik und Therapie von Erkrankungen und Störungen der Sprache, der Stimme, des Schluckens sowie von kindlichen Hörstörungen ist Prof. Dirk Mürbe berufen worden. Das an der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus angesiedelte Fachgebiet der Phoniatrie und Pädaudiologie wird damit auch in Forschung und Lehre weiter aufgewertet. Ein Schwerpunkt der Arbeit von Prof. Mürbe ist die Diagnostik, Operation und Nachsorge von Patienten mit Cochlear-Implantaten. Als Experte für die menschliche Stimme betreut der neu berufene Professor auch professionelle Sänger und leitet das Studio für Stimmforschung an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Prof. Mürbe ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde sowie für Phoniatrie und Päd¬audiologie. Parallel absolvierte er ein Gesangsstudium an der Dresdner Musikhochschule.

Die Phoniatrie und Pädaudiologie beschäftigt sich mit den unterschiedlichsten Formen von Kommunikationsstörungen. Hierzu zählen nicht nur angeborene oder durch Krankheiten verursachte Probleme von Stimme, Sprache und Gehör. Auch soziale und psychische Defizite können Störungen verursachen, die am Uniklinikum von Prof. Mürbes Team festgestellt und behandelt werden. Hierzu stehen den Patienten neben den Fachärzten für HNO-Heilkunde sowie für Phoniatrie und Pädaudiologie, Pädagogen, Sprach- und Ergotherapeutinnen sowie Psychologen zur Seite. Hinzu kommen Neurologen, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen sowie Kinderärzte. Denn auch zum Wiedererlernen der Sprache nach Schlaganfällen oder nach großen Eingriffen am Kopf muss den Patienten ein interdisziplinäres Team zur Seite stehen, um optimale Behandlungsergebnisse zu erreichen. Dieselben Anforderungen gelten für Kinder, die mit einer Kiefer-Lippen-Gaumenspalte geboren wurden. Auch sie benötigen eine besondere Betreuung, um gut sprechen zu lernen. Eine enge Zusammenarbeit der Experten verschiedener Fachgebiete ist auch im Sächsischen Cochlear Implant Centrum (SCIC) an der HNO-Klinik des Dresdner Uniklinikums Alltag. Die von Prof. Mürbe geleitete Einrichtung ist für die Diagnostik und Nachsorge von Patienten mit Cochlear-Imlantaten verantwortlich. Seit knapp fünfzehn Jahren – das Jubiläum wird in diesem November gefeiert – versorgt das SCIC hochgradig hörgeschädigte Patienten mit Cochlea Implantaten. Diese Innenohrprothese setzen die Spezialisten nicht nur Kindern ein, die ohne Hörvermögen geboren wurden, sondern auch ertaubten und hochgradig schwerhörigen Menschen. Ein Cochlea Implantat gibt Betroffenen Hörvermögen und Sprachverständnis zurück oder eröffnet ihnen erstmals die Welt des Sprechens und Hörens. Das SCIC bezog im vergangenen Jahr neue Räume. "Der moderne Standort verbessert nicht nur die Bedingungen für unsere Patienten, sondern auch die für Lehre und Forschung. Die Professur für Phoniatrie und Pädaudiologie trägt nun dazu bei, die wissenschaftliche Arbeit zu intensivieren", sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Universitätsklinikums.

Menschen leiden zunehmend an überlasteter Stimme
"Kommunikationsstörungen treten immer häufiger auf", erklärt Prof. Mürbe. Dabei geht es nicht allein um die durch hohen Fernsehkonsum verursachten Sprachdefizite von Kindergartenkindern, sondern auch um Probleme der erwachsenen Stimme. Bei immer mehr Arbeitnehmern spielt das Sprechen eine wichtige Rolle im Arbeitsleben: Während vor einhundert Jahren nur ein Fünftel aller Berufsbilder hohe Anforderungen an die Stimme stellte, sind es heute zwei Drittel. Die Arbeit in Callcentern gehören zu den neuen Brennpunkten: Auch wenn nicht laut gesprochen wird – etwa beim Telefonieren –, kann der Dauereinsatz der Stimmbänder gesundheitliche Probleme auslösen: "In einem frühen Stadium werden Überlastungen der Stimme oft nicht erkannt", erklärt Prof. Mürbe. In der Regel ist das erste Zeichen ein ständiges Räuspern: Der mit Schleimhaut ausgekleidete Kehlkopf sondert bei hoher Belastung vermehrt Sekret ab. Dadurch müssen sich die Betroffenen beim Sprechen stärker anstrengen. "Die Folge ist eine permanente Heiserkeit, welche die Berufsausübung in Frage stellt", so der Stimm-Experte. Ursache der Probleme von Vielsprechern sei eine nicht optimale Effizienz der Stimme. Durch frühzeitiges Training lassen sich diese Defizite jedoch beseitigen. "Für viele Berufsgruppen gibt jedoch noch keine Präventionsprogramme", beklagt Prof. Mürbe. Bei den meisten Menschen lässt sich der Wirkungsgrad der Stimme durch ein Training erhöhen, um eine Überlastung zu vermeiden.

Forschungsstudio geht Problemen der Gesangsstimme nach
Als Leiter des Studios für Stimmforschung an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden beschäftigt sich Prof. Mürbe auch mit den gesundheitlichen Problemen von Sängern und anderen Künstlern, die Stimme und Sprache professionell einsetzen. „Das Studio ist ein einmaliger Schatz der Musikhochschule“, sagt Prof. Mürbe mit dem Verweis auf das 50-jährige Bestehen der Stimmforschung in Dresden. Sein Ziel: die hier gesammelten Daten und Tondokumente weiter wissenschaftlich aufzuarbeiten. Denn mit diesem Erkenntnisschatz kann professionellen Stimmen künftig noch besser geholfen werden. Auch wenn er, der in der Hochschule selbst als Sänger ausgebildet wurde, nur selten noch auf einer Bühne zu erleben ist, engagiert sich Prof. Mürbe für diese Kunstform: Als Mitglied des Vereins "Das Lied in Dresden" hilft der Stimm-Experte bei der Organisation von Konzerten, um jungen Sängern Auftritte zu ermöglichen. Er selbst tritt meist als Wissenschaftler an die Öffentlichkeit. So auch im Rahmen der Kinderuniversität. Dort erklärt Prof. Mürbe im November, wie eine menschliche Stimme es schaffen kann, große Konzertsäle zu füllen. Dafür steht der neu berufene Professor auf einer Bühne, die der Traum eines jeden Sängers ist – die der Dresdner Semperoper.

Kontakt
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus
Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Prof. Dirk Mürbe
Tel.: 351 458 7045
E-Mail: dirk.muerbe@uniklinikum-dresden.de
(idw, 10/2010)

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