Spurensuche für mehr Sicherheit: 40 Jahre Unfallforschung an der MHH

Die Weiterentwicklung des Integralhelms für Motorradfahrer, die nach unten korrigierte Position der Stoßstange und optimierte Front als Fußgängerschutz, die Einsicht, dass auch Radfahrer einen Helm benötigen, die Einführung des Antiblockiersystems (ABS) und des Antischleudersystems (ESP) – das sind nur einige der Ergebnisse, für die die Unfallforscher der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) seit 40 Jahren die Datenbasis liefern. Direkt am Unfallort erfasst ein Team aus Ingenieuren der Kraftfahrzeugtechnik und Ärzten der MHH-Klinik für Unfallchirurgie, ausgerüstet mit speziellen Einsatzfahrzeugen, bis zu 3000 Einzeldaten – wie Umweltbedingungen, Informationen über das Fahrzeug oder die Art der Verletzungen bei den Patienten und deren weitere Versorgung im Krankenhaus. „Die ausgezeichneten Leistungen unserer Unfallforscher spiegeln die große Bedeutung und den umfassenden Auftrag der universitären Chirurgie wider. Unfallforschung schafft die notwendige Evidenz für die aktive Prävention scheinbar schicksalhafter Ereignisse“, betonte MHH-Präsident Professor Dr. Christopher Baum in seinem Grußwort anlässlich der Feierstunde.

An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gibt es die Verkehrsunfallforschung seit 1973, finanziert von der Bundesanstalt für Straßenwesen. Seit 1999 kooperiert die Hochschule mit der Technischen Universität (TU) Dresden im Gemeinschaftsprojekt der Bundesanstalt und der Deutschen Automobilindustrie GIDAS (German In-Depth Accident Study). Es ist das größte Projekt zur Erhebung von Unfalldaten in Deutschland und in der Arbeitsmethodik einmalig in der Welt. „Mit Unfallforschungsdaten wurden zurückliegend viele Sicherheitsmaßnahmen veranlasst, wie der Fußgängerschutz am PKW und LKW, Protektoren in der Schutzkleidung für Motorradfahrer, Optimierung des Schutzhelmes, insbesondere für Radfahrer. Diese führte zu deutlich weniger Verletzungen und geringerer Verletzungsschwere. Weitere Maßnahmen sind zweifellos wichtig, doch Maßnahmen zur Vermeidung von Unfällen sind effektiver in der Reduzierung nicht nur der Zahl an Unfällen, sondern damit auch der Zahl Verletzter und Getöteter. Deshalb sind Fahrer- und Fahrzeugassistenzsysteme zukünftig weiter zu entwickeln. Die Unfallforschung muss und wird damit die Zielsetzung ihrer Arbeit zukünftig daran anpassen!“, erklärt Professor Dr. Dietmar Otte, der die MHH-Unfallforschung seit 1985 leitet.

In den vergangenen 40 Jahren ist die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Menschen von 20.000 auf 4000 pro Jahr zurückgegangen – das ist nicht zuletzt ein Verdienst der Unfallforscher. „Die Unfallforschung hat durch die kombinierte medizinische und technische Analyse problematische, risikoreiche und oft auch tödliche Verletzungsmechanismen aufgedeckt und damit dafür gesorgt, dass Abhilfe geschaffen werden konnte durch Sicherheitsgurt, Airbag, Fahrradhelm, Protektoren und vieles andere.

Die Ergebnisse der Unfallforschung haben aber darüber hinaus auch für eine erhebliche Sensibilisierung für bestimmte gefährliche Verletzungen und Verletzungskombinationen wie Pankreas- und Duodenalverletzungen oder Aortenrupturen im klinischen Alltag des Unfallchirurgen gesorgt. Diese direkten Erkenntnisse aus der Unfallforschung haben die Behandlung von Schwerverletzten messbar sicherer und qualitativ besser gemacht und auch damit zur Reduktion der Zahl der Verkehrstoten beigetragen“, sagte Professor Dr. Christian Krettek, Direktor der MHH-Klinik für Unfallchirurgie.

Annähernd 30.000 Unfälle mit 56.000 Fahrzeugen, 40.000 verletzten Personen und 130.000 Einzelverletzungen haben die Unfallforscher in den vergangenen 40 Jahren dokumentiert, analysiert und verglichen. Die ausgewerteten Unfalldaten liefern verschiedenen Zielgruppen wichtige Grundlagen – der Automobil- und Zulieferindustrie zur Optimierung der Fahrzeugsicherheit, dem Gesetzgeber in Sachen Verkehrssicherheit, Verkehrsplanung und Infrastruktur oder den Notfallrettern über Verletzungsentstehung und Notfalldiagnostik an der Unfallstelle.

Scroll to Top