Sport hilft bei schwerer Herzkrankheit – nur wo und vor allem wie?

Das Leben von Patienten mit Herzmuskelschwäche ist durch eine massiv eingeschränkte körperliche Belastbarkeit geprägt. Die Ursachen für die Einschränkung der körperlichen Belastbarkeit sind jedoch nicht bei allen Patienten gleich. Es gibt eine Gruppe von Patienten, deren Herzen unter Belastung nicht mehr ausreichend Blut transportieren kann. Bei einer anderen Gruppe ist zwar die Herzleistung ebenfalls eingeschränkt, die eigentliche Ursache der schlechten Belastbarkeit ist aber in einer unzureichend trainierten Muskulatur des Gesamtkörpers zu sehen.

Mit einer neuen Diagnosemethode kann man nun jeden Patienten individuell der einen oder anderen Gruppe zuordnen. Mit dieser Methode, die auf der so genannten Inertgas – Rückatmung beruht, kann erstmals über eine spezielle Atemmaske direkt die Transportleistung des Herzens in Ruhe und unter körperlicher Belastung gemessen werden. Diese Untersuchung erfolgt ohne Katheter oder andere Eingriffe. "Hiermit lassen sich individualisierte, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Trainingskonzepte erarbeiten und wissenschaftlich aufarbeiten", erklärt Dr. Wilfried Dinh, der das Projekt für die Universität Witten/Herdecke wissenschaftlich betreut, die für den Patienten praktische Seite.

Zum Hintergrund: In Europa wird die Zahl von Betroffenen mit Herzmuskelschwäche auf mehr als 15 Mio. geschätzt, und in der Todesursachenstatistik Deutschlands des statistischen Bundesamtes von 2008 liegt die Herzinsuffizienz auf Platz drei noch vor den Krebserkrankungen. Ein Fünftel der Patienten mit neu diagnostizierter Herzinsuffizienz verstirbt innerhalb eines Jahres, die Hälfte innerhalb von 5 Jahren nach Diagnosestellung.

"Die Lebensqualität der Betroffenen ist oft dramatisch eingeschränkt, weil ihr Herz immer am Limit arbeitet. Jede körperliche Alltagstätigkeit wird zum Problem", beschreibt Dinh die Lage der Patienten. Es entwickelt sich ein Teufelskreis, indem Betroffene sich aufgrund nachlassender Leistungsfähigkeit körperlich schonen. Dieses führt aber, ähnlich wie bei Astronauten im Weltall, zu einem Schwund der Muskulatur. Durch diesen Muskelschwund werden Botenstoffe im Blut freigesetzt, die die Herzleistung weiter verschlechtern, und der Teufelskreis schließt sich. "Noch bis in die 90er Jahre galt bei Patienten mit schwerer Herzmuskelschwäche die Devise: Schonen, Schonen, Schonen." Heute weiß man, dass genau das Gegenteil richtig ist. Zwar wird eine regelmäßige körperliche Betätigung in Leitlinien der kardiologischen Fachgesellschaften ausdrücklich empfohlen, eine konkrete Empfehlung zur Art und Umfang des Trainings fehlt jedoch. Und dieses hat einen guten Grund: "Die Frage nach dem ‚wie‘ und ‚wo‘ der schwer Herzkranke Patienten trainieren sollte, ist bisher nicht hinreichend untersucht. Insbesondere für diese Patienten wollen wir einen individuellen Trainingsplan aufstellen und die beste Trainingsmethode identifizieren. Dazu fehlt aber bisher eine entsprechende Infrastruktur und Beratungsstelle", erläutert Dinh die Arbeit der Wissenschaftler.

Bei der aktuellen Studie, die im kommenden Jahr abgeschlossen wird, wurden Patienten mit schwerer Herzmuskelschwäche in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe trainiert nach einer Einweisung selbstständig, die andere unter ärztlicher Beobachtung. Alle Teilnehmer sind Patienten des Herzzentrums Wuppertal (Kasse oder privat). In regelmäßigen Abständen wird ihr Blut untersucht, ein Herz-Ultraschall und eine Leistungsdiagnostik mit Einsatz neuester Techniken durchgeführt. "Bei den ersten Patienten zeichnen sich bereits Verbesserungen ab", sagt Dr. Michael Coll Barroso von CoroVital. In dem Projekt Sport als Medizin: personalisierte Medizin in der Kardiologie arbeiten die Universität Witten/Herdecke, das Helios-Klinikum Wuppertal, das Institut für Sportmedizin "CoroVital", die Sporthochschule Köln sowie das ambulante Rehabilitationszentrum "Cardiowell" zusammen. Es wird durch den Herzförderverein sowie insbesondere die Heinz-Dieter-Oberdick-Stiftung gefördert.

Mit diesem und anderen Vorträgen auf dem Tag der Forschung am 8. und 9. Oktober 2010 präsentiert die Fakultät für Gesundheit der Universität Witten/Herdecke ihre Zielrichtung der integrativen und personalisierten Gesundheitsversorgung. Der Vortrag von Dr. Wilfried Dinh beginnt am 8.10.2010 um 11.45 Uhr in der Alfred-Herrhausenstr. 50. Das Programm finden Sie hier
http://www.uni-wh.de/fileadmin/media/u/veranstaltungen/10-2010/Tag_der_Forschung_Programm_20_09_10.pdf

Weitere Informationen bei Dr. Wilfried Dinh, 0202 896 5777 wilfried.dinh@helios-kliniken.de
(idw, 10/2010)

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