Die Selbstbestimmung des Patienten und die Medizin der Zukunft. Perspektiven einer Medizinethik des 21. Jahrhunderts

Die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Das Jubiläum wird am Standort der Akademie in Göttingen begangen. Das Programm und der Festvortrag aus Anlass des Jubiläums werden von hochrangigen und renommierten medizinethischen Referentinnen und Referenten getragen. So spricht als Festrednerin die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Prof. Jutta Limbach. Zudem referieren und diskutieren unter anderem der Patientenrechtsbeauftragte des Deutschen Bundestags, MdB Wolfgang Zöller, die Vorsitzende der Österreichischen Bioethikkommission, Prof. Christiane Druml, und der Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, Prof. Urban Wiesing. Die Autorin Juli Zeh liest aus ihrem Buch „Corpus Delicti“.

Weitere Informationen: www.selbstbestimmung-des-patienten.uni-goettingen.de

 

Das Recht der Selbstbestimmung des Patienten hat in den letzten 25 Jahren wie kaum ein anderes Konzept einen prägenden Einfluss auf die medizinische Praxis und den öffentlichen Diskurs ausgeübt. Das Recht, über die Belange des eigenen Lebens selbst zu entscheiden, stand und steht im Mittelpunkt von Schlüsseldiskussionen über Themen wie die Zugänglichkeit von neuen Fortpflanzungstechnologien, Formen der Sterbehilfe oder die Zulässigkeit von Forschung am Menschen.

Zugleich ist ein wachsendes Unbehagen an einer starken Fixierung auf die Autonomie der Medizin- und Bioethik und zum Teil auch der medizinischen Praxis selbst festzustellen. Dem Diskurs über diese Autonomie wird ein überzogener Individualismus vorgeworfen: Er werde der sozialen Natur von Menschen und der vielfältigen sozialen Abhängigkeit gerade von Patienten nicht gerecht. Die Betonung der Selbstbestimmung tendiere zur Ausblendung, wenn nicht sogar Destabilisierung von sozialer Verantwortung und menschlichen Beziehungen. Sie sei blind gegenüber den Eigengesetzlichkeiten von Institutionen.

Dies gilt umso mehr für die Medizin von heute mit ihrer hoch differenzierten Sozialstruktur und ihren Abläufen, die auf komplexen technischen und ökonomischen Logiken beruhen. Der Triumphzug der Patientenautonomie muss sich deshalb auch einer Reihe kritischer Fragen stellen: Was bedeutet individuelle Autonomie, wenn ihr ein Netz von sozialen Ermöglichungsbedingungen vorausliegt? Wie kann Selbstbestimmung auch in Zukunft in hochkomplexen, risikobehafteten und schwer vorhersagbaren Entscheidungssituationen sinnvoll ausgeübt werden?

 

 Juli Zeh entwirft in „Corpus Delicti“ das spannende Science-Fiction-Szenario einer Gesundheitsdiktatur im Jahr 2057. Sie zeichnet ein System, das alle und alles kontrolliert. Gesundheit ist zur höchsten Bürgerspflicht geworden. Die „Methode“ verlangt ein festes Sportpensum ebenso wie die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten. Buchstäblich über jeden Schritt seiner Bürger ist dieser Staat informiert. „Corpus Delicti“ handelt von höchst aktuellen Fragen: Wie weit kann und wird der Staat individuelle Rechte einschränken? Gibt es ein Recht des Einzelnen auf Widerstand? Juli Zehs „Corpus Delicti“ ist ein visionäres und ungeheuer spannendes Buch über unsere Zukunft, die wir immer weniger bestimmen können.

Die Akademie für Ethik in der Medizin, die wissenschaftliche Gesellschaft für Medizinethik in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wurde am 5. Dezember 1986 in Göttingen gegründet. 2011 feiert sie das 25. Jahr seit ihrer Gründung. Die Akademie fördert den interdisziplinären gesellschaftlichen Dialog zu den brisanten Fragen der modernen Medizin. Die Akademie für Ethik in der Medizin ist eine interdisziplinäre und interprofessionelle medizinethische Fachgesellschaft und hat ihren Sitz in Göttingen.

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