Sechs Stunden Operation für einen Chirurgen und ein neues Leben für ein Kind

Ulzerierende Knochentumoren und Weichteilsarkome oder überwucherte und überdimensionierte Beine, Knie- und Schultergelenke gehören zum Alltag bei Einsätzen in Mandalay. Außerdem auch Verbrennungen, durch die die Kinder ihre Arme und Beine kaum mehr bewegen können und somit in ihrer Lebensqualität maximal eingeschränkt sind. Kinder mit klaffenden Lippen und Gaumen, wodurch diese in ihrem sozialen Umfeld ausgegrenzt und nicht zur Schule geschickt werden, zählen zu den Patientengruppen, die Professor Prantl und Aung bei ihren Einsätzen in Myanmar täglich sehen.

Würde er nicht zwei Mal pro Jahr je drei Wochen in sein Geburtsland reisen und die Betroffenen behandeln, so wäre in vielen Fällen ein Überleben der Kinder und Babys höchst fraglich. „Vor Ort operiere ich v.a. Weichteil- und Knochensarkome und Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, die eine plastische Rekonstruktion erfordern“, erklärt Aung. Um den Betroffenen zu helfen, reisen neben Aung daher auch noch weitere Ärzte der Abteilung für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie sowie weitere medizinische Helfer regelmäßig nach Myanmar. Aber das Ärzteteam agiert dort immer unter erschwerten Bedingungen: stumpfe Skalpelle, keine passenden, feinen Fäden zum Verschließen der Wunden, personelle Unterbesetzung im OP, häufige Stromausfälle und natürlich die klimatischen Bedingungen mit Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit. Eingriffe, wie die Sarkomchirurgie, zählen zu den anspruchsvollsten Operationen, die es in der Tumorchirurgie gibt. „Man muss einfach versuchen, mit den Bedingungen zurecht zu kommen und trotzdem Leistung zu bringen, denn man darf nicht vergessen, es hängt ein Menschenleben und die Hoffnung einer ganzen Familie an der Behandlung. Da nimmt man solche Umstände gerne in Kauf“, ergänzt Professor Prantl, der als Leiter der Abteilung für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des UKR und Caritas-Krankenhaus St. Josef die Einsätze regelmäßig gerne unterstützt.

Allein im Jahr 2019 konnten durch das Regensburger Ärzteteam sechs fortgeschrittene Knochensarkome reseziert und mit Borggreve-Plastiken rekonstruiert werden. Selbst in großen spezialisierten Sarkomzentren in Europa werden solche Operationen maximal ein- bis zweimal pro Jahr durchgeführt.

Dem außenstehenden Betrachter drängt sich so natürlich die Frage auf, ob in dem südostasiatischen Land die Anzahl der Erkrankungen dieser Art höher sind? „Ja und nein“, sagt Aung. „Solche Fälle wie in Myanmar sieht man bei uns nicht mehr oder eher selten, dafür ist die Früherkennung zum Glück zu gut.“

Amputation ist oft die letzte Chance, das Leben zu erhalten

Gerade bei großen Tumor-Operationen merken die Ärzte, dass sie nicht in einem hochmodernen Operationssaal am UKR stehen, sondern im General Hospital in Mandalay. „Wenn hier etwas nicht optimal läuft, kann man beispielsweise nicht schnell auf Blutkonserven zurückgreifen. Man muss deswegen von Anfang an versuchen, mit möglichst wenig Blutverlust zu operieren“, führt Aung weiter aus. Die Schwere der Operationen bleibt gleich, ob am UKR oder in Mandalay, auch wenn sich die Bedingungen deutlich unterscheiden. Dem Regensburger Ärzteteam gelingt es dabei auch, neueste Behandlungsmethoden in Myanmar anzuwenden. Die Abteilung für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des UKR ist sehr aktiv in der Sarkomforschung. Unter Leitung von Professor Dr. Silke Härteis und Aung wurde der neue Forschungsschwerpunkt Sarkomforschung an der Universität Regensburg und am UKR etabliert. Um sich über neueste Therapiemöglichkeiten im Bereich der Sarkom-Behandlung auszutauschen, wurde vor kurzem der erste bayerische Sarkom-Stammtisch gegründet. Es wird daran gearbeitet, Versorgungskonzepte wissenschaftlich und klinisch weiterzuentwickeln. „Unsere Ergebnisse können wir direkt in der Praxis anwenden und können sie auch auf die Bedingungen in Myanmar übertragen,“ erläutert Aung.

Bei Sarkomen ist aber eine Amputation meist das letzte Mittel, um das Leben der Kinder zu retten. Minimum sechs Stunden dauert ein solcher Eingriff (Borggreve-Plastik). Doch der Erfolg bestärkt die Mediziner. „Was sind schon sechs Stunden herausfordernder Einsatz am OP-Tisch unter schweren Bedingungen gemessen an einem ganzen Leben? “, so Professor Prantl weiter. Seit vielen Jahren kümmern er und Aung sich nun schon um die Kinder und haben immer auch Hilfsmittel oder etwa Prothesen dabei, die durch Spendengelder und durch wichtige Kooperationspartner wie das Regensburger Sanitätshaus Spörer gesponsert werden. Immerhin 6.000 Euro kostet eine solche Gehhilfe. Die Orthopädie-Techniker kooperieren auch mit den Kollegen vor Ort, um die Prothesen an die vor Ort speziellen Anforderungen anzupassen. Die Nachsorge für die Patienten funktioniert dann mit seinen Kollegen vor Ort via Telemedizin.

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