Schluss mit dem „Vorlesungsmarathon“ in Physiologie

FRANKFURT. Computerbasierte Experimente und die Diskussion von Fallbeispielen machen Physiologie-Kurse bei Studierenden nicht nur beliebter, sondern vertiefen auch ihr Verständnis des Stoffes. Diese Vorzüge gegenüber dem reinen Frontalunterricht belegt die Evaluation einer drei Semester umfassenden Studie in der Pharmazie: Im ersten Staatsexamen erreichten die Studenten im Teilfach Humanbiologie eine bemerkenswert höhere Punktezahl im Vergleich zu vorherigen Jahrgängen. Damit liegt die Erfolgsquote an der Goethe-Universität über dem bundesdeutschen Durchschnitt.

"Das Curriculum in der Pharmazie ist sehr dicht und setzt Studierende unter einen starken Druck, wenn sie innerhalb der Regelstudienzeit fertig werden wollen", erklärt Privatdozent Dr. Gunter P. Eckert vom Pharmakologischen Institut für Naturwissenschaftler. Die Vorbereitung auf das Examen werde häufig missverstanden als das Auswendiglernen einer möglichst großen Anzahl von Fakten. "Oft fehlt das tiefere Verständnis", ergänzt seine Kollegin Dr. Martina Zimmermann. Das falle unter anderem im Physiologie-Kurs des vierten Semesters auf. Zu diesem Zeitpunkt haben die Studierenden bereits eine zweisemestrige Vorlesung über Physiologie gehört. Aber selbst guten Studierenden fehlt danach oft noch ein solides Basiswissen, auf das sie aufbauen können. Eckert und Zimmermann führen dies auf den üblichen Frontal-Unterricht in Vorlesungen zurück. Sie starteten deshalb gemeinsam ein Lehrforschungsexperiment, bei dem interaktive Elemente in den Unterricht integriert wurden.

Die Studierenden lernten in Gruppen von 20 bis 25 unter der Anleitung eines Tutors. In drei der insgesamt acht Lehreinheiten wurden computerbasierte Experimente eingeführt, wobei für je vier bis fünf Studierende ein computergestütztes System zur Verfügung stand. Die Experimente umfassten die Aufzeichnung eines Elektroencephalogramms (EEG), das Messen des Blutdrucks an unterschiedlichen Stellen des Körpers sowie Lungenfunktionstests, bei denen unter anderem die Situation eines Asthmatikers simuliert wurde. Die Anschaffung der interaktiven Computersysteme wurde durch den universitären Fond zur Qualitätssicherung in der Lehre ermöglicht. Fallbeispiele wurden in zwei der acht Lehreinheiten diskutiert. Zum besseren Verständnis des zentralen Nervensystems erhielten die Studierenden unter anderem Beispiele für die Intoxikation mit Nervengiften; Reaktionen des Immunssystems wurden anhand diverser Allergien verdeutlicht. Nach der Diskussion in Kleingruppen präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse der gesamten Gruppe und besprachen sie gemeinsam mit dem Tutor.

In der anschließenden Evaluation zeigte sich, dass die Studierenden eine stärkere Beteiligung am Unterricht durch interaktive Elemente bevorzugen. In vorangegangenen Jahren waren die jeweils vierstündigen Vorlesungseinheiten von vielen als "verpflichteter Lernmarathon" gefürchtet gewesen. Als positiv bewerteten sie, dass die Tutoren sich mehr Zeit für die Beantwortung von Fragen nahmen und häufiger Gelegenheit zu offenen Diskussionen bestand. So konnten die angehenden Pharmazeuten ein tiefes Verständnis der Zusammenhänge gewinnen und sich Inhalte länger merken, was sich letztlich in besseren Prüfungsergebnissen niederschlug.

Auch die Tutoren, die sich zu Anfang und Ende des Semesters über ihre Erfahrungen austauschten, profitierten von dem verstärkten Austausch mit den Studierenden. Beispielsweise werden sie für falsche Konzepte und Verständnisschwierigkeiten sensibilisiert. In den Unterrichtseinheiten, die weiterhin als Frontralunterricht abgehalten wurden, erhielten sie insgesamt bessere Bewertungen als zuvor. Ermutigt durch diese positiven Effekte wollen Eckert und Zimmermann nun weitere interaktive Elemente in den Unterricht integrieren und mehr computergestützte, interaktive Lehrmodule zur Verfügung stellen.

Publikationen:
Martina Zimmermann, Gunter P Eckert, Enhanced student experience: An analysis of subjective evaluation and objective learning success following the transformation of a pharmaceutical physiology course. Advances in Physiology Education 2010;34:1-10.
Martina Zimmermann, Case studies in a physiology course on the autonomic nervous system: design, implementation and evaluation. Advances in Physiology Education 2010; im Druck.

Informationen: Privatdozent Dr. Gunter P. Eckert, Pharmakologisches Institut für Naturwissenschaftler, Campus Riedberg, Tel.: (069) 798-29378, g.p.eckert@em.uni-frankfurt.de, Dr. Martina Zimmermann, Tel.: (069)798-29372; martina.zimmermann@em.uni-frankfurt.de.

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt am Main. 1914 von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn größten Universitäten Deutschlands. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht derzeit für rund 600 Millionen Euro der schönste Campus Deutschlands. Mit über 50 seit 2000 eingeworbenen Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Universität den deutschen Spitzenplatz ein. In drei Forschungsrankings des CHE in Folge und in der Exzellenzinitiative zeigte sie sich als eine der forschungsstärksten Hochschulen.

Herausgeber: Der Präsident
Abteilung Marketing und Kommunikation, Postfach 11 19 32,
60054 Frankfurt am Main
Redaktion: Dr. Anne Hardy, Referentin für Wissenschaftskommunikation Telefon (069) 798 – 2 92 28, Telefax (069) 798 – 2 85 30, E-Mail hardy@pvw.uni-frankfurt.de
Internet: www.uni-frankfurt.de
(idw, 03/2010)

Scroll to Top