Schleudertrauma: Weg mit der Halskrause!

Die  Behandlung von Verletzungen nach Auffahrunfällen geht völlig neue Wege:  Gymnastik und Kältekissen statt Ruhigstellung, Mobilisation statt der  allseits bekannten Halskrause  Regensburg (obx-medizindirekt) –  Auffahrunfälle sind im Straßenverkehr an der Tagesordnung. Rund  200.000-mal kracht es jährlich auf Deutschlands Straßen. Der vorsorgliche  Gang zum Arzt führt danach schon beinahe obligatorisch zur Verschreibung  einer Halskrause, von Medizinern Zervikalstütze genannt. Jetzt haben  Wissenschaftler festgestellt, dass diese Stützvorrichtung bei den  Betroffenen die eigentlichen Beschwerden eher verschlimmern als bessern  kann. Nur in den wenigsten Fällen eines Schleudertraumas ist eine  Ruhigstellung des Hals-Nacken-Bereiches wirklich  angebracht.      

„Viele Patienten werden falsch behandelt“, kritisiert  die Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation  (DGPMR). „Zur Behandlung eines Schleudertraumas ist eine Halskrause oft  überflüssig.“
Beim Auffahrunfall wird in der Regel der Kopf zunächst  gegen die Nackenstütze gedrückt und anschließend nach vorne geschleudert.  Der Neurologe Dr. Bernhard Kügelgen, Leiter des Therapiezentrums Koblenz,  erklärt, weshalb danach eine Ruhigstellung des Nackens nicht sinnvoll ist:  „Verantwortlich für die danach entstehenden Schmerzen und Beschwerden ist  vor allem eine Dehnung der kleinen Nackenmuskeln. Die Prozesse, die dabei  im Muskel ablaufen, sind ganz ähnlich wie beim Muskelkater. Besonders  anfällig sind Personen, deren Nackenmuskulatur untrainiert ist.
 
Wird danach der Kopf per Stützte fixiert, geschieht  genau das Falsche: Nach wenigen Tagen der Ruhigstellung tritt zusätzlich  zu den vorhandenen Beschwerden ein so genannter Immobilisationsschmerz  auf, der zu weiterer Bewegungseinschränkung führe und das Leiden oftmals  sogar chronisch werden lässt. Schmerzspezialisten und Orthopäden empfehlen  statt der Halskrause den Einsatz von Schmerzmitteln und möglichst frühes  Training der Halsmuskulatur. Auch die Anwendung von Kältekissen,  gelegentlich auch Rotlicht, Heißluft, Heizkissen oder Fango, könne die  Beschwerden lindern.
 
Prof. Matthias Keidel von der Klinik für Neurologie am  Bezirkskrankenhaus Bayreuth empfiehlt aktive Gymnastik im häuslichen  Bereich. „Nach Abklingen der akuten Schmerzen sollte möglichst frühzeitig  mit der krankengymnastischen Behandlung begonnen werden.“ Dazu gehören  passive und aktive Bewegungsübungen der Halswirbelsäule, isometrische  Übungen und Haltungsaufbau unter Einbeziehung der  Schultergürtelmuskulatur. Ergänzend empfiehlt Prof. Keidel Ausdauersport  wie Joggen, Radfahren oder Schwimmen.

Im Therapiezentrum Koblenz erlernen die Patienten  die Techniken der so genannten Schmerzdistanzierung und der  Schmerzbekämpfung ohne chemische Mittel. Gleichzeitig werden die  Betroffenen zu Muskeldehnungs- und Muskelkräftigungsübungen angeleitet.  „Nach einem dreiwöchigen teilstationären Programm und dreimonatiger  Nachbehandlung waren fast alle Patienten beschwerdefrei“, berichtet Dr.  Kügelgen.
 
Eine Ruhigstellung der Halswirbelsäule ist nach Ansicht  der Experten der „Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft“  allerdings dann angezeigt, wenn Wirbelkörperverletzungen vorliegen. „Doch  selbst in diesem Fall ist die Halskrause wenig sinnvoll“, heißt es.  „Vielmehr müssten die Patienten in solchen seltenen Fällen mit einem  Kopfhalteapparat versorgt werden, bei dem der Kopf in einer Fassung sitzt,  die vom Schulterjoch getragen wird.“
 
Die häufige Verschreibung von Halskrausen in der  Vergangenheit resultiert aus der falschen Annahme, dass bei einem  Schleudertrauma eine Verdrehung oder Verrenkung von Gelenken und eine  Schädigung des Band- und Gelenkapparates auftritt. Nach neueren  Untersuchungen liegen solche Schädigungen aber nur in seltenen Fällen vor.  Meist ist ausschließlich die Muskulatur betroffen. An der Sporthochschule  Köln wurde bei Versuchen sogar festgestellt, dass selbst bei gesunden  Versuchspersonen Schmerzzustände auftraten, wenn diese längere Zeit, etwa  durch eine Halskrause fixiert, Muskeln nicht bewegen konnten.

Eine ganze Reihe von Problemen kann ein Auffahrunfall  und das dadurch entstehende Schleudertrauma bewirken:

[*]Nackenschmerz (in 100% der Fälle)
[*]Nackensteife (89 %)
[*]Kopfschmerz (87%)
[*]Vegetative Beschwerden (71%)
[*]Halsmuskelschmerz (70%)
[*]Nervenschwäche (60%)
[*]Kopfschwere (49%)
[*]Schwindel (39%)
[*]Armbeschwerden (27%)
[*]Kreuzschmerz (25%)
[*]Hörstörungen (21%)
[*]Handsymptome (20%)
[*]Sehstörungen (20%)
[*]Kloßgefühl (12%)
[*]Schluckschmerz (7%)
[*]Rauer Hals (6 %)
[*]Kieferschmerz (4%)
[*]Mundbodenschmerz (4%)

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