Rückenschmerzpatienten können durch Integriertes Versorgungs-Programm Alltag besser bewältigen

Ein massiver Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich hatte Elke R. schwer zu schaffen gemacht. Wenn man die lebensbejahende 52-jährige heute hört, kann man sich kaum vorstellen, dass sie zu Beginn des Jahres noch verzweifelt war.  „Die Schmerzen waren überall und mein rechtes Bein war wie gelähmt“, beschreibt die Fachverkäuferin im Lebensmittel-Einzelhandel ihr damaliges Befinden. Die Vollzeit im Schichtdienst arbeitende Mutter von drei erwachsenen Kindern musste sich nach Weihnachten 2012 vom Hausarzt krankschreiben lassen. Nachdem ein hinzugezogener Orthopäde den Bandscheibenvorfall eindeutig diagnostiziert hatte, bekam sie zunächst spezielle Spritzen. „Als auch nach dieser unangenehmen Therapie keine Besserung eintrat, war ich wirklich deprimiert“ berichtet die Sendenerin.

Integriertes Versorgungs-Programm (IV-Programm) von Rückenschmerzpatienten

Ende Februar kam dann das Angebot der Krankenkasse, in ein spezielles Programm zur integrierten Versorgung (Integriertes Versorgungs-Programm = IV-Programm) von Rückenschmerzpatienten aufgenommen zu werden. Was folgte, waren ausführliche Gespräche sowie viele Sitzungen und Therapien in einer spezialisierten Praxis für Schmerztherapie in Münster. „Ich bekam spezielle Medikamente verschrieben, außerdem Akupunktur und Physiotherapie. Die war zwar schmerzhaft, aber wirklich effektiv.“ Besonders geholfen habe ihr persönlich auch ein Psychologe, der sie intensiv befragte und betreute. „Er hat mir gezeigt, wie ich durch autogenes Training lernen kann, mit dem Schmerz besser umzugehen und ihn dadurch zu lindern“.

Fast ein Jahr nach dem ersten Auftreten der Schmerzen geht es Elke R. wieder deutlich besser. Sie arbeitet wieder voll. Im neuen Jahr will sie sich in einem Fitnessstudio für speziellen Rehasport anmelden. Sie habe durch die Krankheit gelernt, dass kontinuierliches Muskeltraining sehr wichtig sei, gerade für Menschen, die viel stehen oder körperlich arbeiten müssen.

Spezialprogramm hilft subjektiv bei Rückenschmerzen

Je schneller und umfassender, desto erfolgversprechender. Auf diese Kurzformel lassen sich die Erfahrungen von Patienten bringen, die wegen Rückenschmerzen in einer Praxis für Schmerztherapie behandelt wurden. Die vom Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster durchgeführte Untersuchung zeigt: Patienten, die durch ihre Krankenkasse zur Teilnahme an einem Spezialprogramm in einer solchen Praxis bewegt wurden, können subjektiv ihre Rückenschmerzen besser bewältigen als Menschen, die jahrelang außerhalb dieser Spezialzentren behandelt wurden. Doch auch Patienten mit solchen langjährigen Schmerzkarrieren profitieren von der ganzheitlichen Behandlung in solchen Einrichtungen.

„Wir müssen uns immer im Klaren darüber sein, dass wir aufgrund des Umfangs der Interviews nur eine kleine Auswahl an Patienten befragen konnten. Die Tendenzen gehen jedoch alle in eine ähnliche Richtung.“ So ordnet der Leiter des Aktionsbündnisses Prof. Jürgen Osterbrink die Aussagen ein. Interessant sei vor allem, dass Patienten, die über ein sogenanntes Integriertes Versorgungs-Programm (IV-Programm) ihrer Krankenkasse gezielt zum Schmerzspezialisten geschickt wurden, insgesamt positiver gestimmt sind als solche, die erst nach vielen Jahren hausärztlicher oder orthopädischer Behandlung den Weg dorthin gefunden haben.

Besonderen Therapieform: multimodale Schmerztherapie

Das Besondere an Praxen, die auf Schmerztherapie spezialisiert sind, ist die sogenannte „multimodale Schmerztherapie“. Das ist eine Kombinationstherapie aus z.B. Medikamenten, Physiotherapie, Akupunktur sowie psychologischer Behandlung. „Augenblicklich hat leider nur eine geringe Zahl der Schmerzpatienten Zugang zur dieser besonderen Therapieform“, erläutert Professor Osterbrink.

Die befragten Patienten empfanden diesen interdisziplinären Ansatz als sehr positiv. Man lerne z.B. in der Psychotherapie, den Schmerz mental zu bewältigen. Auch die Physiotherapie wurde als besonders effektiv empfunden. Besonders gelobt wurde zudem, dass die teilnehmenden Schmerztherapeuten sich viel Zeit für Gespräche nahmen. „Das Ganze ist schon aufwendig. Ich musste oft dreimal wöchentlich in die Praxis, aber es lohnt sich auf jeden Fall, berichtet Elke Reher-Beerens. Die 52-jährige Sendenerin kam nach einem Bandscheibenvorfall über ein IV-Programm (Integriertes Versorgungs-Programm) ihrer Krankenkasse zum Schmerzspezialisten.

Bessere Alltagsbewältigung und schnellere Arbeitsaufnahme

Die Teilnehmer am IV-Programm berichteten übereinstimmend, dass sie durch die Behandlung, die in der Regel vier bis acht Wochen dauert, ihren Alltag wieder deutlich besser bewältigen und sogar direkt im Anschluss ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Die anderen befragten Patienten berichteten rückblickend, dass sie wohl zu lange mit dem Aufsuchen eines Schmerzspezialisten gewartet hätten oder erst sehr spät dorthin überwiesen worden wären. Dadurch sei der Schmerz zu einem festen Bestandteil ihres Lebens geworden, der sie in ihrer Alltagsbewältigung sehr belasten würde. Man fühle sich auch auf gewisse Weise begrenzt, weil man zum Teil eingeschränkt in der Arbeit und auch in der aktiven Freizeitgestaltung sei, berichtete der Großteil dieser Langzeitpatienten.

„Sprechende Medizin, also die intensive Gesprächsführung, ist gerade bei Rückenschmerzen unersetzlich. Das Team in der Schmerzpraxis muss viel Aufklärungs- und Detektivarbeit leisten – egal ob es um die richtige Medikamenteneinnahme, die richtige Körperhaltung oder auch die richtige seelische Einstellung geht“, bilanziert Prof. Jürgen Osterbrink. Das Aktionsbündnis werde sich deshalb auch weiterhin im Interesse der Patienten dafür einsetzen, den Ausbau der Schmerztherapie auch auf gesundheitspolitischer Ebene voranzutreiben. „Die multimodale Schmerztherapie muss selbstverständlich werden, damit wir gerade Rückenschmerzpatienten schneller wieder ins Arbeits- und Sozialleben integrieren können.“

Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster
Das Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster unter der Schirmherrschaft von Bundesgesundheitsminister a.D. Daniel Bahr ist ein auf mehrere Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das erstmals über Institutionsgrenzen hinweg die komplexe Versorgung von Schmerzpatienten innerhalb eines städtischen Gesundheitssystems untersucht. Ziel des Aktionsbündnisses ist es, Wissens- und Versorgungslücken im Bereich des Schmerzmanagements an den Schnittstellen städtischer Gesundheitseinrichtungen zu erkennen und zu schließen.

Als methodische Grundlage wurde settingspezifisch sowohl ein quantitatives als auch qualitatives Untersuchungsdesign gewählt. Die Untersuchung in den Krankenhäusern, stationären Altenhilfeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten begann mit der Erhebung des Ist-Zustands des Schmerzmanagements. Als Instrumente dienten Fragebögen für das medizinische und pflegerische Personal sowie für Patienten und Angehörige. Die Ergebnisse aus der Erst-Befragung (Prä-Test) dienten in diesen Settings als Grundlage für die Planung und Umsetzung bedarfsorientierter Maßnahmen zur Verbesserung des Schmerzmanagements in den jeweiligen Einrichtungen. Diese beinhalteten neben individuellen Schulungen zur medikamentösen und nicht-medikamentösen Schmerztherapie vor allem die zielgerichtete Anpassung bestehender Strukturen und Prozesse.

Eine qualitative Herangehensweise wurde bei der Untersuchung des Schmerzmanagements in den Hospizen, bei der Reevaluation der ambulanten Pflegedienste und in den Schmerzpraxen angewandt. Während der Fokus in den Hospizen und ambulanten Pflegediensten auf dem Tumorschmerz lag, konzentrierte sich die Befragung im Forschungsstrang „Schmerzpraxen“ auf chronische Lendenwirbelsäulenschmerzen. Hierzu wurden sowohl Mitarbeiter der Schmerzpraxen als auch betroffene Patienten interviewt. Ziel der Erhebung war es zu analysieren, welche Auswirkungen die präventiven und therapeutischen Maßnahmen der Schmerzpraxis auf das Schmerzerleben der Betroffenen haben und wie sich die Bewältigung des Alltags durch die Behandlung verändert.

Weitere Informationen zum Projekt sind unter www.schmerzfreie-stadt.de abrufbar.

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