Rückblick zur Tagung: „FemiCare und MaskuWork. Geschlechtlichkeiten im Feld der Sorgearbeit“

Wer sich in der Steinzeitfamilie um Kinder und Angehörige gekümmert hat und wie die Geschlechterrollen aufgeteilt waren, können wir nicht wissen. Doch archäologische Funde werden häufig so interpretiert, dass sie in das heutige Bild von Familie und Gesellschaft passen – also Frauen hätten sich gekümmert und nur die Männer seien auf die Jagd gegangen. Das zeigte die Archäologin Brigitte Röder Ende November auf der Tagung „FemiCare und MaskuWork. Geschlechtlichkeiten im Feld der Sorgearbeit“ an der Hochschule Landshut. Die Professorin für Ur- und Frühgeschichte der Universität Basel bereitete mit ihrem Vortrag „Care in der Urgeschichte“ den Boden für die Diskussion aktueller Herausforderungen: Fürsorge wird mit Weiblichkeit verbunden, ist häufig schlecht oder gar nicht bezahlt und moralisch aufgeladen.

Fürsorge: privat oder öffentlich?

In sechs Panels nahmen die rund 60 Teilnehmer die Verflechtungen von Geschlecht (gender) und Fürsorge (care) unter die Lupe. Etwa auch die Frage: Was gilt als öffentlich und was als privat? Diese Definition ist essenziell, damit Fürsorge als Arbeitstätigkeit anerkannt wird. Die Soziologin Karin Jurczyk (München/ForGenderCare), der Blogger und Autor Jochen König und Thomas Bannasch von der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Bayern zeigten auf, wie unterschiedlich Privatheit und Männlichkeit miteinander verknüpft sein können: für einen bloggenden Vater, der sein Privatleben teilweise digital veröffentlicht – oder als Mensch mit Behinderung, für den Teilhabe auch bedeuten muss, über Assistenzleistungen selbst entscheiden zu dürfen.

Die Historikerinnen Susanne Kreutzer und Sylvia Schraut widmeten sich in ihrem Panel der Geschichte. Ein Ergebnis: Fürsorgetätigkeiten hatten für Frauen immer auch mit Emanzipation zu tun. Diakonissen beispielsweise genossen zu ihrer Zeit relativ viel Autonomie. Und Erziehungsratgeber verdeutlichten, wie sich Familienideale wandelten, zeigte der Soziologe Karl Lenz aus Dresden: Sie wurden lange nur für Mütter verfasst und erst im späteren 20. Jahrhundert zu Elternratgebern umgeschrieben.

Welchen Einfluss haben transkulturelle Dynamiken auf gender und care? Das diskutierten Sophie Elixhauser und Isabelle Riedling vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften mit dem Landshuter Sozialpsychologen Mihri Özdoğan und der Münchener Soziologin Maria Rerrich von der Hochschule München. Dabei wurde deutlich, dass transnationalen Familien häufig im Alltag mit Rassismus zu kämpfen haben. Und dass aktuelle Care-Arrangements im Haushalt häufig nur deshalb praktikabel sind, weil Migrantinnen prekär als Haushaltshelferinnen beschäftigt werden.

Männermangel in Care

Die Forderung nach mehr Männern in Pflege- und Erziehungsberufen und Sozialer Arbeit wurde in einem weiteren Panel aufgegriffen. Frank Luck von der Universität Basel machte auf die Vielfalt von Männlichkeitskonzepten aufmerksam, die auch einer Hierarchisierung unterliegen. Renate Kosuch, Sozialpsychologin an der TH Köln, und Almut von Woedtke, Gleichstellungsfachfrau aus Hannover, sprachen über problematische Aspekte bei Männerförderung in klassischen Frauendomänen wie Pflegeberufen – beispielsweise wenn dabei Frauen zugeschriebene Tätigkeiten entwertet werden.

Um soziale und genetische Verwandtschaft drehte sich das weitere Panel. Kathrin Peltz und Luisa Streckenbach forschen zu bayerischen Vätern in Elternzeit. Sie zeigten, dass das Elterngeld nicht per se die gleichberechtigte Arbeitsaufteilung in Paarbeziehungen fördert – und dass homosexuelle Paare für den Elterngeldbezug mehr Voraussetzungen erfüllen müssen als heterosexuelle. Daran knüpfte Autorin Stephanie Gerlach an, die die rechtliche Situation von Regenbogenfamilien darstellte. Abschließend zeigte Gesine Agena, die frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, alternative Konzepte und Ideen zur Familienförderung auf, die auch eine soziale Elternschaft rechtlich absichern und längere Familienzeit ermöglichen sollen.

Im fünften Panel wurde diskutiert, wie technische Veränderungen den Care-Bereich und die Vergeschlechtlichung von Care beeinflussen. Sabine Erbschwendtner (Vallendar) beleuchtete aus einer historischen Perspektive, wie sich die Pflege professionalisiert hat. Besonders ging sie darauf ein, wie die männlich konnotierte Technik diese „weibliche“ Profession verändert. Anschließend warf Susanne Ihsen (Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften, TU München) einen kritischen Blick auf technische Neuerungen und die Möglichkeiten, Technik gender- und diversitygerecht zu gestalten.

Veranstaltet wurde die Tagung durch den Bayerischen Forschungsverbund ForGenderCare. Dieser erforscht bis 2019 die vielfältigen Zusammenhänge von Geschlecht und Fürsorge und stellt die Ergebnisse unterschiedlichen Praxisfeldern zur Verfügung. Elf bayerische Forschungseinrichtungen arbeiten dabei in zwölf Projekten zusammen. Sie sind gruppiert um die Cluster „Technik und Medien“, „Organisation und Arbeit“, „Familie und private Lebensformen“ sowie „Normative Fragen“. Das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst fördert ForGenderCare mit 3,2 Mio. Euro.

Kontakt:
Dr. Susanne Schmitt
Geschäftsführerin Bayerischer Forschungsverbund ForGenderCare
Institut für Soziologie
Konradstr. 6
80801 München
geschaeftsfuehrung@forgendercare.de

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