Reizdarmsyndrom: Finanzspritze für ein Stiefkind der medizinischen Forschung

Die Erforschung des Reizdarmsyndroms steht noch am Anfang, nur wenig ist bekannt über Ursachen, Auslöser oder die Zusammenhänge einzelner Symptome und möglicher Genveränderungen. Große internationale Studien gibt es bisher nicht. Diesem Defizit nimmt sich ein internationales Projekt der niederländischen und der deutschen Fachgesellschaft für Gastroenterologie unter Federführung zweier Wissenschaftler aus Heidelberg und Maastricht an, das nun mit dem UEG LINK Award der Dachorganisation „United European Gastroenterology“ (UEG) ausgezeichnet worden ist. Mit Hilfe des Preisgeldes in Höhe von 100.000 Euro will das Projektteam um Professor Dr. Ad Masclee von der Maastricht Universität und Privatdozentin Dr. Beate Niesler vom Universitätsklinikum Heidelberg umfangreiche Diagnoseprotokolle und Fragebögen zur genauen Charakterisierung der Beschwerden in vier europäischen Ländern einführen und auf ihre Praxistauglichkeit überprüfen. Ziel ist es, die Erfassung von Studienteilnehmern zu standardisieren und damit die Voraussetzung für länderübergreifende Studien zu schaffen. Darüber hinaus sollen die Fragebögen in der klinischen Praxis unmittelbar dazu beitragen, die Symptome der einzelnen Patienten genauer zu erfassen, so die Diagnose zu erleichtern und die Therapie zu verbessern.

„Bisher ist das Reizdarmsyndrom noch zu wenig greifbar, Diagnostik und Therapie gleichen der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Das ist höchst frustrierend für die Patienten, die sich häufig nicht ernst genommen fühlen, aber auch für die Ärzte. Trotzdem findet die Reizdarm-Forschung noch wenig Beachtung, sowohl im wissenschaftlichen Kontext als auch bei der Vergabe von Fördergeldern“, sagt Dr. Niesler, Leiterin der Arbeitsgruppe „Genetik neurogastroenterologischer Erkrankungen“ des Universitätsklinikums Heidelberg und stellvertretende Sprecherin des ausgezeichneten Projekts „HELP EU in IBS“ (Irritable Bowel Syndrome). „Daher freuen wir uns jetzt besonders über die Unterstützung der Fachgesellschaften.“

Schmerzsyndrom, Depression, Schäden der Darmschleimhaut: Verschiedene Erkrankungen gehen mit Reizdarm einher

Rund acht Millionen Betroffene in Deutschland leiden oft über Jahre unter Bauchschmerzen, Verstop-fung oder Durchfall, häufig begleitet von weiteren Erkrankungen wie Migräne, Fibromyalgie, chronische Müdigkeit, Angststörungen und De¬pressionen. Diese unter dem Begriff Reizdarmsyndrom zusammengefassten Beschwerden beeinträchtigen die Lebensqualität beträchtlich: Je nach Art und Schwere der Symptome können Betroffene das Haus kaum noch verlassen, Beruf und Hobbys nicht mehr nachgehen. Die Diagnose erfolgt derzeit über den Ausschluss anderer Erkrankungen, bei der Behandlung muss ausprobiert werden: Was bei dem einen Patienten die Symptome lindert, z.B. spezielle Entzündungshemmer oder auch Antidepressiva, bleibt beim anderen wirkungslos – ein langwieriger Prozess, der bei vielen Patienten nicht zum Erfolg führt.

„Den „typischen“ Reizdarm-Patienten gibt es nicht. Wir gehen davon aus, dass es sich beim Reizdarmsyndrom um mehrere verschiedene Erkrankungen handelt, die entsprechend auch unterschiedlich behandelt werden müssen“, erklärt Niesler. „Um den Ursachen oder Auslösern der jeweiligen Erkrankungsbilder auf die Spur zu kommen, ist es sinnvoll, Untergruppen zu definieren, je nachdem, ob der Reizdarm z.B. zusammen mit bestimmten Unverträglichkeiten, psychischen Erkrankungen, Schmerzsyndromen oder geringgradiger Entzündung der Darmschleimhaut einhergeht oder möglicherweise nach einer akuten Infektion auftrat.“

Standardisierte Diagnoseprotokolle liefern vergleichbare Patientendaten

2012 rief sie das fachübergreifende Netzwerk GENIEUR (Genes in Irritable Bowel Syndrom Europe) ins Leben, den ersten groß angelegten Ansatz zur interdisziplinären Erforschung des Reizdarmsyndroms. In GENIEUR haben Wissenschaftler aus 21 europäischen Ländern zunächst gemeinsam ein einheitliches Protokoll zur Charakterisierung der Patienten etabliert, um nun Patientenproben und -daten für systematische Studien zu sammeln. Langfristiges Ziel ist es nicht nur, charakteristische Veränderungen im Erbgut der Betroffenen mit verschiedenen Krankheitsvarianten zu finden, sondern auch, einheitliche Diagnosekriterien für die Untergruppen zu definieren, damit Patienten schneller von einer geeigneten Therapie profitieren – oder ihnen umgekehrt unpassende Behandlungen erspart bleiben.

Die im Zuge von GENIEUR zusammengestellten und evaluierten Diagnoseprotokolle und Fragebögen werden nun im Rahmen des geförderten Projekts in Ländern etabliert, in denen es bisher keine (genetische) Forschung zum Reizdarmsyndrom gab. Als Projektpartner konnten die gastroenterologischen Fachgesellschaften von Norwegen, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Malta gewonnen werden. „Letztlich schafft dieses Projekt erst die Infrastruktur für die weitere Forschung. Nur wenn Patientendaten überall nach den gleichen Standards erhoben werden, sind sie vergleichbar und aussagekräftig“, so Niesler. Das ist wichtig für die Umsetzung großer internationaler Studien mit sehr vielen Studienteilnehmern: „Nur so können Ursachen und Zusammenhänge des Reizdarmsyndroms sichtbar werden.“ Die neu eingeführten Diagnoseprotokolle schaffen einen neuen Standard in der Reizdarmforschung und verbessern künftig die Versorgung der Reizdarmpatienten vor Ort – durch eine zielgerichtete Erfassung nicht nur der gastrointestinalen Symptome, klare Informationen für die Ärzte und in Folge eine bessere Beratung der Patienten.

Kontakt:
Priv.-Doz. Dr.rer.nat. Beate Niesler
Abteilung Molekulare Humangenetik
Institut für Humangenetik
Universitätsklinikum Heidelberg
Tel.: 06221 / 56-5058
E-Mail: beate.niesler@med.uni-heidelberg.de

Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät Heidelberg
Krankenversorgung, Forschung und Lehre von internationalem Rang

Das Universitätsklinikum Heidelberg ist eines der bedeutendsten medizinischen Zentren in Deutschland; die Medizinische Fakultät der Universität Heidelberg zählt zu den international renommierten biomedizinischen Forschungseinrichtungen in Europa. Gemeinsames Ziel ist die Entwicklung innovativer Diagnostik und Therapien sowie ihre rasche Umsetzung für den Patienten. Klinikum und Fakultät beschäftigen rund 12.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und engagieren sich in Ausbildung und Qualifizierung. In mehr als 50 klinischen Fachabteilungen mit ca. 1.900 Betten werden jährlich rund 66.000 Patienten voll- bzw. teilstationär und mehr als 1.000.000 mal Patienten ambulant behandelt. Das Heidelberger Curriculum Medicinale (HeiCuMed) steht an der Spitze der medizinischen Ausbildungsgänge in Deutschland. Derzeit studieren ca. 3.500 angehende Ärztinnen und Ärzte in Heidelberg. www.klinikum.uni-heidelberg.de

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