Rege Diskussion zur Masern-Impfpflicht in historischen Gemäuern

Veranstalter des Abends war die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS) e.V. – eine medizinische Fachgesellschaft der AWMF.
Ziel war es, den Gesetzentwurf noch einmal auf den Prüfstand zu stellen, um so unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden und die Bürgerinnen und Bürger über die Vor- und Nachteile wissenschaftlich fundiert zu informieren. Dabei wurde u.a. den Fragen nachgegangen, ob sich der Eingriff in die Selbstbestimmung des Bürgers lohnt, was mit den erhobenen Daten geschieht und wie ein digitaler Impfpass die Bürger unterstützen kann.

Eröffnet wurde der Abend vom Präsidenten der GMDS, Professor Dr. Alfred Winter aus Leipzig. Der Medizininformatiker erläuterte, dass die GMDS für die Gesundheit der Gesellschaft Verantwortung mittragen würde. Denn das Ziel der GMDS sei es, „Krankheiten vorzubeugen und zu heilen, sowie deren Ursachen besser verstehen zu können“. Die GMDS „tue das nicht mit Medikamenten oder mit dem Skalpell in der Hand, sondern durch die Gewinnung, die Analyse und Bereitstellung von Daten über Gesundheit und Krankheit.“

Im Anschluss lieferte Prof. Dr. Andreas Stang vom Universitätsklinikum Essen Impulse aus der Epidemiologie. Hinsichtlich der Frage, ob sich eine Impfpflicht lohnt, konstatierte der Zweite Vizepräsident der GMDS, dass man „die Vorteile, aber auch die Nachteile einer Impfung kennen muss“. Dabei sei es erforderlich, zwei Blickwinkel einzunehmen. Einerseits den Nutzen für das Individuum und auf der anderen Seite den kollektiven Nutzen für die Gesellschaft. „Einer Masern-Impfung eher ablehnend stehen nur sieben Prozent der Bevölkerung gegenüber, der Rest ist schlichtweg schlecht informiert“, so Stang.

Prof. Dr Harald Binder vom Universitätsklinikum Freiburg nahm die Perspektive der Biometrie ein und betonte, dass „abhängig von der Fragestellung die Evaluation nicht nur auf Sekundärdaten beruhen sollte, als Datenquelle könne beispielweise auch ein elektronischer Impfausweis dienen“. Binder forderte, dass für die im Gesetzestext verankerte Evaluation auch die zu beantwortenden Fragen geklärt werden müssten, „damit nicht in 10 Jahren zwar viele Daten gesammelt wurden, die wichtigen Fragen, aber doch nicht beantwortet werden können.“

Aus Sicht der Medizinischen Informatik konstatierte Prof. Dr. med. Sylvia Thun von der Charité Berlin, dass die digitale Bereitstellung und Evaluation der Daten gewährleistet sein müsse. „Wir brauchen den digitalen Impfpass als Teil der elektronischen Patientenakte und gleichzeitig internationale Standards, wie etwa SNOMED CT und HL7. In Deutschland kommen beispielsweise bisher keine einheitlichen Maßeinheiten zur Anwendung, was die Patientensicherheit gefährdet“, so Thun. „Gebt uns gemeinsame weltweit lesbare Standards, denn ohne gemeinsame Sprache kann man nicht kommunizieren“, fügte die Informations- und Kommunikationstechnologin und Ärztin hinzu. Die Politik müsse die Software-Hersteller dazu „zwingen“, internationale Standards einzuhalten.

In der Podiumsdiskussion, die vom Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE, Essen), Prof. Dr. Karl-Heinz Jöckel moderiert wurde, zeigte sich wie Wissenschaft und Politik Hand in Hand arbeiten können. Die Bundestagsabgeordnete Kordula Schulz-Asche von Bündnis 90/ Die Grünen und Mitglied im Gesundheitsausschuss, machte deutlich, dass Sie die Impfung gegen Masern für notwendig halte, aber gegen eine generelle Impfpflicht sei. „Es fehlt aber an einer nationalen Impfstrategie, die verschiedene Aufklärungskampagnen für verschiedene Gruppen macht, zum Beispiel, um ungeimpfte Erwachsene zu erreichen“, so die Abgeordnete.

Im Verlauf des Abends gab es auch immer wieder engagierte Debatten. Dr. Martin Terhardt, Mitglied der STIKO, kritisierte, dass den Gefahren, die durch eine Masern-Impfung entstehen können, zu viel Bedeutung geschenkt würde. „Wir wissen ganz viel über die Sicherheit des Masern-Impfstoffes“, so Terhardt. „Es gibt kaum Medikamente, die so gut auf ihre Sicherheit hin untersucht werden, wie Impfstoffe.“ Andreas Stang fügte hinzu, dass die Masern-Impfung deshalb so im Fokus der Wissenschaft stehe, „weil eine Impfpflicht gesetzlich eingefordert werden soll, die wir sonst so nicht kennen.“ Der Bürger habe „den Anspruch darauf, dass evaluiert werden kann“, so Stang.

Malin Krämer, Assistenzärztin in der Unfallchirurgie/ Orthopädie, bemängelte, dass die Zielgruppe in der Debatte um die Masern-Impfpflicht verfehlt würde. „Es geht im Grunde um das Wohl der Kinder und hier muss das Recht der Eltern auf Selbstbestimmung eindeutig hinter dem Recht der Kinder auf Gesundheit stehen“, so Krämer. Mindestens genauso wichtig sei aber das Recht auf „neue und adäquate Technologien“, ergänzte Prof. Dr. Thun. „Es geht ja nicht nur um die Impfung selbst, sondern auch um die Instrumente, mit denen die Daten erhoben werden – und somit auch um Digitalisierung“.

Die Erwartungen an den Parlamentarischen Abend wurden aus Sicht des Präsidenten der GMDS, Prof. Dr. Alfred Winter weit übertroffen. „Es gab viele konstruktive Antworten, etwa auf die Frage, welche Daten notwendig sind, um zu überprüfen, ob die Einführung einer Impfpflicht dazu führt, dass die Durchimpfungsrate besser wird.“ Dabei sei eine „Unterstützung durch die digitalen Medien, etwa durch einen digitalen Impfausweis unerlässlich“, so Winter.

In einem Punkt waren sich die Beteiligten an dem Abend alle einig: Die Masern-Impfung verursacht keinen Schaden, im Gegenteil, der Nutzen für den Einzelnen und für die Bevölkerung ist wesentlich höher als mögliche Gefahren. Die Evaluation muss dabei aber von Anfang an mit geplant werden.

Einen Zusammenschnitt der Veranstaltung können Sie demnächst im GMDS-YouTube-Kanal (https://www.youtube.com/channel/UCgunfQtV2Ba0tEdik2rRudw) sehen.

Autor
Dr. Lars Ziegenhain, Wissenschaftlicher Mitarbeiter GMDS e.V.

Über die GMDS e. V.

Die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie e. V. ist mit derzeit ca. 2.000 Mitgliedern die einzige wissenschaftliche Fachgesellschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die die fünf Disziplinen Medizinische Informatik, Medizinische Biometrie, Epidemiologie, Medizinische Dokumentation und Medizinische Bioinformatik und Systembiologie gemeinsam vertritt. Sie kooperiert mit einer Reihe benachbarter Fachgesellschaften und Verbände. Zudem entwickelt sie die Fachgebiete weiter durch sachverständige Repräsentation u. a. bei der Planung von Förderungsmaßnahmen der Öffentlichen Hand, bei Fragen der Standardisierung und Normung, bei der Errichtung von Lehrinstitutionen, bei Ausbildungs-, Weiter- und Fortbildungsfragen und bei gesetzgebenden Maßnahmen.

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