Ralph Hertwig ist neuer Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Hertwig, der zuvor Professor für Kognitionswissenschaft und Entscheidungspsychologie und Dekan der Fakultät für Psychologie an der Universität Basel war, ist Experte für die kognitiven Grundlagen menschlichen Entscheidens. In seiner Forschung grenzt er sich von einer verbreiteten These seiner Profession deutlich ab: „Wir stimmen explizit nicht mit dem Glauben vieler Erforscher des menschlichen Geistes und Gehirns überein, der besagt, dass die Lösung komplexer Probleme komplexe kognitive Strategien und Algorithmen erforderlich mache“, erklärt der neue Direktor eine Grundannahme seines Forschungsbereichs. Stattdessen könne effizientes Denken, Entscheiden und Verhalten mithilfe von einfachen adaptiven Heuristiken beschrieben werden, so Hertwig weiter. Diese Heuristiken – einfache Regeln und Strategien, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen – sind erstaunlich leistungsfähig, weil sie zum Beispiel gut unter Bedingungen begrenzten Wissens funktionieren oder sich kognitive Einschränkungen wie das Vergessen zunutze machen können.

Zurück oder in die Zukunft: Wie entscheiden sich Zeitreisende?

Ein besonderes Augenmerk wird der Psychologe auf die Frage richten, welche Rolle adaptive Heuristiken in sozialen Umwelten spielen, also beispielsweise: Wie verteilen wir unsere begrenzten Ressourcen auf andere, und wie können wir von der „Weisheit von vielen“ in wichtigen Entscheidungssituationen profitieren? Wie und ob sich Entscheidungsprozesse über die Lebensspanne verändern, steht ebenfalls im Fokus der Forschung. Dabei hat sich der gebürtige Heilbronner auch schon mit imaginären Zeitreisen beschäftigt und nachgewiesen, dass sich ältere Menschen, entgegen altersbezogenen Stereotypen, nicht vorwiegend der Vergangenheit zuwenden, sondern lieber in die Zukunft reisen würden. Hertwig: „Derartige Forschungsarbeiten bieten Einblicke in die Psychologie des Alters, die wir besser verstehen wollen.“

Weitere Themen, mit denen sich der neue Forschungsbereich „Adaptive Rationalität“ beschäftigen wird, sind die biologischen Grundlagen von Risikoverhalten, der Nutzen kognitiver Beschränkungen und die Frage, wie man Ärzten, Patienten und Angehörigen helfen kann, schwierige medizinische Entscheidungen zu treffen.

Interdisziplinarität und Vielfalt der Methoden

Mit seinem internationalen und interdisziplinären Team, das sich aus Psychologen, Neurowissenschaftlern, Ökonomen, Philosophen, Biologen und Mathematikern zusammensetzt, will Hertwig Prozessmodelle der Informationssuche und des Entscheidens mit einer Vielzahl an Methoden testen, darunter Experimente, Umfragen und Computersimulationen. Neurowissenschaftliche Zugänge wie die Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns (Elektroenzephalografie, kurz EEG), Gehirnstimulationen mithilfe von Magnetfeldern (Transkranielle Magnetstimulation, kurz TMS) und die funktionelle Magnetresonanztomografie zur Darstellung von Reaktionen des Gehirns auf externe Reize (fMRT) kommen ebenfalls zum Einsatz.

Lebenslauf:
Ralph Hertwig studierte Psychologie an der Universität Konstanz, wo er 1995 mit einer Arbeit über statistisches Denken promoviert wurde. Er habilitierte 2003 an der Freien Universität Berlin über das Thema der begrenzten Rationalität. Von 2003 bis 2012 war er Professor an der Universität Basel. Er hat verschiedene Preise erhalten, darunter 2006 den Charlotte- und Karl-Bühler-Preis der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, und ist seit 2010 Mitglied der Leopoldina. Seit dem 1. Oktober 2012 ist Hertwig Direktor des Forschungsbereichs „Adaptive Rationalität“ und wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Ausgewählte Publikationen:
Hertwig, R., Hoffrage, U., & the ABC Research Group (in press). Simple heuristics in a social world. New York: Oxford University Press.

Gigerenzer, G., Hertwig, R., & Pachur, T. (Eds.). (2011). Heuristics: The foundations of adaptive behavior. Oxford: Oxford University Press.

Hertwig, R. (2012). The psychology and rationality of decisions from experience. Synthese, 187, 269-292.

Hills, T., & Hertwig, R. (2011). Why aren’t we smarter already? Evolutionary trade-offs and cognitive enhancements. Current Directions in Psychological Science, 20, 373-377.

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung:
Das MPI für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.

Kontakt:
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
Dr. Britta Grigull
Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: +49 (0)30 82406-211
grigull@mpib-berlin.mpg.de

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