Psychotherapeuten-Ausbildung: Hochschulen für angewandte Wissenschaften nicht ausschließen

Bislang verläuft die Ausbildung für Psychotherapeuten mehrstufig. Die angehenden Therapeuten studieren Psychologie, Soziale Arbeit oder Pädagogik und absolvieren im Anschluss eine teure mehrjährige Zusatzausbildung zum Psychotherapeuten. Weil Soziale Arbeit ein beliebter Studiengang an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist und sich viele der Absolventen zum Psychotherapeuten weiterbilden lassen, sind heute ungefähr 75 Prozent aller Kinder- und Jugendpsychotherapeuten Absolventen einer Hochschule für angewandte Wissenschaften (Fachhochschule).

Der Gesetzentwurf sieht statt der teuren Weiterbildung nach dem Studium ein Psychotherapiestudium vor. Diese Idee findet auch bei Borg-Laufs Zustimmung, der am Fachbereich Sozialwesen Theorie und Praxis psychosozialer Arbeit mit Kindern lehrt und in Berlin den bundesweiten Fachbereichstag Soziale Arbeit vertritt. Wogegen er und die Hochschulen für angewandte Wissenschaften sich wehren: Der neue Studiengang soll laut Gesetzentwurf ausschließlich an Universitäten angeboten werden.

Borg-Laufs führt diese „massive Ausgrenzungspolitik“ auf Standesdünkel der psychologischen Institute der Universitäten zurück. Diese wollten mit den Medizinern aufschließen und schlössen deswegen bewusst die Fachhochschulen aus. „Das halten wir für einen eklatanten Fehler“, sagt Borg-Laufs. „Gerade für die Psychotherapie braucht es Praxis und Anwendung. Beides sind die Stärken unseres Hochschultyps.“ Außerdem sei es bei der Psychotherapie wichtig, alle anerkannten psychotherapeutischen Verfahren anzubieten. Dies sei nur an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften gegeben. An den Universitäten dagegen lehrten fast ausschließlich Verhaltenstherapeuten. „Die Hochschulen für angewandte Wissenschaften bieten ein breiteres Spektrum an, welches den Patienten nur Vorteile bringt.“

Besonders brisant: Weil viele praktizierende Therapeuten über 55 Jahre alt sind, wird der Bedarf an gut ausgebildeten Psychotherapeuten in den nächsten zehn Jahren erheblich steigen. In dieser Situation die Hochschulen für angewandte Wissenschaften, die über ihre Studiengänge Soziale Arbeit oder Sozialpädagogik einen Großteil der späteren Kinder- und Jugendpsychotherapeuten stellen, von der Ausbildung auszuschließen, sei ein Irrweg: „Damit wird der Mangel an Psychotherapeuten noch größer, die Wartezeiten nehmen zu. Für die Kranken ist das eine schlechte Nachricht.“

Weil das Studium der Sozialen Arbeit, wie es zum Beispiel an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach angeboten wird, auf die Arbeit in der Jugendhilfe vorbereitet, ist die Arbeit mit belasteten Kindern, Jugendlichen und deren Familien dort ein zentraler Kompetenzbereich. Viele Verbände, Akteure und politische Parteien sehen das ähnlich. Am Mittwoch spricht Michael Borg-Laufs im Bundestag als Experte bei der Anhörung zur Überarbeitung des Gesetzes.

Pressekontakt: Dr. Christian Sonntag, Referat Hochschulkommunikation, Tel.: 02151 822 3610; E-Mail: christian.sonntag@hs-niederrhein.de

Die Hochschule Niederrhein ist mit derzeit 14.500 Studierenden eine der größten und leistungsfähigsten Hochschulen für angewandte Wissenschaften Deutschlands mit Standorten in Krefeld und Mönchengladbach. Ihr Profil in Lehre und Forschung verbindet Technik und Gesellschaft. Mit über 80 Bachelor- und Masterstudiengängen eröffnet sie jungen Menschen Perspektiven. Dank einer problem- und transferorientierten Forschung ist sie innovativer Impulsgeber für die Unternehmen der Region und sorgt dafür, dass unsere Gesellschaft gut vorbereitet an Herausforderungen herangehen kann. Die Hochschule Niederrhein wurde 1971 gegründet. Ihre Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1855, als die Crefelder Höhere Webeschule gegründet wurde.

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