Psychische Störungen gefährden die Gesundheits- und Sozialsysteme – Eine 6-Punkte Forschungs-Agenda

Angesichts weiter steigender Kosten für psychische Störungen bei einer defizitären Versorgungssituation auf der einen und dem wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt auf der anderen Seite ist ein weiteres Abwarten und Zögern keine Handlungsoption mehr. Zu diesem Ergebnis kommen führende europäische Forscher zusammen mit einer Forschergruppe des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden als Mitinitiatoren und Koordinatoren des Programms in einer heute veröffentlichten Publikation. Sie zeigen auf, dass eine stringente Ausrichtung der Forschung auf sechs Schlüsselthemen in den nächsten fünf bis zehn Jahren das Potenzial hat, die Versorgung und Behandlung psychischer Störungen entscheidend zu verbessern und zugleich die immensen krankheitsbezogenen Kosten zu reduzieren.

Die 6-Punkte Forschungs-Agenda

1. Prävention psychischer Störungen/Förderung psychischer Gesundheit – Fokus auf junge Menschen

2. Fokus auf die Auffindung der kausalen Krankheits-Mechanismen psychischer Störungen

3. Bildung von „Big Data“ Zentren zusammen mit nationalen und internationaler Konsortien für die Erforschung psychischer Gesundheit

4. Entwicklung und Implementation innovativer e-health Behandlungsformen für psychische Störungen und deren Prävention

5. Entstigmatisierung psychischer Störungen und Einbezug von Betroffenen und Behandlern

6. Vergleichende Forschung zu Gesundheits- und Sozialsystemen

Hintergrund

Neueste europäische und deutsche Forschungsergebnisse (siehe Deutscher Gesundheitssurvey, DEGS) zeigen, dass psychische Störungen für über 20% der gesamten Krankheitslast in der deutschen Bevölkerung verantwortlich sind. Und das, wie Analysen der Krankheitstage und Diagnosenhäufigkeit zeigen, mit steigender Tendenz. Psychische Störungen leisten damit – über das große persönliche Leiden für die Betroffenen selbst und ihre Familien hinaus – den größten Einzelbeitrag zur Minderung des gesellschaftlichen Arbeitskräftepotenzials. In Deutschland berichten Betroffene mit einer psychischen Störung annähernd dreimal so viele Krankheits- und eingeschränkte Produktivitätstage wie psychisch gesunde Personen.

Die Forscher berechnen konservativ die sozialen und wirtschaftlichen Jahreskosten für Deutschland auf 122 Milliarden Euro. Dabei sind die direkten Ausgaben für Diagnose und Therapie – anders als im Vergleich zu den meisten körperlichen Erkrankungen – mit ca. 35 Milliarden Euro proportional relativ niedrig. Dies ist nicht nur ein Hinweis auf die im Vergleich zu anderen Volkskrankheiten (Diabetes, kardiovaskuläre und Krebserkrankungen) niedrigen durchschnittlichen Behandlungs-Fallkosten sowie das eminent hohe Ausmaß der Unterbehandlung. Vielmehr kommt in dem Missverhältnis direkter Behandlungskosten gegenüber indirekten Kosten das große Behinderungspotential psychischer Störungen zum Ausdruck. Sie gehören nicht nur aufgrund ihrer Häufigkeit, sondern auch aufgrund ihrer „teuren“ Einschränkungsprofile zu den führenden Herausforderungen des 21. Jahrhunderts im Gesundheitsbereich. Trotz alledem und obwohl Politiker seit Jahren für einen Wandel plädierten, werden für die Erforschung psychischer Störungen nur etwa 5,5% des gesamten gesundheitsbezogenen Haushalts bereitgestellt. Zudem liegt das Fördervolumen insgesamt mehrfach unter den Forschungsaufwendungen, das für andere Volkskrankheiten zur Verfügung steht.

Weitere Informationen über das Forschungsprogramm ROAMER unter http://www.roamer-mh.org/

Der Artikel „Mental health research priorities for Europe“ ist online verfügbar unter http://www.thelancet.com/journals/lanpsy/article/PIIS2215-0366%2815%2900332-6/abstract.

Informationen für Journalisten:
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der TU Dresden
Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen
Tel.: 0351 463-38577
E-Mail: hans-ulrich.wittchen@tu-dresden.de

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