Psychische Erkrankungen als Wechselwirkung zwischen Genen und Lebensgeschichte

An den Genen kommt auch die moderne Psychiatrie nicht vorbei. Schizophre-nie, die bipolare (manisch-depressive) Erkrankung oder auch Depression, nahezu alle häufigen psychischen Störungen sind genetisch beeinflusst. Die moderne Psychiatrie sucht deshalb intensiv nach neuen Behandlungsstrategien, die bei den Ursachen an-setzen können. Der Blick auf die Gene verspricht, psychische Erkrankungen individu-eller erkennen und behandeln zu können. So könnte der Blick auf die Gene hilfreich sein, um den Erfolg einer Behandlung vorauszusagen oder Nebenwirkungen von Me-dikamenten vorab einzuschätzen.

In der klinisch-genetischen Forschung arbeiten Grundlagenforscher wie Genetiker und Epidmiologen mit Medizinern in der klinischen Praxis eng zusammen. In der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) wurde dazu ein Forschungsschwerpunkt „Psychiatrische Genetik“ an der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie eingerichtet. Die Leitung des Forschungsschwerpunktes hat der Mediziner und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Prof. Dr. Thomas G. Schulze. Mit seiner Forschung möchte er die Grundlagen schaffen, dass für Menschen mit psychischen Erkrankungen Behand-lungsstrategien entwickelt werden können, die noch mehr als bisher auf die individuel-len Gegebenheiten des Patienten eingehen.

„Psychiatrisch-genetische Forschung ist kein Neuland. Aber was bisher fehlt, ist die Orientierung an klinisch-relevanten Fragestellungen“, sagt Prof. Dr. Thomas Schulze. „Bisher hat sich die Forschung vor allem auf Diagnosegruppen konzentriert, also da-rauf, ob zum Beispiel jemand eine Schizophrenie oder bipolare Störung hat. Für den Patienten, seine Angehörigen und den Arzt ist aber die Frage, wie jemand auf eine Therapie anspricht oder wie sich die Symptomatik über die Zeit ändert von viel größerer praktischer Relevanz als die Einordnung in eine Diagnosegruppe. Daher wollen wir die Behandlung von Patienten mit einer schizophrenen und bipolaren Erkrankung über einen längeren Zeitraum untersuchen.“ Die Forscher interessieren sich dabei beson-ders für mögliche genetische und neurobiologische Determinaten des Verlaufs. Die Erkenntnisse der Forschung sollen klären, warum es unter den bisherigen Behand-lungsstrategien zu Rückfällen kommt und warum einzelne Patienten auf bestimmte Behandlungsverfahren nicht ansprechen. Diese Fragen möchte Prof. Schulze gemeinsam mit Partnern in der Region untersuchen. Ein „PsychoseZentrum Nieder-sachsen“ ist im Aufbau. Hierbei soll intensiv mit den psychiatrischen Lehrkrankenhäusern der Universitätsmedizin Göttingen in Niedersachsen, Nordhessen und Bremen zusammengearbeitet werden, um große Patientenkohorten für diese Forschung zu erreichen. Die gewonnenen Biomaterialen, zum Beispiel DNS oder Proteine, sollen in einer modernen Biobank so aufbewahrt werden, dass sie der Wissenschaft für die Bearbeitung möglichst vieler Fragestellungen auch noch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten zur Verfügung stehen.

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