Promotionsfeier für 102jährige Kinderärztin im UKE

Bei der Feierstunde im Erika-Haus, dem restaurierten ehemaligen Schwesternwohnheim des UKE, beglückwünschten Prof. Dr. Burkhard Göke, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des UKE, Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus, Dekan der Medizinischen Fakultät und UKE-Vorstandsmitglied, und Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin und Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung der Freien und Hansestadt Hamburg, Prof. Dr. Dr. Syllm-Rapoport zu ihrer Promotion.

„Nach fast 80 Jahren ist es insbesondere durch den Einsatz unseres Dekans gelungen, ein Stück Gerechtigkeit wiederherzustellen. Das erfüllt uns mit Genugtuung. Wir können geschehenes Unrecht nicht ungeschehen machen, aber unsere Einsichten in die Vergangenheit prägen unsere Perspektiven für die Zukunft“, sagte Prof. Dr. Burkhard Göke.

„Seit dem 125. Geburtstag des UKE stolpern Patienten und Besucher im wahrsten Sinne des Wortes über die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit im Universitätsklinikum. Die Stolpersteine vor unserem Haupteingang erinnern an die 1933 und 1934 entlassenen `nicht-arischen` Mitglieder des Lehrkörpers der Medizinischen Fakultät der Universität Hamburg. Die heutige Promotionsfeier für Prof. Rapoport ist ein Zeugnis dafür, dass wir uns der geschichtlichen Verantwortung stellen. Hochachtung vor der akademischen Leistung von Frau Rapoport in ihrem hohen Alter!“, so Prof. Dr. Dr. Uwe Koch-Gromus.

Senatorin Katharina Fegebank dankte dem UKE für diese „wunderbare geschichtsbewusste Geste“: „Die Entscheidung, die Doktorarbeit nach so langer Zeit anzuerkennen und Frau Prof. Syllm-Rapoport nachträglich zu promovieren, hat zu Recht international große Beachtung gefunden. Das Beispiel von Frau Rapoport zeigt, wie kostbar die Freiheit ist, studieren zu können, was man will, und den Berufsabschluss oder akademischen Grad zu erreichen, den man möchte – unabhängig von Herkunft oder politischer Gesinnung“, sagte Senatorin Fegebank.

Ingeborg Rapoport, geborene Syllm, hat ihr Medizinstudium 1937 abgeschlossen und ihre Doktorarbeit zum Thema Diphtherie geschrieben. Der damalige Direktor der Kinderklinik am UKE, Prof. Dr. Rudolf Degkwitz, bestätigte in einem Schreiben von 1938, dass er diese Arbeit als Doktorarbeit angenommen hätte, „wenn nicht die geltenden Gesetze wegen der Abstammung des Frl. Syllm die Zulassung zur Promotion unmöglich machten“. 1938 emigrierte Ingeborg Syllm-Rapoport in die USA – ohne Titel. Dort bewarb sie sich an verschiedenen Universitäten, in Philadelphia bekam sie die Möglichkeit, ihren Abschluss nach zwei zusätzlichen Studienjahren erneut abzulegen.

1950 zog sie gemeinsam mit ihrem Mann, Samuel Mitja Rapoport (1912–2004), und ihren vier Kindern in die DDR. 1969 übernahm Ingeborg Rapoport an der Berliner Charité den ersten Lehrstuhl für Neonatologie in Deutschland. Heute lebt Prof. Rapoport in Berlin-Pankow.

Prof. Koch-Gromus erfuhr anlässlich ihres 100. Geburtstages von dem Fall und setzte sich mit Nachdruck für Aufklärung ein. Gemeinsam entschied man sich für das Ablegen einer mündlichen Prüfung, auf die sich Prof. Rapoport mit Hilfe einiger Freunde und Angehörige vorbereitete. Mitte Mai war die dreiköpfige Prüfungskommission, bestehend aus Prof. Koch-Gromus, Prof. Dr. Gabriele M. Rune, (Institut für Neuroanatomie des UKE) und Prof. Dr. Dr. Michael Frotscher (Institut für Strukturelle Neurobiologie des UKE) nach Berlin gereist, um die mündliche Prüfung abzunehmen. Die Verteidigung der Dissertation zum Thema Diphterie fand in der Wohnung von Ingeborg Syllm-Rapoport statt.

Der Dekan zeigte sich anschließend begeistert von der Doktorandin: „Nicht nur unter Berücksichtigung ihres hohen Alters war sie einfach brillant. Wir waren beeindruckt von ihrer intellektuellen Wachheit und sprachlos über ihr Fachwissen – auch im Bereich moderner Medizin.“

Die 102-jährige schloss ihr Studium mit der Gesamtnote magna cum laude (mit großem Lob, eine besonders anzuerkennende Leistung) ab.

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