Projekt „Kein Täter werden“: Zweijähriges Bestehen am Standort Ulm

Der Ulmer Standort des deutschlandweiten Präventionsnetzwerks „Kein Täter werden“ feiert zweijähriges Bestehen. Seit dem 02. Juli 2014 bietet das Projekt, das an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie angesiedelt ist, Menschen mit pädophilen Neigungen, die aber keine Übergriffe begehen wollen, therapeutische Hilfe an: Anonym, unter Schweigepflicht und kostenfrei. Ziel ist es, sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen bereits im Vorfeld zu verhindern. Entwickelt wurde das Projekt von der Berliner Charité.

Neue Nachsorge- und Angehörigengruppe
Das Angebot wird in Ulm gut angenommen: Seit Projektstart im Juli 2014 kam es bereits zu 360 Kontaktaufnahmen via E-Mail oder Telefon. Seit Januar 2015 bietet eine Therapiegruppe Patienten die Möglichkeit, an sich und im Umgang mit der Präferenz zu arbeiten. Um Patienten nach der Intensiv-Therapie weiter zu betreuen, startet im Juli eine Nachsorgegruppe. „Es ist erfreulich, dass nun die ersten Patienten aus der intensiven therapeutischen Arbeit in eine weniger engmaschige Nachbetreuung wechseln können“, so Elisabeth Quendler, Psychologische Psychotherapeutin an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Koordinatorin des Projektstandorts. Für das Gelingen des Projektes „Kein Täter werden“ ist die ärztliche Schweigepflicht ganz besonders wichtig. So wird die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme gesenkt und mehr Betroffene nehmen das Hilfsangebot an.
Nicht nur die Betroffenen selbst leiden unter ihrer sexuellen Neigung. Meist haben auch die Angehörigen große Schwierigkeiten, mit der Situation umzugehen. Daher wurde das Angebot im November 2015 um eine Angehörigengruppe erweitert. Die Angehörigengruppe bietet Interessierten eine Plattform zur Informationsgewinnung und Austausch mit anderen Angehörigen sowie Hilfe im Umgang mit den Betroffenen.

Erweitertes Angebot
Als akademische Weiterbildung zum Zwecke der flächendeckenden psychotherapeutischen Behandlung von pädophilen Menschen wurden seit Projektstart zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen durchgeführt, weitere sind in Planung. Außerdem wird durch Forschungskooperationen mit dem deutschlandweiten Netzwerk „Kein Täter werden“ und der Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter (BEST) in Wien das Angebot für Hilfesuchende ständig evaluiert und verbessert.

Was ist Pädophilie?
Unter Pädophilie wird die sexuelle Ansprechbarkeit auf den kindlichen Körper verstanden. Die Ursachen sind nach heutigem Stand der Forschung nicht genau bekannt. Klar ist, dass sich Betroffene nicht aktiv für diese sexuelle Neigung entscheiden. Klar ist auch, dass diese Präferenz zwar ein erhöhtes Risiko für die Begehung sexueller Übergriffe darstellt, aber nicht jeder Betroffene zwangsläufig eine solche Verhaltensäußerung begeht. Daher ist es so wichtig, Betroffenen bereits im Vorfeld Hilfe anzubieten. Eine präventive Therapie ist der beste Opferschutz.

Alle Betroffenen ansprechen
Für den Erfolg des Projektes ist es wichtig, die komplette Zielgruppe anzusprechen. „Wir bieten anonym, unter Schweigepflicht und kostenfrei Therapie für diejenigen Menschen an, die eine sexuelle Präferenz für Kinder und Jugendliche haben“, so Quendler. „Manche Personen, die eine Ansprechbarkeit auf das kindliche oder jugendliche Körperschema haben, fühlen sich aufgrund des Slogans ‚Kein Täter werden‘ zunächst nicht angesprochen. Sie denken dann, nur potenzielle Täter dürfen sich melden.“ Das Projekt möchte aber allen Betroffenen Hilfe anbieten und besonders diejenigen ansprechen, die Angst haben, selbst zum Täter zu werden.

Erfolgreiche Kooperationen
Finanziert wird das Projekt „Kein Täter werden“ in Ulm durch das Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg.
Der Erfolg in Ulm liegt auch an der guten Kooperation innerhalb der Bewährungshilfe Stuttgart mit dem Beratungs- und Behandlungsverbund Baden-Württemberg und der Behandlungs-Initiative Opferschutz BIOS-BW e.V.. Außerdem wird die Vermittlung von Therapieplätzen im südwestlichen Raum unterstützt durch Prof. Dr. Klaus Hoffmann, Leiter der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Reichenau.

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