Prof. Ernst-Jürgen Richter: „Feinmechaniker“ und Experte für Zahnimplantate in Pension

Von April 1996 bis zu seiner Pensionierung im September 2016 war Prof. Dr. Dipl.-Ing. Ernst-Jürgen Richter Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik an der Würzburger Universitäts-Zahnklinik. „Eines meiner zentralen Anliegen als Arzt war es immer, eine solide, hochpräzise Zahnheilkunde zu leisten“, berichtet der 65-Jährige rückblickend. Auf diese Leidenschaft für Präzision weist auch das „Dipl.-Ing.“ in seinem Titel hin, denn vor seinem Studium der Zahnheilkunde an der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg absolvierte der gebürtige Bremer in den 1970er Jahren ein Maschinenbaustudium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen. „Die Zahnärztliche Prothetik ist zu großen Teilen eine Art Feinmechanik. Das Fach gab mir Gelegenheit, mit hoher Verantwortung und quasi als ‚eigener Herr‘ meiner Freude an hochpräzisem, geduldigem Arbeiten nachzugehen – und dies letztlich zum Nutzen der Patienten“, schildert Prof. Richter.

Implantologie in Würzburg aufgebaut

Als er vor 20 Jahren vom Klinikum der RWTH Aachen mit dem Ruf auf die Direktorenstelle nach Würzburg wechselte, konnte Prof. Richter in der Erforschung, Lehre und Ausführung von Zahnersatz viele neue Impulse setzen. In der Forschung widmeten er und sein Team sich von Beginn an der Implantologie, einem der aktivsten Forschungsgebiete der Zahnheilkunde der letzten zwei Jahrzehnte. „Wir beschäftigten uns unter anderem mit kurzen oder schräg stehenden Implantaten sowie deren Unterkonstruktionen“, erläutert Prof. Richter. Hinzu kamen grundlegende Funktionsuntersuchungen am Gebiss, zum Beispiel zur Zahnbeweglichkeit.
Die Würzburger Forschungsarbeiten fanden in der Fachwelt zum Teil hohe Beachtung. So wird nach den Beobachtungen von Prof. Richter zum Beispiel eine neun Jahre alte Studie seiner Klinik noch heute immer wieder international zitiert, die nachweist, dass es aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, in einem zahnlosen Oberkiefer an nur zwei Implantaten eine Vollprothese zu verankern.

Hohe Reputation auch bei der Behandlung

Das in Würzburg über die Jahre aufgebaute Expertenwissen in der Implantologie spiegelte sich auch in den diesbezüglichen Patientenzahlen und der Behandlungsreputation wider. „Neben sehr vielen Patienten aus der Region Mainfranken versorgten wir auch zahlreiche Menschen aus weiter entfernten Gebieten – wie zum Beispiel aus Russland – mit fortschrittlichen Implantat- und Zahnersatzlösungen“, sagt Prof. Richter.
Allerdings geriet nicht jede seiner Forschungsideen zu einem Erfolg. So bedauert Prof. Richter, dass die Arbeiten seiner Klinik, die darauf abzielten, einen digitalen Gebiss-Abdruck mittels Magnetresonanztomographie (MRT) zu erstellen, trotz großen Engagements auf Eis gelegt werden mussten. Nach seinen Angaben war es – neben technologischen und organisatorischen Hürden – vor allem die fehlende nachhaltige finanzielle Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft oder die Industrie während der Finanz- und Wirtschaftskrise ab dem Jahr 2007, die das Projekt letztendlich ausbremste. „Heute arbeiten namhafte, international tätige Firmen daran, die MRT in die allgemeine zahnärztliche Diagnostik zu integrieren“, weiß Prof. Richter.

Praktisches, wissenschaftliches Labor eingerichtet

Generell erschwert wurde die Forschung laut dem nun pensionierten Klinikdirektor dadurch, dass lange Zeit kein Labor für wissenschaftliche Untersuchungen zum Zahnersatz an der Würzburger Universitäts-Zahnklinik vorhanden war. Erst im Jahr 2009 konnte im Rahmen der allgemeinen, von 1998 bis 2012 dauernden Umbauarbeiten des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kiefergesundheit ein vergleichsweise kleines praktisches Forschungslabor für Arbeiten zur zahnärztlichen Prothetik eingerichtet werden.

Studentische Lehre mit Strukturproblemen

„Der Zahnersatz spielt auch in der Lehre, speziell in der vorklinischen Ausbildung, eine bedeutende Rolle“, betont Richter. Allerdings wurde sein diesbezüglicher anfänglicher Enthusiasmus im Lauf der Jahre durch die sich verschlechternden Rahmenbedingungen etwas gedämpft. „Während meiner Amtszeit nahmen die Studierendenzahlen in der Zahnmedizin um bis zu 60 Prozent zu. Es war und ist schwierig, unseren Nachwuchskräften mit zu wenig Behandlungsplätzen und zu geringen Patientenzahlen eine qualitativ hochwertige Ausbildung zu bieten“, bedauert der Professor und fährt fort: „Die Prothetik ist ein Fach, bei dem man mangelnde Praxiserfahrungen in der Ausbildung nicht durch mehr Theoriestunden auffangen kann.“
Durchgehend große Freude machte ihm demgegenüber die Anleitung der jungen fertigen Ärztinnen und Ärzte. „Meine Assistenzärztinnen und -ärzte blieben im Schnitt drei bis vier Jahre an der Klinik, manche sogar auch länger. So hatten sie die Gelegenheit, viel zu lernen – nicht zuletzt aus den Fallbesprechungen im Team“, berichtet Prof. Richter und ergänzt: „Ich hoffe, ich konnte den Kolleginnen und Kollegen dabei auch meinen ethischen Eigenanspruch einer soliden, qualitätvollen Zahnheilkunde weitergeben.“

Prof. Marc Schmitter neuer Klinikdirektor

Die Leitung der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik des Uniklinikums Würzburg ging zum 1. Oktober 2016 über an Prof. Marc Schmitter. Der 45-Jährige war vor seinem Ruf nach Würzburg zuletzt als Leitender Oberarzt an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Universität Heidelberg tätig.

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