Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Onur Güntürkün ist Inhaber der Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2016

Was sind die neuralen Grundlagen des Denkens? Was passiert beim Lernen, was beim Erinnern? In seiner Forschung versucht Onur Güntürkün zu verstehen, wie das Denken im Gehirn entsteht. Dabei schlägt er eine Brücke von der zellulären Ebene bis hin zum Verhalten. Dementsprechend verwendet er sowohl Methoden der Neurowissenschaft als auch der Experimentalpsychologie. Für seine Forschungsarbeiten zu den biologischen Grundlagen des Verhaltens von Tier und Mensch und für die vorbildliche Vermittlung seiner Forschungen in die breite Öffentlichkeit und in die Medien wurde er vielfach ausgezeichnet.

„Wir freuen uns sehr, dass wir Professor Onur Güntürkün für die Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur 2016 gewinnen konnten“, erklärt Peter Radermacher, Vorsitzender der Vereinigung der „Freunde der Universität Mainz e.V.“. „Mit Fragen, wie das Denken entsteht und unser Gehirn funktioniert, was die Leistungsfähigkeit dieses Organs ausmacht oder wie wir die Welt wahrnehmen und lernen, wie wir uns erinnern, aber auch vergessen, eröffnet der Biopsychologe im kommenden Sommersemester einen hochaktuellen Diskurs und wird auf diese Weise dem Anspruch unserer Stiftungsprofessur in geradezu idealer Weise gerecht.“

„Professor Güntürkün wird uns aufzeigen, wie bei über 100 Milliarden Nervenzellen die Ordnung unseres Denkens entsteht, und er hält es für wahrscheinlich, dass wir eines Tages die Prinzipien dieser Ordnung verstehen werden“, sagt der stellvertretende Vorsitzende der Stiftung Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur, Kurt Roeske. Und er fügt hinzu: „Dass wir dann auch wirklich Gedanken lesen kön-nen, daran zweifelt Professor Güntürkün aber aufgrund der Komplexität und Individualität unserer neu-ronalen Netzwerke, die uns unzählig viele geistige Vorgänge ermöglichen.“

Vorlesungsreihe „Psychologie und Gehirn: Zur Innenansicht des Menschen“
Das klassische Bild von uns selbst war ein dualistisches: Was den Menschen zum Menschen machte, war seine Seele und nicht sein Körper. Mittlerweile gehen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass auch das Mentale ein Ergebnis biologischer Mechanismen ist: Wir sind somit unser Gehirn. Doch dadurch ergeben sich eine Fülle neuer und komplexer Fragen, die Gegenstand der Forschung sowohl der Psychologie als auch der Neurowissenschaft sind.

Diese zwei Forschungsrichtungen werden in der Biologischen Psychologie gebündelt. Sie rückt somit in das Zentrum der Forschung zu den neuralen Grundlagen des Denkens und stellt Fragen, die in den Vorträgen der Vorlesungsreihe besprochen werden sollen: Wenn unser Gehirn eine Stammesgeschichte aufweist, gilt dies nicht genauso auch für unser Denken? Wo in den Weiten unseres Gehirns stecken unsere Erinnerungen? Warum haben wir Gefühle, wenn sie uns doch zu so vielen irrationalen Handlun-gen verleiten? Was macht uns und somit unser Gehirn intelligent? Und schließlich: Wird die Hirnfor-schung eines Tages in der Lage sein, unser Denken aus unserem Gehirn herauszulesen? Müssten wir spätestens dann nicht auch verstanden haben, was Bewusstsein ist, und wie die Innenansicht des Menschen strukturiert ist?

Fragen wie diese wird Onur Güntürkün gemeinsam mit seinen renommierten Gastredner erörtern: Nikolai Axmacher (Ruhr-Universität Bochum), Jan Born (Universität Tübingen), Lars Penke (Georg-August-Universität Göttingen) und Wolf Singer (Max-Planck-Institut Frankfurt). Die Vorträge finden vom 19. April bis zum 28. Juni 2016, jeweils dienstags von 18:15 bis 20:00 Uhr im Hörsaal RW 1, Haus Recht und Wirtschaft I, Jakob-Welder-Weg 9, auf dem Campus der Johannes Gutenberg-Universität Mainz statt.

„Professor Güntürkün wird dieses faszinierende Forschungsfeld aus den verschiedenen wissenschaftli-chen Perspektiven, von der Psychologie über die Biologie bis hin zu den Neurowissenschaften, im Dia-log mit der Bevölkerung eloquent, engagiert und verständlich mit hoher wissenschaftlicher Qualität prä-sentieren und diskutieren. Denn er wurde nicht nur für seine wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Gott-fried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet, dem wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland. Er erhielt auch den Communicator-Preis des Stifterverbandes für herausragende Leistungen auf dem Ge-biet des Wissenstransfers. Ich bin daher sicher, dass die 17. Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur erneut die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich ziehen und damit maßgeblich zum Ansehen der Universität beitragen wird“, betont der Vizepräsident für Forschung der Johannes Gutenberg-Universität, Prof. Dr. Wolfgang Hofmeister.

Stiftung „Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur“
Eingerichtet hat die „Vereinigung der Freunde“ die Stiftung „Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur“ aus Anlass des 600. Geburtstags von Johannes Gutenberg im Jahr 2000. Inhaber der Stiftungsprofessur waren der Kulturhistoriker und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Fritz Stern (2000), der führende Vertreter der Evolutionsbiologie und Pionier der Soziobiologie Bert Hölldobler (2001), der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (2002), der ehemalige Präsident der Alexander von Humboldt-Stiftung Wolfgang Frühwald (2003), der ehemalige Exekutiv-Direktor des Um-weltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) Klaus Töpfer (2004), der Komponist und Dirigent Peter Ruzicka (2005), der Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger (2006), der Immunologe Fritz Mel-chers (2007), der Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma (2008), Karl Kardinal Lehmann (2009), die Neuropsychologin und Kognitionswissenschaftlerin Angela D. Friederici (2010), der Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler Gottfried Boehm (2011), der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk (2012), der Finanzwissenschaftler Gerold Krause-Junk (2013) und der Physiker Christof Wetterich (2014) sowie die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann (2015).

Biographische Daten
Onur Güntürkün wurde 1958 in Izmir (Türkei) geboren. Nach dem Abitur in der Türkei studierte er Psy-chologie an der Ruhr-Universität Bochum, promovierte dort und war dann Postdoc in Paris, San Diego und Konstanz, bevor er 1993 einen Ruf auf die Professur für Biopsychologie an der Ruhr-Universität Bochum annahm. Seit der Rufannahme in Bochum haben ihn jeweils halbjährige Forschungsaufenthalte nach Brisbane (Australien), Izmir (Türkei) und Antwerpen (Belgien) geführt. 2014/15 war er für acht Mo-nate Fellow des Wissenschaftskollegs Berlin.

Onur Güntürkün ist Mitglied der Nationalen Akademie Leopoldina, der Akademie des Landes Nordrhein-Westfalen, Träger des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen sowie Träger von zwei Ehren-doktortiteln. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen wie z. B. den Alfried Krupp-Preis (1995), die Wil-helm Wundt-Medaille (2006), die Verdienstauszeichnung des türkischen Parlaments (2009), den Gott-fried Wilhelm Leibniz-Preis (2013) sowie den Communicator-Preis (2014). Er ist zurzeit Mitglied des Senats der DFG.

Forschungsschwerpunkte
Kognitive Neurowissenschaften, Systemneurobiologie; Funktionsweise des Denkens, Funktionelle Hirn-asymmetrien, Neuronale Grundlagen des Sehens, Kognitive und neuroanatomische Geschlechtsunter-schiede.

Auswahl an Publikationen
Güntürkün, Onur: Biologische Psychologie, Göttingen: Hogrefe, 2012

Geist – Gehirn – Genom – Gesellschaft, wie wurde ich zu der Person, die ich bin?: Vorträge an-lässlich der Jahresversammlung vom 20. bis 22. September 2013 in Halle (Saale); mit 1 Tabelle / Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, Nationale Akademie der Wissenschaften, Halle (Saale). Hrsg. von: Onur Güntürkün; Jörg Hacker, 2014

Lautenbacher / Güntürkün / Hausmann: Gehirn und Geschlecht. Neurowissenschaft des kleinen Unterschieds zwischen Frau und Mann, Berlin Heidelberg: Springer-Verlag, 2007

http://www.bio.psy.ruhr-uni-bochum.de/selected_publications.html

Fotos als Download unter
www.uni-mainz.de/bilder_presse/freunde_stiftungsprofessur2016.jpg

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